Hessen

Wie kommen die Ältesten an einen Impftermin?

Von Monika Ganster
08.01.2021
, 10:19
Geduld ist gefragt, wenn von nächster Woche an in Hessen die ersten Impftermine vergeben werden. Die Über-Achtzigjährigen bekommen Post, müssen sich dann aber selbst um ihren Impftermin kümmern. Hilfe von Kindern oder Enkeln ist sicher nützlich.

Als bekannt wurde, dass die Über-Achtzigjährigen die ersten sind, die sich impfen lassen können, hat Uwe Boin sogleich die Fährte aufgenommen. Der 81 Jahre alte Mann schrieb schon im Dezember an sein regionales Gesundheitsamt, rief jede verfügbare Corona-Hotline an und fühlte sich dennoch eher frustriert als informiert. „Bekannte in meinem Alter wissen auch nicht genauer, wie sie an einen Impftermin kommen sollen, dabei ist das Interesse daran groß.“

Spätestens nächste Woche werden er und seine Altersgenossen einen Brief aus dem Innenministerium bekommen, der ihnen erläutert, wie sie sich vom 12. Januar an zur Impfung anmelden können. Es sind jedoch keine Einladungen mit konkretem Impftermin, wie einige schon gehofft hatten, sondern in erster Linie Informationsschreiben. „Wir wissen dank dem Einwohnermeldeamt, dass ungefähr 400.000 Menschen dieser Altersgruppe zu Hause leben, aber wir wissen nicht, in welchem Gesundheitszustand sie sind“, erläutert der Sprecher des Hessischen Innenministeriums. Das Schreiben soll daher vor allem klären, wo diese Altersgruppe immunisiert werden muss – im Impfzentrum oder zuhause.

Wer nicht mehr mobil ist, kann sich zuhause impfen lassen. Da es sehr aufwendig sei, einzelne Adressen anzufahren, müsse zunächst die Zahl der Betroffenen ermittelt werden, erläutert der Sprecher. Sobald das Land die Antworten ausgewertet hat, werden die 28 Impfzentren in Hessen entsprechend informiert. Dort müssen dann Routen ausgearbeitet werden, um etwa bettlägerige Senioren im jeweiligen Landkreis aufzusuchen und zuhause zu impfen. Diese logistische Herausforderung wird wohl noch einige Wochen in Anspruch nehmen, sieht der Sprecher voraus. Ein Entgegenkommen für ältere Paare, bei denen ein Partner noch mobil ist, der andere aber zuhause geimpft werden muss, hält er für möglich: In solchen Fällen könnten beide zuhause immunisiert werden.

Zwei Wege zur Impfung

Nicht alle Hochbetagten werden in der Lage sein, mit den Informationen des Innenministeriums allein zurecht zu kommen. Denn die Impfanmeldung bleibt grundsätzlich den Senioren selbst überlassen. Angehörige und Bevollmächtigte dürfen und sollen jedoch dabei helfen. Grundsätzlich gibt es zwei Wege zum Impftermin: über die Telefonhotline 116117 oder die Internetseite www.impfterminservice.de.

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Wer sich über die Website anmelden will, braucht außer dem Internetzugang noch ein Handy, auf das per SMS ein Vermittlungscode geschickt werden kann, den man zur Bestätigung der Online-Anmeldung benötigt. Insofern ist es nicht überraschend, dass sich landauf, landab Enkel und Kinder von Impfberechtigten um deren Termine kümmern. Es sei kein Problem, sagt der Ministeriumssprecher, wenn ein Enkel für seinen Großvater den Impftermin vereinbare und dafür auch sein eigenes Handy benutze. Entscheidend ist nur, wer im Impfzentrum vorstellig wird. Dort werden dann die Anmeldedaten und der Personalausweis abgeglichen. Erst wenn beides zueinander passt, wird der Zutritt zu den Ärzten gewährt.

Zu der ersten Gruppe der Impfberechtigten mit höchster Priorität gehören außer Personen vom 80. Geburtstag an auch Mitarbeiter in Alten- und Pflegeheimen, bei Rettungs- und ambulanten Pflegediensten sowie in medizinischen Einrichtungen, wo sie einem hohen Ansteckungsrisiko mit Covid-19 ausgesetzt sind. Sie können von Dienstag an einen Termin über die Telefonhotline 116117 in einem der sechs Impfzentren in Frankfurt, Fulda, Kassel, Darmstadt, Wiesbaden oder Heuchelheim/Gießen vereinbaren. Allerdings wird sicher Geduld verlangt werden, denn theoretisch könnten nächste Woche bis zu 400.000 berechtigte Personen gleichzeitig zum Hörer greifen.

Begrenzte Zahl an Impfdosen

Auch wird die Zahl der verfügbaren Termine anfangs begrenzt sein. Das Nadelöhr stellt dabei die derzeit noch vergleichsweise geringe Zahl von etwa 49.000 Impfdosen dar, die pro Woche in Hessen verfügbar seien, so der Sprecher.

Denn nur die Hälfte davon werde gleich verabreicht, die zweite Hälfte werde aufbewahrt für die erforderliche Folgeimpfung drei Wochen später. „Wir vergeben nur Termine, für die wir zuverlässig Impfstoff zur Verfügung stellen können.“ In anderen Bundesländern, in denen man etwas früher mit dem Impfen begonnen hat, sieht man schon das Ergebnis: Nach kurzer Zeit sind am Morgen alle verfügbaren Termine vergeben, erst eine Woche später kann man sich wieder um einen Termin bemühen. Das sei in etwa wie der fast aussichtslose „Kampf um Konzertkarten“ schreibt ein frustrierter Twitter-User über seine vergeblichen Bemühungen in Schleswig-Holstein.

In Hessen wird es die ersten frei vergebenen Termine vom 19. Januar an geben. Zunächst soll nur in den sechs Impfzentren in Frankfurt, Fulda, Gießen, Kassel, Wiesbaden und Darmstadt mit der Arbeit begonnen werden, dorthin werden zunächst die Hessen zugedachten Impfstoff-Dosen geliefert. Sobald die Firma Biontech größere Mengen produzieren kann und auch die Firma Moderna ihren Impfstoff bereitstellt, der am Mittwoch von der EU genehmigt wurde, können die übrigen 22 Impfzentren in Hessen ihre Arbeit aufnehmen.

Für Senioren auf dem Land könnte es bequemer sein, noch ein paar Wochen zu warten, um dann ein Impfzentrum in ihrer Nähe aufsuchen zu können, statt in die größeren Städte zu fahren. Doch diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen, für manche mag ein früherer Termin in einem weiter entfernten Impfzentrum die bessere Lösung sein. Aber es sei nur eine „Frage von Wochen“, bis weitere Zentren öffnen, sagt der Ministeriumssprecher.

Im DRK-Impfzentrum in der Frankfurter Festhalle ist man schon auf die älteren Besucher eingestellt, sagt Leiter Benedikt Hart. Man plane mehr Zeit für jede Impfung ein und sei auch darauf vorbereitet, dass die Älteren zum Teil mit Begleitung kommen werden oder eine Anfahrt bis nah an die Halle benötigten. Eine gute Idee sei es, für das Arztgespräch vor der Impfung die eigene Krankengeschichte parat zu haben. „Vor der Impfung bei uns muss sich niemand fürchten.“

Quelle: F.A.Z.
Monika Ganster- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Monika Ganster
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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