Spielzeugmuseum Hanau

Katrin und der kopflose Reiter

Von Luise Glaser-Lotz
22.05.2022
, 06:00
Wehrhaft: Natürlich haben die Playmobil-Figuren auch das Mittelalter erobert.
Die Faszination des Mittelalters ist ungebrochen. Welche Rolle Ritter und Burgfräuleins, Burgen und Drachen für die Hersteller von Spielzeug haben, zeigt nun eine Ausstellung im Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseum in Hanau.
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Es gibt ihn als Folterknecht mit roter Maske, Nagelbrett und Streckbank. Oder als Scharfrichter samt Schafott, Beil und Delinquenten, der seinen Kopf auf einen Holzklotz legt. Wenn es darum geht, die Wirklichkeit im Spielzeug nachzubilden, sind die Spielzeughersteller manchmal nicht gerade zimperlich. Besonders die Firma Playmobil kreiert mit ihren Figuren und Accessoires ganze Welten mit guten und unheimlichen Seiten. Folterknecht und Scharfrichter sind dabei allerdings die wenigen, die man Kindern nicht unbedingt zum Spielen überlassen sollte.

Laut Victoria Asschenfeldt, Leiterin des Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseums in Hanau-Wilhelmsbad, sind die gruseligen Gestalten längst aus dem Sortiment genommen worden und als Anschauungsobjekt im Museum nicht zu finden. Aber es gibt von Playmobil grandiose Drachen in vielen Variationen, Ritter, Burgfräuleins und detailreiche Burgen, die gerade in das Konzept der neuen Sonderausstellung des Museums passen: „Ritter, Burgen, schöne Fräulein – Wie das Mittelalter ins Kinderzimmer kam und sich bis heute darin hält“ ist die Schau überschrieben, die vor allem die romantischen Ausprägungen der Mittelalterrezeption beleuchtet. Das ist stimmig, denn die grausamen Facetten des Mittelalters, die Zeiten von Pest, Brandschatzungen, Hungersnöten, Quacksalbern, Hexenverfolgungen und hoher Kindersterblichkeit dienen nicht als Vorlage für fröhliches Spiel im Kinderzimmer. Die Kuratoren Victoria Asschenfeldt und der Mittelalterexperte Ortwin Pelc machten sich vielmehr auf Spurensuche, um den Wandel der Mittelalterrezeption in der Welt des Spielzeugs sowie der Kinder- und Jugendbücher zu erkunden.

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Haben die Kinder schon im Mittelalter gespielt? Und wenn ja, welches Spielzeug hatten sie, war eine der Fragen, der sie nachgingen. Allzu viel weiß man heute nicht über das Kindsein im Mittelalter, darüber gibt es laut Asschenfeldt kaum Aufzeichnungen oder Bilder. Doch die Museumsleiterin ist überzeugt: Kinder spielten zu allen Zeiten, auch im Mittelalter. Die wenigen Relikte, die man dazu fand, stammen vor allem aus den Latrinen größerer Städte. Dort fand man Rasseln, Bauklötze, Murmeln, Bälle, Kreisel, Puppen, Reifen und Wippen sowie Menschen- und Tierfiguren. Sogar Schaukelpferde gab es damals schon.

Bis heute spielen Frauen eine untergeordnete Rolle

Eine professionelle Produktion existierte noch nicht, doch viele Dinge wurden selbst gemacht, oft aus Stöcken oder Knochen. Die ältesten Stücke der Schau entdeckte man Anfang der Fünfzigerjahre in einer Kloake im Lübecker Johanniskloster. Eine Holzpuppe, Katrin genannt, stammt in etwa aus dem Jahr 1300, außerdem grub man dort einen Kreisel, eine Vogelfigur und einen Reiter aus Steinzeug aus, dem irgendwann der Kopf abhandengekommen ist. Er trägt einen Schild, so dass man ihn als Ritterfigur identifizieren konnte.

Richtig los ging es mit den mittelalterlichen Spielzeugen laut Asschenfeldt im neunzehnten Jahrhundert. Ritter- und Soldatenfiguren wurden in großer Zahl aus Zinn gegossen und Spielzeugburgen aus Holz, dann zunehmend aus Plastik angefertigt. Zu einem Verkaufsschlager wurden in der Nachkriegszeit Figuren und Gebäude aus Elastolin, einer luftgetrockneten Masse aus Holzmehl, Leim, Ton, Papierfasern, Gips und weiteren Bestandteilen. Mit der Zeit wurden die Formen von Burgen und Figuren immer vielfältiger, bis zu der reichen Auswahl an Mittelalterprodukten unserer Tage. Dabei spielen bis heute die Frauen eine eher untergeordnete Rolle. Als im Minnesang verehrte Figur, doch eingesperrt hinter dicken Burgmauern, taucht die Frau des Mittelalters zwar auf. Welche Rolle sie im Alltag gespielt hat, bleibt aber im Dunkeln.

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Romantisch-verklärter Blick auf die Vergangenheit

Auf eine weitere Erkenntnis sind Asschenfeldt und Pelc gestoßen: Obwohl die ins Heilige Land ziehenden Kreuzritter eine dominierende Rolle spielten, kommen diese und auch die Kirche an sich in der Spielzeugproduktion so gut wie niemals vor. Das könnte daran liegen, dass hinter der Verehrung des Mittelalters auch der weltliche Gedanke eines deutschen Nationalstaats stand, ein Umstand, den sich die Nationalsozialisten natürlich zunutze machten. Außerdem passten Klerus und Kreuzritter zuvor wohl nicht gut in das romantisch-verklärte Bild des Rittertums, repräsentiert durch Mythen- und Sagengestalten wie Artus und seine Tafelrunde, die Nibelungen, Parzival, der Zauberer Merlin oder Robin Hood. Wie sich deren Darstellung in Laufe der Zeiten in Kinder- und Jugendbüchern und in Filmen wandelte, kann in der Ausstellung gut nachvollzogen werden.

Alle für einen: die Ritter der Tafelrunde
Alle für einen: die Ritter der Tafelrunde Bild: Sandra Schildwächter

Der Mittelalter-Boom ist bis heute ungebrochen, zeigt die Ausstellung. Vielleicht ist er angesagter denn je. Musikgruppen wie In Extremo stehen seit vielen Jahren erfolgreich auf der Bühne, und Mittelaltermärkte sind fast immer überfüllt. In die Mittelalterrezeption mischen sich aber immer mehr Fantasy-Elemente. So ist der mittelalterliche Merlin gewiss das Vorbild für den Oberzauberer Dumbledore in Harry Potter. Der Schwertkampf hat sich ebenfalls erhalten, nur kämpfen Obi-Wan Kenobi und Darth Vader in Star Wars mit Laserschwertern statt mit Waffen aus Stahl.

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Nähere Informationen über Öffnungszeiten und Programm des Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseums in Hanau-Wilhelmsbad im Internet unter www.hpusm.de. Am Sonntag, 28. August, wird im Museum ein Mittelalterfest gefeiert. Zur Ausstellung erschienen ist ein reich bebilderter Begleitband mit Beiträgen der Kuratoren und Wissenschaftlern. Er heißt „Ritter, Burgen, schöne Fräulein. Das Mittelalter im Kinderzimmer“ und kostet 14,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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