Apfelwein

Hessische Ebbelwei-Kultur soll auf Kulturerbe-Liste

Von Manfred Köhler
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 17:37
Aus dem Bembel in das Gerippte und bald dann auf die Weltliste: Der Frankfurter Ebbelwei.
Auf dem Weg nach ganz, ganz oben: Die hessische Ebbelwei-Kultur soll auf die Bundesliste für Kulturerbe kommen. Das kann nur der Anfang sein.

An alle, die den Apfelwein verachten, die ihn für ein Getränk weißer, alter Männer halten. An alle, denen ein Sauergespritzter zu sauer und ein Süßgespritzter zu süß ist: Ihr könnt Euch gerne noch einen Aperol Spritz bestellen. Oder einen von diesen Hugos. Oder eins von diesen angesagten Craft-Bieren, die vor lauter Handwerk kaum noch zu trinken sind. Aber es nicht dieser neumodische Kinderkram, der jetzt auf dem Weg nach ganz, ganz oben ist. Sondern der gute alte Ebbelwei.

Denn mag es auch sein, dass gerade niemand weiß, wie es an den Hochschulen weitergeht, wie Forschung in Corona-Zeiten funktioniert soll, wie Studenten über die Runden kommen – im hessischen Wissenschaftsministerium blickt man weit über den Tag hinaus und hat am Mittwoch offiziell verkündet, dass die hessische Apfelweinkultur, die ja im Grunde eine Frankfurter Apfelweinkultur mit etwas Umland ist, auf eine Liste kommen soll, die den sehr wichtig klingenden Titel „Bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes“ trägt und von keiner geringeren Organisation als der Unesco gepflegt wird.

Und weil man ja noch wird träumen dürfen, wenn man tief in seinen zweiten, dritten Sauergespritzten blickt, darf erwähnt werden, dass es von der Bundes-Liste bis zur Welt-Liste dann nur noch ein einziger Schritt ist. Wenn der eines Tages auch noch klappte, stünde der Apfelwein auf einer Stufe mit dem argentinischen Tango, dem portugiesischen Fado und der Reggae-Musik auf Jamaika, was ja eigentlich ein ganz natürliches Ergebnis wäre, verträgt sich doch ein guter Ebbelwei aufs Beste mit Handkäs’ mit Musik, da wüchse mithin zusammen, was eigentlich längst zusammengehört.

Und es wäre endlich mal etwas Lustiges oder wenigstens Lustigmachendes aus Deutschland dabei, was man ja von der Orgelmusik und dem Genossenschaftswesen, die es schon geschafft haben, nicht so richtig sagen kann.

Bisher hat das nur der hessische Kratzputz geschafft

Aber erst einmal geht es nun um den nationalen Wettbewerb. Da muss der Apfelwein beweisen, dass er es mit dem Osterräderlauf in Lüdge, dem Wunsiedler Brunnenfest und der „Revitalisierung des Spiels auf der diatonischen Handharmonika in Mecklenburg-Vorpommern“ aufnehmen kann, die alle schon auf dieser Liste stehen. Das kann ja so schwer nicht sein.

Aus Hessen hat es bisher nur der hessische Kratzputz auf die Bundesliste geschafft. Der guten Ordnung halber sei angefügt, dass das Wissenschaftsministerium auch noch den Tabakanbau in Lorsch, das Uhrmacherhandwerk und die „Herbsteiner Foaselt“, eine Veranstaltung am Rosenmontag im gleichnamigen Ort des Vogelsbergkreises für die Bundesliste nominiert hat. Das ist gewiss auch alles sehr schön. Und überhaupt ist alles besser, als wenn nur ein Wandputz als Botschafter Hessens gilt.

Jetzt muss nur noch das Sekretariat der Kultusministerkonferenz über den hessischen Antrag befinden, das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe, das wiederum von der Geschäftsstelle Immaterielles Kulturerbe der Deutschen Unesco-Kommission einberufen wird, dann müssen die Empfehlungen des Expertenkomitess von der Kulturministerkonferenz im Benehmen mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien bestätigt werden. Was es nicht alles für wichtige Leute gibt! Hoffentlich wissen sie in all diesen Kommissionen wenigstens, wie Apfelwein schmeckt, und zwar nicht nur der erste, sondern auch der zweite und dritte. Wohl bekomm’s.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhler, Manfred
Manfred Köhler
Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.
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