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Schauspiel Frankfurt

Wir wären einander niemals begegnet

Von Eva-Maria Magel und Helmut Fricke
 - 17:52

Für ein erstes Mal sind sie alle ganz erstaunlich cool. Nichts zu spüren von Nervosität oder der Scheu, direkt auf Fremde zuzugehen. Nicht auf der Treppe, wo ohrenbetäubend auf blaue Metalltonnen gehauen wird und einzelne goldgewandete Jugendliche dem Publikum Auge in Auge Geschichten erzählen, mit der Bitte, sie fortzusetzen. Schon gar nicht draußen, vor dem Schauspiel Frankfurt auf dem Willy-Brandt-Platz, wo eine Schar junger Leute in orangefarbenen Warnwesten plötzlich Passanten aufmischt, sich mal hier hinlegt, mal dort ein Tänzchen wagt und die aus der Straßenbahn strömenden Menschenpulks unterbricht.

In der Panoramabar des Schauspiels hat das Künstlerteam West sein „Museum der nutzlosen Dinge“ eingerichtet. Wer es betritt, wird von jungen Leuten freundlich dazu aufgefordert, einen Gegenstand zu wählen und ihn in seinen Eigenschaften akribisch zu bestimmen, mit Maß und Waage. Wie groß? Welche Farbe? Was war er? Was könnte er werden? So bekommt einst Nutzloses eine neue Bestimmung. Anderes hingegen gab es einmal, jetzt aber ist es sinnlos oder anders sinnvoll. Ein gutes Dutzend Jugendlicher leitet die Besucher an und hilft an den einzelnen Stationen.

Ziele: eine Rieseninszenierung und die Zukunft in die Hand nehmen

Das Sachensuchen wie bei Pippi Langstrumpf war von Anfang an eine Übung beim Team West im Projekt „All our futures“. Nun ist aus dem fiktiven Museum ein Beitrag zum bislang größten gemeinsamen „Tryout“ geworden, für den sich 180 Schüler, ihre Lehrer und Betreuer sowie die zehn beteiligten Künstler im Schauspiel versammelt haben. Zum ersten Mal zeigen sie Teile von dem, was die Schüler jede Woche drei bis vier Unterrichtsstunden lang beschäftigt, auch auf der großen Bühne. Sehr souverän, gewitzt, ehrlich. In einem Jahr werden sie dort eine Rieseninszenierung stemmen.

Was wird danach aus all diesem Potential? Die Initiatoren von „All our futures“, allen voran Martina Droste, die Leiterin des Jungen Schauspiels, erhoffen sich, dass die beteiligten Jugendlichen ihre Zukunft in die Hand nehmen und ausstrahlen auf andere. Noch ein Jahr lang läuft „All our futures“, das größte Projekt am Schauspiel Frankfurt und wohl das größte Kunst- und Teilhabeprojekt, das ein deutsches Schauspiel je gestemmt hat. Rund 180 Schülerinnen und Schüler nehmen an ihm teil, aufgeteilt in je drei Teams aus drei Himmelsrichtungen der Stadt Frankfurt. Zumeist kulturell wenig versorgte Randlage, denn darum, in privilegierten Stadtteilen ein weiteres Angebot zu schaffen, geht es ausdrücklich nicht. Es geht darum, Jugendlichen zu ermöglichen, ihre eigene Zukunft zu träumen, zu entwerfen und zu bauen, ihnen die Kunst als Möglichkeit nahezubringen und darum, Phantasien nicht nur zu haben, sondern in konkrete kreative Arbeit und Perspektiven umzusetzen. Das ist einer Reihe von Stiftungen und Sponsoren eine Million Euro wert, das Abschlussprojekt noch gar nicht mitgerechnet.

Auch wenn am Ende, nächstes Jahr zu Ostern, eine große Inszenierung der Regisseurin Jessica Glause auf einen Text von Tina Müller stehen soll und beide die Arbeit der Jugendlichen schon jetzt verfolgen: Es geht weniger um dieses Ziel, sondern um einen Weg. Und selbst er ist nicht festgelegt. „Finden, wonach man nicht gesucht hat“, beschreibt Alexander Leiffheidt, Dramaturg und zusammen mit Droste künstlerischer Gesamtleiter, das Vorgehen. Das unterscheidet „All our futures“ deutlich von anderen Projekten, die kulturelle Bildung und Teilhabe mit Vorgaben verbinden.

Komplexe Herausforderung und Bereicherung

Den Prozess in den Mittelpunkt zu stellen mache „All our futures“ so besonders, sagt Droste. Das sieht auch die Frankfurter Regisseurin Regina Wenig so, die die Schülergruppen des Teams Ost zusammen mit der Tänzerin und Choreographin Kristina Veit und dem Musiker Alexandar Hadjiev betreut. „Es ist ein organischer Prozess“, sagt sie: „Wir verlieren die Linien nicht aus den Augen, aber es ist wie alles Lebendige – es wächst nicht linear und macht auch mal einen Umweg.“ Das ist herausfordernd und komplex, aber offenbar auch sehr bereichernd. „Das Schauspiel wollte ja Künstler und keine ausgebildeten Theaterpädagogen für die Projekte. Ich empfinde das für mich als Zusammenwachsen und gemeinsames Lernen. Ich muss mit einem 14 Jahre alten Schüler morgens um acht Uhr im Wahlpflichtfach anders sprechen als mit einem Menschen, der sich für einen künstlerischen Beruf entscheiden hat“, sagt Wenig: „Es ist der Versuch, Begegnungen zu ermöglichen, zwischen den Schülern, uns, der Kunst.“ Sie selbst, vor allem durch Projekte im Stadtraum bekannt und Entdeckerin ihrer Umgebung, will das Beobachten der Welt als Kunst vermitteln – und nimmt aus den Beobachtungen der Jugendlichen viel mit. Ihre drei Gruppen hätten sie und ihre Kollegen als sehr verschieden wahrgenommen. Nun sehe sie die Schritte, die zurückgelegt worden seien. „Wir hatten mit jeder Gruppe Phasen, in denen es hakte, und wenn sich dann der Knoten löst, sind da kleine Goldklumpen.“

Nach dem ersten Jahr unter dem Titel „Welten“, in dem die jeweiligen Stadtteilgruppen ihre Umgebung, ihre Lebensbedingungen gewissermaßen, erkundet haben und sich untereinander kennenlernten, geht es dieses Jahr um „Die Reisen“. Was auch bedeutet, dass die Gruppen aus Ost, Nord und West sich in vielen Besuchen und kleineren Tryouts, also dem Ausprobieren zuvor entwickelter künstlerischer Formate, untereinander austauschen. Berufsschüler und Gymnasiasten, Hauptschüler, Realschüler und eine Gruppe vom Kinderschutzbund überschreiten Gräben, die zuvor andere für sie gezogen haben. Die Schulen sind dabei der wesentliche Partner, schließlich ist es wöchentliche Unterrichtszeit im Wahlpflichtfach, die verwendet wird.

Beim großen öffentlichen Tryout im Schauspiel, den auch zahlreiche Akteure der deutschen Kinder- und Jugendtheaterszene mit großem Interesse besucht haben, war mit Händen zu greifen, was „All our futures“ in und mit den Jugendlichen freisetzt. „Für uns ist das die Zukunft in der Gegenwart, jene Momente, in denen Begegnung und Austausch künstlerisch und sozial gelingen“, sagt Droste – ein „sehr beglückender“ Prozess. Heute sagen die Jugendlichen selbst: „Wir wären einander nie begegnet.“ Und staunen fast ein wenig darüber, wie gut das gehen kann.

Der Blog und Informationen über die Veranstaltungen von „All our futures“ sind nachzulesen im Internet unter schauspielfrankfurt.de/all-our-futures

Quelle: F.A.S.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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Helmut Fricke
Redaktionsfotograf.
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