Museumschefin geht nach Weimar

Von Gutenberg zu Goethe und Gropius

Von Markus Schug, Mainz
28.10.2021
, 10:42
Im Frühjahr unter anderer Leitung: das Gutenberg-Museum in Mainz
Annette Ludwig nimmt langsam Abschied: Die Chefin des Weltmuseums der Druckkunst wechselt im Frühjahr als Direktorin zur Klassik Stiftung Weimar. Wer ihr in Mainz folgt, sollte sich auch für Bauarbeiten interessieren.
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Der Fahrplan steht. Und der nach dem schweren Bibelturm-Crash von 2018 wieder auf die Gleise gestellte „Zug“ werde auch ohne sie wie vorgesehen ins Rollen kommen, verspricht Annette Ludwig, die scheidende Chefin des Mainzer Gutenberg-Museums, die im nächsten Frühjahr nach Weimar wechseln will. Dort soll die Achtundfünfzigjährige als Direktorin an der Spitze von insgesamt 21 Museen der Klassik Stiftung stehen. Was gelinde gesagt ein Traumjob ist, wie auch Mainzer wie der Oberbürgermeister Michael Ebling und Kulturdezernentin Marianne Grosse (beide SPD) neidlos anerkennen müssen.

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Ludwig übernehme bei der zweitgrößten Kulturstiftung Deutschland „eine der renommiertesten Positionen, welche die Museumslandschaft bundesweit zu bieten hat“, hieß es in einer Stellungnahme der Stadt, die dagegen bisher allein für das finanziell vergleichsweise schwach ausgestattete Mainzer Weltmuseum der Druckkunst verantwortlich zeichnet.

Doch auch das, also die Frage der Trägerschaft, soll sich im Zuge der am Rhein ebenfalls geplanten Neukonzeption möglichst bald ändern. Ludwigs Wechsel „erfüllt uns mit Wehmut, aber auch mit Stolz“, sagten Ebling und Grosse, nachdem der Abschied der „kreativen Impulsgeberin“ Anfang Oktober bekannt geworden war.

Mag Provinzstädte mit Weltruhm: Annette Ludwig, Direktorin des Gutenberg-Museums, zieht es zum Traumjob nach Weimar.
Mag Provinzstädte mit Weltruhm: Annette Ludwig, Direktorin des Gutenberg-Museums, zieht es zum Traumjob nach Weimar. Bild: Samira Schulz

Dem Museum weiterhin „mit Rat und Tat zur Seite stehen“

Die Kunsthistorikerin spricht nach fast zwölf Mainzer Jahren von einem Wechsel von einer „Provinzstadt mit Weltruhm“ in eine andere – und auch davon, dass nach Gutenberg für sie künftig Goethe und Gropius eine zentrale Rolle in ihrem Arbeitsleben spielen werden. Dem Gutenberg-Museum, dessen Leitung die gebürtige Karlsruherin 2010 übernommen hat, werde sie verbunden bleiben und gern „mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn es gewünscht wird“. Tatsächlich dürfte aktuell kaum jemand besser über die seit Jahren vorangetriebene und überfällige Umstrukturierung des Mainzer Museums am Liebfrauenplatz Bescheid wissen.

Die Geschichte des Buchdrucks: Erfahrbar im Gutenberg-Museum.
Die Geschichte des Buchdrucks: Erfahrbar im Gutenberg-Museum. Bild: Agentur F1 Online

Fest eingebrannt im Gedächtnis der Stadt hat sich in diesem Zusammenhang der 2018 mitzuerlebende Fall des damals nur als Entwurf existierenden, also noch gar nicht gebauten Bibelturms, der in einem Bürgerentscheid überdeutlich abgelehnt wurde. Die beabsichtigte Erweiterung des in die Jahre gekommenen Museumskomplexes um eine kleine Fläche auf dem Liebfrauenplatz, für die unter anderem drei Platanen hätten gefällt werden müssen, war als Auftakt einer größeren Umgestaltung des gesamten Areals gedacht. Doch das Projekt fand – und das war seinerzeit vor allem dem schwachen Auftreten vieler Rathauspolitiker geschuldet – am Ende nicht die Zustimmung der Bevölkerung.

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Die Finanzierung von Anfang an klären

Schon am Tag nach der unerwarteten, letztlich aber demokratischen Entscheidung saß Ludwig schon wieder mit ihren Mitstreitern zusammen, um die Scherben aufzukehren respektive den „umgestürzten Zug wieder aufzustellen“, wie sie sich auszudrücken pflegt. Im zweiten Anlauf soll nun vieles besser gemacht werden. So ist es gelungen, dass sich auch Rheinland-Pfalz und der Bund an der vorliegenden Machbarkeitsstudie für ein modernes Gutenberg-Museum beteiligt haben. Die Finanzierung des viele Millionen Euro teuren Vorhabens soll jetzt ebenfalls von Anfang an geklärt und auf ein solides Fundament gestellt werden. Und weil die Bürger ihren Liebfrauenplatz als sakrosankt erklärt haben, wird beabsichtigt, dem zu erweiternden Druckmuseum rückseitig zusätzlichen Platz zu verschaffen. Das benachbarte Hotel Schwan hat die Stadt vorsorglich erworben, um an diesem Standort in Zukunft womöglich die Museumsverwaltung unterzubringen.

Die Ausschreibung für den notwendigen Architektenwettbewerb sei in Arbeit, ebenso wie ein neues Trägerschaftsmodell, das eine Einbindung des Landes, von Stiftungen und eventuell gar des Bundes vorsehe, sagte Ludwig am Mittwoch im Gespräch mit der F.A.Z. In gut zwei Jahren könne im Idealfall mit dem Abriss des nicht mehr zu sanierenden Schellbaus begonnen werden. Und nach weiteren drei Jahren Bauzeit dann, wenn es günstig laufe, schon die Wiedereröffnung des bis dahin auszulagernden Gutenberg-Museums gefeiert werden. Laut dem ausgearbeitetem Szenografiekonzept will man weiterhin ein Druckmuseum bleiben, aber eines, in dem es fortan, anders als bisher, genügend Platz auch für neue Medien geben soll.

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Kommentar zum Thema: Ein Abschied, keine Flucht

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schug, Markus
Markus Schug
Korrespondent Rhein-Main-Süd.
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