Folgen des Skandals

Awo Wiesbaden geht in die Insolvenz

Von Oliver Bock, Wiesbaden
25.11.2020
, 13:20
Jetzt ist es offiziell: Die Wiesbadener Awo leitet das Insolvenzverfahren ein. Im Frühjahr soll ein Sparplan vorliegen, der die weitere Arbeit „gestärkt“ ermöglichen soll.

Die letzten vagen Hoffnungen, die Insolvenz des Wiesbadener Kreisverbands der Arbeiterwohlfahrt noch abwenden zu können, haben sich zerschlagen. Weder gingen die Mitarbeiter auf einen Forderungsverzicht des Vorstands ein, noch konnte eines der wertvollen Kita-Grundstücks im Westend schnell beliehen werden. Das Amtsgericht Wiesbaden hat inzwischen bestätigt, dass die Vorstände Wolfgang Hessenauer und Franz Betz einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt haben. Damit vollzogen die beiden Vorstände, was sie schon Anfang November in einem Mitarbeiterbrief angekündigt hatten. Damals hieß es, die Awo könne den 420 Beschäftigten zwar die Gehälter für November und Dezember zahlen, nicht aber das mit dem Novembergehalt fällige Weihnachtsgeld nebst Corona-Zulage. Darauf wollte aber weniger als die Hälfte der Mitarbeiter verzichten.

Laut Awo wird die Insolvenz in Eigenverwaltung von den Sanierungsexperten Rainer Eckert und Eike Happe unterstützt. Zum vorläufigen Sachwalter wurde sei Jan Markus Plathner bestimmt worden. Laut Hessenauer war der Schritt wegen „des jahrelangen Missmanagements im Kreisverband“ unausweichlich. Awo-Geschäftsführerin Andrea Piro strebt „einen kompletten Neuanfang“ an. Löhne und Gehälter seien für drei Monate über das Insolvenzgeld gesichert. Der Geschäftsbetrieb in den beiden Pflegeeinrichtungen und den neun Kitas laufe unvermindert weiter.

Verdi reagiert mit „Bedauern und Unverständnis“

Sachwalter Plathner gibt sich in einer Mitteilung überzeugt, dass die Awo Wiesbaden gestärkt aus dem Insolvenzverfahren hervorgehen könne. Er sieht eine „positive Fortführungsprognose“ für den Kreisverband. Am Sanierungskonzept werde gearbeitet, erste Ergebnisse würden in einigen Wochen vorgestellt. Für das Frühjahr sei ein Insolvenzplan mit dem neuen Awo-Konzept erkennbar.

Die Gewerkschaft Verdi reagiert auf den Insolvenzantrag mit „Bedauern und Unverständnis“. Gewerkschaftssekretär Stefan Röhrhoff, der für die Tarifverhandlungen mit Wohlfahrtsverbänden zuständig ist, sagt: „Wir sind über die Entscheidung sehr befremdet.“ Die Awo habe ein Angebot und damit eine Lösung zur Behebung der Liquiditätsschwierigkeiten vorgelegt. Der Vorstand habe sich damit aber nicht ausreichend auseinandergesetzt. Laut Verdi hatten sich die Beschäftigten bei einer Verdi-Mitgliederversammlung für die Stundung der Jahressonderzahlung und des tarifvertraglich festgelegten Corona-Bonus sowie für weitere Tarifverhandlungen ausgesprochen.

Röhrhoff vermutet, dass die Insolvenz der Awo-Führung wegen des Einspringens der Agentur für Arbeit aber „vielversprechender“ erschien.

Verdi gibt zu, den Mitarbeitern abgeraten zu haben, vom Awo-Vorstand vorgeschlagene Einzelvereinbarungen zum Verzicht auf zustehende Zahlungen zu unterzeichnen. Laut Verdi-Gewerkschaftssekretär Armin Löw gibt es mit derartigen Einzelvereinbarungen „keinerlei rechtliche Sicherheit“ für die Beschäftigten. Diese Sicherheit wäre nur über einen Notlagentarifvertrag erreichbar gewesen.

Löw fordert nun Transparenz und nachvollziehbare Entscheidungen für die Beschäftigten, die die Leidtragenden dieser Misere seien. Sie müssten über die Gewerkschaften und den Betriebsrat „fortlaufend und umfassend“ über den Gang des Insolvenzverfahren und die Sanierung informiert werden. Verdi fordert die Awo auf, einen begleitenden „Sanierungsbeirat der Arbeitnehmer“ zu akzeptieren. Nur durch eine weitgehende Einbindung der Beschäftigten lasse sich das verlorengegangene Vertrauen wiederaufbauen. Die Gewerkschaft sei zu weiteren, kurzfristigen Gesprächen bereit, auch wenn nun Fakten geschaffen worden seien.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot