Baustelle auf A66

Nächstes Kapitel im Brückendrama

Von Oliver Bock, Wiesbaden
Aktualisiert am 22.09.2020
 - 13:12
Dauerärgernis: Die Salzbachtalbrücke (im Bild beim Besuch von Verkehrsminister Tarek Al-Wazir) sorgt täglich für Stau.
Hessen Mobil und die Baufirmen streiten um den Abriss der Salzbachtalbrücke. Für die Pendler im Rhein-Main-Gebiet bleibt es ein Ärgernis. Der Neubau verzögert sich um mindestens sechs Monate.

Das seit zwei Jahren aufgeführte Drama um Abriss und Neubau der maroden Salzbachtalbrücke zwischen den Anschlussstellen Wiesbaden-Biebrich und Wiesbaden-Mainzer Straße der A66 wird um ein weiteres Kapitel verlängert. Nach den bisherigen Planungen sollte der vierspurige Neubau der Südbrücke Mitte 2022 fertig sein und dann übergangsweise den gesamten Verkehr aufnehmen, während die jetzt auf nur drei Spuren hochbelastete Nordbrücke abgerissen und danach bis 2025 neu gebaut werden sollte.

Doch daraus wird nichts. Die Ankündigung von Hessen Mobil vom Frühjahr, mit dem Abriss der Südbrücke werde in der zweiten Jahreshälfte 2020 begonnen, erwies sich als verfrüht. Die damit beauftragte Arbeitsgemeinschaft mehrerer Bauunternehmen sieht die bisherige Entwurfsplanung auf Basis der Ausschreibung als obsolet an und fordert eine komplett anderes Abrissverfahren. Der Grund liegt im Baustellenunfall vom Januar 2019. Wegen Pfusch bei der unabweisbaren Sanierung der Nordbrücke stand den Pendlern daraufhin von Januar bis November 2019 auf jeder Brückenhälfte nur eine Spur in jeder Richtung zur Verfügung. Erst seit zehn Monaten stehen den Pendlern aus dem Rheingau und dem Raum Mainz, die über die Schiersteiner Brücke nach Hessen fahren, auf der nördlichen Brückenhälfte jeweils am Vormittag bis gegen 10.30 Uhr wieder zwei Spuren in Richtung Frankfurt und danach bis gegen 22 Uhr zwei Spuren in der Gegenrichtung zur Verfügung.

Weil die Südbrücke wegen der unerwarteten Havarie der Nordbrücke deutlich länger für den Verkehr genutzt werden musste, sieht die Arbeitsgemeinschaft die Basis der bisherigen, vertraglich vereinbarten Abrissplanung als nicht mehr gegeben an, denn durch die Mehrbelastung habe sich das Bauwerk verändert.

Während die bisherige Planung einen Abriss von Westen nach Osten durch das „Abschneiden“ von Brückensegmenten vorsah, hält es die Arge nun für geboten, die gesamte Brücke einzurüsten und dann abzutragen. Das würde mehr Zeit kosten und auch deutlich mehr Geld. Genaue Zahlen sind allerdings bislang noch nicht genannt werden.

Einigung nicht in Sicht

Aber „Geld ist immer ein großes Thema“, bestätigt Hessen Mobil Abteilungsleiterin Sylvia Hipfl-Träger. Hessen Mobil zeigt für das Vorgehen dafür kein Verständnis und sieht sich durch ein Gutachten bestätigt und in seiner Haltung vom Bundesverkehrsministerium bestärkt, das das Vorhaben bezahlen muss. Eine Einigung ist derzeit aber noch nicht in Sicht, auch wenn der Vizepräsident von Hessen Mobil, Heiko Durth, die Hoffnung auf einen Abrissbeginn noch in diesem Jahr nicht ganz aufgibt. Aber auch er sagt: „Wir rechnen inzwischen mit einer Verzögerung von mindestens einem halben Jahr. Falls wir uns mit dem Bauunternehmen über das Abbruchkonzept weiterhin nicht einigen können, kann es noch länger dauern, bis der südliche Teil der Salzbachtalbrücke sicher abgebrochen werden kann“.

Der schlimmste Fall wäre, dass Hessen Mobil den Vertrag kündigen und neu ausschreiben muss. „Vertragliche Konsequenzen“ will die Verkehrsbehörde jedenfalls nicht mehr ausschließen. In jedem Fall werde Hessen Mobil kein Risiko eingehen, versichert Durth. Denn noch stellt sich die Arbeitsgemeinschaft auf den Standpunkt, dass der Abriss nicht auf die vereinbarte Weise möglich ist, während Hipfl-Träger für Hessen Mobil erklärt: „Wir wissen, dass es so funktioniert.“

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Die Experten von Hessen Mobil haben die Brückenkonstruktion an sieben Stellen öffnen lassen und den verbauten Stahl trotz seines grundlegenden konstruktiven Mangels in gutem Zustand vorgefunden. Sie halte es somit für gangbar, die 1963 gebaute und mehr als 300 Meter lange Spannbetonbrücke stückweise „abzuschneiden“ und abzureißen. Dass die um zehn Monate längere Nutzung der Südhälfte die Voraussetzung des Abrisses geändert hat, diese Sorge hatte die Arbeitsgemeinschaft zwar schon im Sommer vergangenen Jahres erstmals gegenüber Hessen Mobil geäußert. Doch nun ist daraus eine feste Meinung geworden, obwohl die Unternehmen laut Hessen Mobil dafür kein Gutachten vorgelegt haben.

Täglich Stau

Immerhin müssen sich die Autofahrer keine Sorgen machen, dass womöglich die Nordbrücke, die auf ihren drei Fahrbahnen jetzt deutlich länger als geplant den gesamten Verkehr der A66 bei Wiesbaden aufnehmen muss, in ihrer Stabilität nachlässt und ein abermaliges Verkehrschaos auslöst. „Die hält das gut und auch noch länger aus“, versichert Durth. Damit bleibt die Salzbachtalbrücke unerwartet noch länger eine Konstante in den Verkehrsmeldungen des Rundfunks, selbst wenn ihr Name nicht immer genannt wird.

Sie sorgt jeden Tag verlässlich für meist zwei bis drei Kilometer lange Staus, je nachdem in welche Fahrtrichtung gerade nur eine der drei verbliebenen Fahrspuren der Nordbrücke im Wechselsystem zur Verfügung stehen. Die Hoffnung, dass 2025 die beiden neu gebauten Hälften der Salzbachtalbrücke voll funktionsfähig genutzt werden können, müssen die Pendler aber definitiv aufgeben. Trotz des aktuellen Streits um den Abriss laufen die Arbeiten weiter. Derzeit sind Unternehmen mit der Gründung von Pfeilern für den Neubau beschäftigt. Wann immer auch ein Neubau tatsächlich in die Höhe wachsen kann.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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