Pussy Riot in Lich

Russische Freiheitsschreie im Herzen der Natur

Von Thorsten Winter
25.05.2022
, 14:55
Rotlichtviertel: Pussy Riot während ihrer Performance im Kino Traumstern in Lich am Dienstagabend
Video
Pussy Riot im Kino. Auf der Leinwand? Auf der Bühne! In der mittelhessischen Provinz. Und vor Beginn der ausverkauften Performance schaut noch die Polizei vorbei.
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Im Vorraum und vor dem Eingang stauen sich die Gäste. Aber Edgar Langer muss um Geduld bitten. Dauert noch etwas. Die Heldinnen des Abends sind erst spät im Kino Traumstern angekommen, dessen Ko-Chef Langer ist, und das am Dienstagabend als Bühne dient. Für Pussy Riot. Genauer gesagt haben das Quartett und seine Helfer erst um Viertel nach sechs angeklopft. Die Folge: Aufbau, Soundcheck und Lichtprobe als Parforceritt. Aber hier in Lich, im Herzen der Natur sozusagen, bekommen die Künstlerinnen mildernde Umstände gutgeschrieben, auf die sie in ihrer russischen Heimat nicht hoffen dürfen.

Wieso aber kommen Pussy Riot mit der gerade erst auf abenteuerliche Weise aus Russland getürmten Mascha Aljochina in die mittelhessische Provinz? Zumal Langer sagt: „Wir wissen, wir sind für sowas zu klein.“ Wäre das bequem mit Sesseln bestuhlte Traumstern kein Kino, ginge es als kleiner Club durch. Auf der Suche nach Antwort bewahrheitet sich die Alltagsweisheit „Es ist gut, jemanden zu kennen, der einen kennt“. Langer kennt seit zwei Jahrzehnten den Mann, der die gesamte Europa-Tour der Performance-Truppe leitet.

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„Politisches Zeichen setzen“

Dessen ungeachtet wolle seine Mannschaft ein politisches Zeichen setzen: gegen den russischen Präsidenten Putin und seine Leute – aber auch gegen jene, die russische Künstler hierzulande als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine von den Bühnen verbannen wollen. Dann betritt plötzlich eine Polizeistreife das Kino. Ein Beamter hat ein Formular in der Hand. Es wird sich doch wohl kein Nachbar vorsorglich wegen möglicherweise zu lauter Musik beschwert haben? Doch nach ein paar Minuten ist alles geklärt. „Wollen wir hoffen, dass alles friedlich bleibt“, meint der Polizist. Nicht von ungefähr: Auch in Mittelhessen gibt es Putin-Versteher.

Doch als Programmkino-Betreiber ist Langer das Risiko gewohnt. Zumal in diesem Fall: „Wir haben den Vertrag unterschrieben, als Aljochina gerade aus dem Knast freigekommen war – und dann musste sie ja noch aus Russland rauskommen.“ Letztlich hat sich das Risiko aber gelohnt: Die Show war rasch ausverkauft. Ihr Ruf eilt Pussy Riot voraus.

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Entsprechend warmherzig begrüßt dann das Publikum das Quartett, zu dem neben Aljochina und Diana Burkot und Olga Borisova auch Anton Ponomarev gehört, ein Saxofonist, der im roten Kleid auf die Bühne tritt. Der Mann mit langen lockigen Haaren und Vollbart kommt vom Jazz und was er spielen wird, klingt meist sehr free. Wohlklang hört sich anders an. Aber was Pussy Riot zu bieten haben, ist trotz Percussion und Synthesizer auch kein Konzert im engeren Sinne.

Die eine im Brautkleid, die andere in Blazer und BH

Das Quartett bietet vielmehr eine Art Multimedia-Show, eine tour d´horizon durch die eigene und die zeitgenössische russische Geschichte. Es reihen sich auf der Leinwand Bilder aneinander von Demonstrationen und Gewalt von Sicherheitskräften, Proben und provokativen Auftritten wie jener berühmt gewordenen Performance in einer russisch-orthodoxen Kirche vor gut zehn Jahren, die der Staat mit Haftstrafen ahndete. Eindrücke aus der abenteuerlichen Gerichtsverhandlung gegen Aljochina gibt es als Graphic Novel. Selbst als Performance ist das bisweilen nur schwer erträglich, zumal die Klänge aus den Instrumenten die Schmerzgrenzen im Publikum ausloten.

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Auf der Bühne spielen sie im Brautkleid und Borisova in schwarzem Blazer und BH von Aljochina erlittene Erniedrigungen und Beleidigungen nach. Sie schreien wie gequält in die Mikros und das Saxofon kreischt und jammert dazu. Vor allem senden Pussy Riot mit Stakkato-Sprechgesang und rhythmisch gestreckten Fäusten klare politische Botschaften gen Russland. „Du wirst keinen Erfolg haben, wenn Du keinen Anschluss an dieses System hast - aber Du kannst das System ändern“, lautet eine. „Jeder kann Pussy Riot sein“, eine andere. „Für die Freiheit – Deine und meine“, eine dritte. Dazu passt, dass sie das ikonische Marianne-Bild der Nationalfigur der Französischen Republik als Symbol der Freiheit einblenden und im Verlauf Porträts politischer Gefangener in Russland, die der Freiheit entbehren.

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So war das erste Konzert
Video: Reuters, Bild: AFP

Doch plötzlich bricht der Film nach gut einer Stunde ab, das Licht geht aus. Stille. Doch dann ertönt von der Bühne ein „Tenk ju“, fast schüchtern gesprochen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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