Ärztliche Behandlungsfehler

Schwarze Schafe im weißen Kittel

Von Ralf Euler
27.06.2022
, 07:19
Wo Menschen handeln, passieren auch Fehler: Ärztliche Kunstfehler werden jedoch immer noch zu selten aufgeklärt.
128 ärztliche Behandlungsfehler wurden 2021 in Hessen anerkannt. Die Beweisführung ist für die Opfer immer noch zu schwierig, die Verfahren ziehen sich. Ihre Ansprüche sollten viel schneller anerkannt werden. Eine Analyse.
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Rund 560 Pa­tien­ten aus Hessen haben der Techniker Krankenkasse (TK) im vergangenen Jahr einen Verdacht auf einen Behandlungsfehler gemeldet. Die meisten Verdachtsfälle betreffen chirurgische Eingriffe (148 Fälle) sowie die Fachrichtungen Zahnmedizin (72), Allgemeinmedizin (49), Geburtshilfe (43) und Orthopädie (23). Jeder dritte Verdacht habe sich im Verlauf einer Überprüfung bestätigt, gibt die Kasse an. Deutschlandweit hat die TK bei ihren Versicherten im Pandemiejahr 2021 einen leichten Rückgang der Zahl der Beschwerden über Behandlungsfehler registriert. Insgesamt vermuteten demnach 5981 Versicherte eine ärztliche Fehlbehandlung bei sich, 40 Fälle weniger als im vorangegangenen Jahr (minus fünf Prozent).

Die Zahl anerkannter ärztlicher Behandlungsfehler hingegen ist im vergangenen Jahr in Hessen auf 128 gestiegen. Im Jahr zuvor waren es 93, wie die Landesärztekammer mitteilt. 804 Mal hatten Patienten oder Angehörige demnach im vergangenen Jahr bei der Gutachter- und Schlichtungsstelle der Landesärztekammer Anträge wegen vermuteter Behandlungsfehler gestellt; nach 858 im Vorjahr. Die meisten Vorwürfe betrafen laut der Kammer die Fachgebiete Orthopädie, Unfallchirurgie, Allgemeinchirurgie, Frauenheilkunde, Innere Medizin, Kardiologie und Neurochirurgie.

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Im Vergleich zu 2020 deutlich gesunken sei die Zahl der Anträge in den Fachgebieten Handchirurgie und Neurologie. Bundesweit wurden der TK im vergangenen Jahr mehr als 6000 Verdachtsfälle gemeldet. 2020 starben nach Angaben des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Deutschland mehr als 80 Menschen nach einem Fehler von Ärzten oder Pflegern. Wie viele Behandlungsfehler jedes Jahr in Deutschland insgesamt passieren, weiß man nicht, weil es kein verbindliches Meldesystem gibt.

Probleme bei der Durchsetzung von Ansprüchen

Noch immer sind Patienten nach Fehlern von Ärzten oder Pflegepersonal rechtlich nur unzureichend geschützt. Zwar wurde vor fast zehn Jahren erstmals ein Patientenrechtegesetz eingeführt, leider zeigt sich aber, dass es weiterhin Probleme bei der Durchsetzung von Patientenansprüchen gibt. Viele Menschen ahnen nicht einmal, dass sie Opfer eines Behandlungsfehlers geworden sind, weil sie zu wenig über das Behandlungsgeschehen wissen und weil die Aufklärung von Verdachtsfällen schwierig ist. Noch immer sind die Krankenkassen beispielsweise nicht verpflichtet, ihre Mitglieder bei offensichtlichen Anhaltspunkten für Behandlungsfehler zu informieren. Tätig werden die Kassen in der Regel nur bei gezielter Nachfrage.

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Wegen der strengen Anforderungen an die Beweisführung werden Klagen wegen eines Behandlungsfehlers in der Regel auch dann noch abgewiesen, wenn ein Fehler des Behandelnden mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Verletzung des Patienten geführt hat. Das hat ein Anfang des Jahres vom Sozialverband Deutschland vorgelegtes Gutachten eines Rechtsmediziners bestätigt. Selbst Richter kritisieren, dass Arzthaftungsprozesse stark dem Zufall überlassen seien.

Tatsächlich ist für Patienten oft schwer zu erkennen, ob eine Erkrankung schicksalhaft verläuft oder ob Ärzte oder Pflegekräfte Fehler gemacht haben. Ziehen Versicherte die Leistungen eines behandelnden Arztes in Zweifel oder ist bei der Behandlung etwas schiefgegangen, sollten sich Betroffene nicht scheuen, sich bei der Krankenkasse zu melden und um Unterstützung bei der Aufklärung zu bitten.

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Gedächtnisprotokoll erstellen

Wenn die Schilderung der Patienten plausibel ist, fordert die Kasse die Behandlungsunterlagen an. Bei einem begründeten Verdacht kann die Krankenkasse medizinische Gutachten erstellen lassen, die für die Versicherten in der Regel kostenfrei sind. Die Patienten können diese Expertisen dann für ihre eigenen Schadenersatz-Verhandlungen mit den Ärzten, dem Krankenhaus, der zuständigen Haftpflichtversicherung oder vor Gericht nutzen.

Ansprüche aus Behandlungsfehlern verjähren nach drei Jahren, wobei die Frist mit dem Ende des Jahres beginnt, in dem der Fehler nachweislich passiert ist. Die Erfolgschancen, einen ärztlichen Missgriff zu belegen, sind umso größer, je genauer der Krankheitsverlauf dokumentiert wird. Betroffene sollten möglichst bald ein Gedächtnisprotokoll des Behandlungsablaufs und der beteiligten Ärzte und Pflegerinnen erstellen.

Nach einem im März ergangenen Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) können Patienten bei einem ärztlichen Behandlungsfehler nicht nur für das erlittene Leiden Schmerzensgeld beanspruchen. Ein nicht entschuldbarer Verstoß gegen die ärztliche Sorgfaltspflicht und damit ein hoher Grad des Verschuldens des Arztes könne einen zusätzlichen finanziellen Anspruch rechtfertigen, entschieden die Karlsruher Richter. Im konkreten Fall kann eine Witwe deshalb wegen der fehlerhaften Behandlung ihres verstorbenen Mannes auf eine höhere Schmerzensgeldzahlung hoffen.

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Ihr Mann musste 2008 als Notfall ins Krankenhaus. Eine Röntgenaufnahme und ein EKG legten einen Herzinfarkt nahe. Der damals Zweiundsiebzigjährige kam auf eine Normalstation, ohne dass zunächst eine Herzkatheter-Untersuchung vorgenommen wurde. Als es einige Stunden später zum Herzstillstand kam und der Mann wiederbelebt werden musste, wurde die Untersuchung doch noch gemacht. Einen Tag später starb der Patient an einem erneuten Herzstillstand.

Hilfreich wäre eine Beweislastumkehr

Das Klären von Behandlungsfehler-Vorwürfen sei ein zeitaufwendiges, komplexes und schwieriges Verfahren, räumen die Krankenkassen ein. Weil das für die Betroffenen, die nach schweren Behandlungsfehlern möglicherweise berufsunfähig seien, eine zusätzliche, schwere Belastung sei, fordert beispielsweise die Techniker Krankenkasse eine Vereinfachung der Verfahren. Oft müssen Opfer von Fehlbehandlungen jahrelang warten, bis klar ist, ob sich der Behandlungsfehler bestätigt und sie Schadenersatz erhalten. Bei chirurgischen Fehlern kämpfen sie nach Krankenkassenangaben im Durchschnitt etwa fünf Jahre um ihr Recht, bei Geburtsfehlern sogar zehn Jahre.

Im Idealfall einigen sich die Parteien schnell und gütlich außerhalb des Gerichts, aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Die Aufklärung müsse schneller vorangetrieben und Patienten müssten frühzeitig entschädigt werden, fordern Opfer, Sozialverbände, Krankenkassen und Juristen. Wünschenswert wären Erleichterungen beim Nachweis eines Behandlungsfehlers. Hilfreich wäre vor allem eine sogenannte Beweislastumkehr, die dazu führen würde, dass der Arzt oder Pfleger seine Unschuld beweisen müsste. Zudem sollte der Anspruch von Patienten bereits dann anerkannt werden, wenn der Grund für die Haftung „überwiegend wahrscheinlich“ ist.

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Nötig wäre darüber hinaus die Schaffung eines Härtefallfonds für die Opfer medizinischer Fehler. Daraus könnten dann schnelle erste Finanzhilfen an Patienten fließen, die Schäden durch Kunstfehler erlitten haben, noch bevor ein Gericht über den Fall entschieden hat. Überfällig ist auch die Schaffung eines zentralen Melderegisters, in dem alle Behandlungsfehler verpflichtend erfasst werden. Dann könnten aus jedem einzelnen Fehler Schlussfolgerungen für die künftige Arbeit gezogen, könnten Arbeitsabläufe sicherer gestaltet werden.

Die Ursachen von Behandlungsfehlern sind vielfältig. Schon schlichte Kommunikationsprobleme in der täglichen Arbeit können erhebliche Konsequenzen haben. So hat in einem Fall, den die TK registriert hat, das medizinische Personal die Handschrift eines Arztes nicht richtig entziffert und einem Patienten ein falsches Medikament verabreicht. In einem anderen Fall stürzte eine Patientin, die während einer Darmspiegelung falsch gelagert worden war, von der Behandlungsliege.

Wo Menschen handeln, passieren auch Fehler; das ist unvermeidlich. Ärztliche Kunstfehler aber kommen zweifelsfrei häufiger vor als nötig und werden leider immer noch viel zu selten aufgeklärt. Selbstverständlich sei jeder Behandlungsfehler ein Fehler zu viel, heißt es dazu bei der Landesärztekammer Hessen. Doch gebe es keinen Anlass zu übertriebener Besorgnis. Aus den 2021 im Vergleich zum Vorjahr generell fast unveränderten und in einigen Fachgebieten sogar deutlich gesunkenen Fallzahlen lasse sich vielmehr eine hohe Qualität in Klinik und Praxis ableiten – und das trotz der Zusatzbelastung durch die Corona-Pandemie.

Quelle: F.A.S.
Ralf Euler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ralf Euler
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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