Darmstadt

Nach 30 Jahren zwei neue Urpferdchen

Von Rainer Hein, Darmstadt
27.11.2016
, 09:07
Blick ins Eozän: Die Präparatoren Mascha Siemund und Eric Milsom mit den beiden jüngsten Urpferd-Funden aus der Grube Messel
Eines der Tiere könnte womöglich zu einer für die Grube Messel neuen Art gehören. Es zählt zu den Attraktionen der Geburtstagsfeier des Landesmuseums am Sonntag.

Zu den Vorzügen Darmstadts zählt es, dass die kulturellen Einrichtungen in der Stadt Perspektiven von den Anfängen des Lebens bis zur Zukunft des Menschen auf dem Mars bieten. Um die Landung auf dem Planeten wird sich vermutlich schon in einigen Jahren das Weltraumkontrollzentrum Esoc kümmern, wenn die nächste Mars-Mission ansteht. Die Vorgänge auf der Erde vor 47,6 Millionen Jahren erforscht wiederum das Hessische Landesmuseum. Wie erfolgreich, das haben deren Wissenschaftler gestern demonstriert: Sie präsentierten zwei neue Urpferdchen, beides Funde aus der Grube Messel, die seit 1966 planmäßig von den Paläontologen des Museums untersucht wird.

Eine Neuentdeckung sind die kleinen Vorläufer der Pferde nicht mehr, schon 1925 hatte Oskar Haupt die Tiere beschrieben und als „Propalaeotherium messelense“ eingeordnet. Seitdem wurden 61 Skelette in der Grube, die 1995 zum Weltnaturerbe wurde, entdeckt. Fünf Exemplare sind in der Messel-Abteilung des Landesmuseums zu sehen, zwei weitere können hinzukommen.

Unbekannte Gruppenart der Urpferde

Es handelt sich um die ersten Funde dieser Art nach 30 Jahren Grabungen, wie die Leiterin der Abteilung Naturgeschichte, Gabriele Gruber, sagte. Zunächst wurde im August 2015 ein stattliches Exemplar von fast 70 Zentimeter Gesamtlänge gefunden. Die Schieferplatte, die das Skelett viele Millionen Jahre bewahrt hatte, war ungebrochen und gut erhalten, was der Präparatorin Mascha Siemund die Arbeit erleichterte.

Der Fund ist nicht nur ungewöhnlich groß. Das Tier gehört womöglich auch einer Propalaeotherium-Art an, die in Messel noch nicht als komplett erhaltenes Exemplar entdeckt worden war. Laut dem Paläontologen Jens Franzen könnte es sich bei dem Fund sogar um eine für Messel noch gänzlich unbekannte Gruppenart der Urpferde handeln.

Beim zweiten Fund im Oktober ist das deutlich schlechter erhaltene Skelett als Exemplar von Eurohippus messelensis identifiziert worden, das bekanntere der Messeler Urpferdarten. Das Tier misst vom Kopf bis zum Schwanz 50 Zentimeter und wird von Siemund noch bearbeitet, weshalb es am Sonntag, wenn das Landesmuseum Geburtstag feiert und deshalb keinen Eintritt verlangt, noch nicht zu sehen sein wird.

Für Franzen ist die Grube Messel die „Urpferdchen-Fundstelle der Welt“. Allerdings wurden dort seit 1875 auch Reste anderer Tiere entdeckt, etwa von Krokodilen, Ameisenbären und einem Scheinraubtier. In der Messel-Abteilung des Landesmuseums finden sich insgesamt 225 Objekte. Die Grabungszeit teilen sich das Senckenberg-Museum in Frankfurt, dessen Wissenschaftler im Schnitt jedes Jahr knapp sechs Monate in Messel vorsichtig Schieferplatte für Schieferplatte untersuchen, und die Forscher des Landesmuseums, die dabei stets auch Studenten einsetzen, die in Messel ein Praktikum absolvieren.

Messeler Grube war vor Millionen Jahren ein tiefer See

Dabei gehe es vorrangig darum, „die fein-stratigraphischen Fundverteilungen genauer zu analysieren, vor allem im Hinblick darauf, ob es Veränderungen in der Zusammensetzung der Fauna und Flora in der Geschichte des Messel-Sees gegeben hat“, sagte Norbert Micklich, Kustos für Naturgeschichte. Wenn da ab und an auch einmal ein herausragendes Fossil zum Vorschein komme, sei man natürlich froh. Für Micklich selbst gilt das in besonderer Weise, er ist dieses Jahr nach fast 30 Jahren am Landesmuseum in Rente gegangen. Die beiden Urpferdchen waren also quasi sein persönliches Abschiedsgeschenk.

Warum in Messel so viele Urpferdchen gefunden wurden, ist abschließend noch nicht geklärt. Vor fast 48 Millionen Jahren war Südhessen ein einziger Regenwald, die Messeler Grube ein tiefer See, der sich nach einem Vulkanausbruch gebildet hatte. Dass man dort die Reste von Krokodilen und Fischen findet oder Ablagerungen von Bäumen und Blättern, liegt auf der Hand. Aber Urpferde, die so groß wie Hunde waren? Klar ist, wer in die Grube hineinfiel und verendete, wurde im Ölschiefer konserviert, der sich aus Algen und abgelagertem Faulschlamm bildete. Deshalb sind viele Funde so gut erhalten. Bei einem der neuen Urpferdchen kann man sogar noch einen Schlammfisch entdecken, der direkt über dessen Schwanz eingebettet wurde, und beim anderen einen versteinerten Kothaufen vor dessen Nase. Dass man dies alles in Darmstadt bestaunen kann, ist nicht nur den Wissenschaftlern, sondern auch südhessischen Bürgern zu verdanken. Sie wehrten sich einst gegen die Pläne, die Fossilienfundstätte in Messel zu einer Mülldeponie zu machen.

Quelle: F.A.Z.
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