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Prozessbeginn nach Schlägerei

Vor lauter Erregung losgeprügelt

Von Anna-Sophia Lang
 - 18:56
Drei Verdächtige vor Gericht: Prozess wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung

Die Laune auf der Anklagebank ist gut. Da ein Scherzchen mit dem Verteidiger, dort ein Kichern über die Zitate in der Anklageschrift, so lässt es sich aushalten am Landgericht. Aber es ist ja für mindestens einen der drei Männer auch nicht das erste Mal hier. Und so richtig ernst kann der Achtzehnjährige seine bisherige Erfahrung mit der Justiz nicht genommen haben. Immerhin hat er die Tat, für die er hier angeklagt ist, unter laufender Bewährung begangen.

Das bereut er zwar jetzt, wie er sagt, aber als es zur Sache ging, konnte er vor lauter Aufregung einfach nicht dran denken. Sein großer Bruder, 19 Jahre alt, ist ebenfalls mit von der Partie und auch er scheint kein Freund von Besonnenheit zu sein. Zusätzlich zur eigentlichen Anklage verliest der Staatsanwalt direkt noch zwei weitere, eine für jeden Bruder. Darin geht es um Widerstand gegen Polizeibeamte („Von einer Frau lasse ich mir gar nichts sagen“, „Hast du dein blutiges Tampon heute schon gewechselt?“) und um eine Prügelattacke auf einen Wohnsitzlosen. Neben den Brüdern wirkt der dritte Angeklagte, ein 40 Jahre alter Bekannter, am ersten Prozesstag beinahe harmlos.

So charmant, wie die Männer in den zwei neuen Anklageschriften rüberkommen, wirken sie auch in dem Fall, um den es vor allem geht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor, weil sie im November 2018 nahe einem Supermarkt an der Eschersheimer Landstraße auf eine Gruppe von Passanten losgegangen sein sollen. Auslöser für die Prügelei, die an sich niemand bestreitet, war eine vermeintliche Nichtigkeit: Der Achtzehnjährige fragte die Gruppe nach einer Zigarette, aber nachdem er sich nicht bedankte und deshalb mit einem ironischen „Bitte“ bedacht wurde, war die Welle der Emotionen nicht mehr aufzuhalten.

Schuld an der Eskalation

Derart herablassend und provokant sei dieses „Bitte“ gewesen, lässt der junge Angeklagte seinen Verteidiger mitteilen, dass er sich den Ton einfach nicht gefallen lassen wollte. In der anschließenden Diskussion soll er gesagt haben, dies sei seine Gegend, da müsse er nicht Danke oder Bitte sagen. Jedenfalls rief er daraufhin seinen Bruder zu Hilfe, der auch prompt in Begleitung des vierzigjährigen Mitangeklagten und eines weiteren Freunds anrückte. Wer dann an welchem Punkt den ersten Schlag tat und die Situation damit eskalieren ließ, ist am ersten Prozesstag nicht zu durchschauen. Die drei Angeklagten sagen übereinstimmend, die andere Gruppe habe pausenlos provoziert mit Beleidigungen, Kampfposen und einer demonstrativ ausgezogenen Jacke, obwohl sie doch versucht hätten, die Lage zu beruhigen. Wobei der Vierzigjährige dabei möglicherweise eine suboptimale Strategie verfolgte: Vor Gericht sagt er, er habe dabei den Satz „Wenn ihr euch unbedingt schlagen wollt, wird das nicht gut für euch enden“ gesagt.

Und jenseits aller angeblichen Beruhigungsversuche erzählen die Brüder auch, wie sauer sie über die Gruppe waren. Jetzt tut ihnen zwar leid, dass sie sich provozieren ließen. Aber: „Ich war einfach so wütend und erregt“, heißt es vom Jüngsten, „die Provokationen waren so heftig, dass ich das nicht einfach schlucken wollte.“ Auch sein Bruder wollte sich „das nicht gefallen lassen“. Insbesondere, als die in solchen Kreisen inflationär verwendete, explizite Beleidigung seiner Mutter fiel. Nachdem einer der Männer dann auch noch eine Holzlatte auf ihn geworfen habe, schlug er diesem „ohne Zögern in meiner völligen Erregung“ eine Whiskeyflasche auf den Kopf. Die war laut Anklage noch halb voll und zersplitterte, was der Angeklagte bestreitet. Auch weitere Attacken mit herumstehenden Bierflaschen gab es ihm und seinen Mittätern zufolge nicht.

Die Konsequenzen für das Opfer der Whiskey-Attacke jedenfalls sind ärztlich dokumentiert: Eine Schädelprellung, zwei Platzwunden am Kopf und Hämatome. Ein anderer aus der Gruppe erlitt eine Nasenbeinprellung. Ob und wie die Angeklagten verletzt wurden, blieb am ersten Prozesstag unklar. Die Verhandlung wird fortgesetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lang, Anna-Sophia
Anna-Sophia Lang
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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