Die RAF in Frankfurt und Rhein-Main

Brandstiftung, Attentate, Morde

Von Hans Riebsamen
25.09.2008
, 11:45
Terror-Paar: Andreas Baader und Gudrun Ensslin während des Kaufhausbrandstifter-Prozesses
Ein Film führt zurück in die Zeit des Terrors. „Der Baader Meinhof Komplex“ nach dem gleichnamigen Buch von Stefan Aust zeigt detailgetreu die kaltblütige Brutalität der RAF-Anschläge. Das Bomben und Morden hat gerade Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet getroffen.
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Ein Film führt zurück in die Zeit des Terrors. „Der Baader Meinhof Komplex“ nach dem gleichnamigen Buch von Stefan Aust zeigt detailgetreu die kaltblütige Brutalität der RAF-Anschläge. Das Bomben und Morden hat gerade Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet getroffen.

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1968: Kaufhaus-Brandstiftung
Das Vorspiel zu Mord und Bombenterror

Der erste Brand ist am 2. April 1968 kurz vor Mitternacht im Kaufhaus M. Schneider an der Ecke Zeil/Stiftstraße ausgebrochen. Wenige Minuten später wurde im Kaufhof an der Hauptwache Feueralarm gegeben. Die beiden Brandanschläge einer Gruppe von Linksaktivisten um Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren das Vorspiel für die Attentate und Morde der zwei Jahre später gegründeten Roten Armee Fraktion (RAF). Noch fehlte den Anschlägen die Perfektion späterer Attentate, noch wurden nicht gezielt Menschen attackiert. Die Brandstiftungen in den beiden Frankfurter Kaufhäusern, ausgegeben als Protest gegen den „Völkermord in Vietnam“, wurden mit primitiven Brandsätzen verübt: eine brennbare Flüssigkeit in einer Plastikflasche und ein Wecker als Zünduhr für eine Batterie.

Die Schauspieler Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin
Die Schauspieler Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin Bild: AP

Im Kaufhaus Schneider, das es heute nicht mehr gibt, hatten Baader und seine Kumpanen die Brandsätze am Abend vor Geschäftsschluss im dritten Stock in der Möbelabteilung und im ersten Stock in der Abteilung Damenoberbekleidung deponiert. Im Kaufhof hatten sie einen Brandsatz unter einem Stapel Tischdecken, einen anderen in der Spielwarenabteilung unter einer Theke versteckt. Der Schaden blieb verhältnismäßig gering. Durch Hinweise kam die Polizei schnell auf die Spur der Brandstifter: Schon einen Tag später nahm sie Baader, Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein in einer Frankfurter Wohnung fest. Im Prozess vor der Großen Strafkammer verhöhnten die Angeklagten Richter und Staatsanwalt. Staatsanwalt Walter Griebel wollte die Einordnung der Tat durch die Verteidigung als „politisches Happening“ nicht akzeptieren und verwies auf die Nachtwächter in den Kaufhäusern, deren Leben gefährdet gewesen sei. Das Urteil lautete für alle vier Angeklagten auf drei Jahre Zuchthaus. Ulrike Meinhof schrieb in der linken Zeitschrift „Konkret“ zu der Brandstiftung, eine Nachahmung könne nicht empfohlen werden. Es stimme aber auch der Satz Fritz Teufels: „Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben.“

1972: Baader-Festnahme
Die Verhaftung des Chefs war nicht das Ende der RAF

Da liegt er nun, von Polizisten überwältigt. Andreas Baader, der Kopf und Mitgründer der RAF, wird am 1. Juni 1972 nach einer Schießerei vor einer Garage eines Wohnhauses am Hofeckweg nahe dem Frankfurter Hauptfriedhof festgenommen. In seinem Gesäß steckte eine Kugel. Die Garage, umfunktioniert zur Bombenwerkstatt, war für ihn und die Terroristen Holger Meins und Jan-Carl Raspe zur Mausefalle geworden. Die Verhaftung des Trios war der entscheidende Schlag gegen die Gründergeneration der RAF.

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Den Tipp hatte die Polizei von einem Nachbarn bekommen, der sich darüber gewundert hatte, dass sich immer wieder junge Leute lange in der Garage aufgehalten hatten. In aller Herrgottsfrühe waren an jenem 1. Juni die drei Terroristen mit einem Porsche vorgefahren und in die Garage gegangen. Dass sie von einer Sonderkommission der Polizei beobachtet wurden, ahnten sie nicht. Als ein Polizist über Megafon sie aufforderte: „Werfen Sie die Waffen weg und kommen Sie heraus!“, war das Haus schon von 200 Polizisten umzingelt. Baader, Meins und Raspe antworteten mit Schüssen. Selbst Rauchbomben und Tränengaspatronen konnten die Terroristen nicht zur Aufgabe veranlassen. Sie warfen die Bomben und Patronen zurück. Einem gepanzerten Wagen, der danach vorfuhr, zerschoss Baader den rechten Vorderreifen.

Erst einem Scharfschützen gelang es, die drei zur Kapitulation zu zwingen. Aus dem Küchenfenster einer Wohnung im dritten Stock traf ein Polizist mit einem Spezialgewehr Baader am Hintern. Wieder forderte ein Beamter über Megafon die Männer auf, sich zu ergeben. Sie sollten nackt die Garage verlassen. Mit diesem Befehl wollte die Polizei verhindern, dass die Terroristen bei ihrer Verhaftung möglicherweise am Körper versteckte Sprengkörper zündeten. Meins gab als Erster auf, er kam nur mit einer Unterhose bekleidet aus dem Versteck. Danach ließ sich Raspe widerstandslos festnehmen. Bei der Erstürmung der Garage fanden die Polizisten einen stöhnenden Baader vor, der in der Hand eine Pistole hielt. Doch deren Magazin war leer.

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1972: IG-Farben-Anschlag
Die Amerikaner waren am Anfang die Hauptfeinde

Den Kampf der Vietnamesen in die Metropolen tragen. So lautete damals die Parole der militanten Gegner des Vietnam-kriegs. Das RAF-Kommando „Petra Schelm“, das am 11. Mai 1972 in Frankfurt einen Bombenanschlag auf das IG-Farben-Haus im Westend, dem Hauptquartier des amerikanischen V. Armeekorps, verübte, wollte auch den Kampf des Vietkong auf Deutschland ausweiten. Es solle für die Feinde des vietnamesischen Volkes keinen Platz mehr auf der Welt geben, an dem sie vor Angriffen der revolutionären Guerrilla-Einheiten sicher sein könnten, verkündeten die Attentäter in einem Bekennerschreiben.

Zu diesem Zeitpunkt war aus dem Untergrundkampf der RAF längst tödlicher Ernst geworden. Mit der aus der Apo kommenden Petra Schelm, die mit anderen Terroristen in Jordanien bei der palästinensischen Fatah eine militärische Ausbildung absolviert hatte, war am 15. Juli 1971 das erste Mitglied der RAF bei einer Großfahndung in Hamburg erschossen worden. Von nun an nahmen die Terroristen um Baader keine Rücksicht mehr auf Menschenleben.

Bomben explodierten in Frankfurt vor der Eingangshalle des IG-Farben-Hauses und vor dem Eingang eines Offiziersclubs. Dort ging im Moment der Detonation gerade der amerikanische Oberst Paul Bloomquist zu seinem Auto, er wurde von Splittern getroffen und starb im Krankenhaus. 13 Personen wurden bei dem Anschlag verletzt. Glücklicherweise waren die Bomben gegen 19 Uhr explodiert, zu einem Zeitpunkt also, da sich nur noch wenige Personen im Hochhaus aufhielten und der Offiziersclub noch nicht stark besucht war.

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Nie ist dieser Anschlag vollständig aufgeklärt worden. Dass er von der RAF verübt wurde, steht außer Zweifel. Doch welche Terroristen im einzelnen daran beteiligt waren, wer die Bomben herstellte, wer sie auf das bewachte Gelände der Amerikaner gebracht hat, ist bis heute nicht bekannt. Baader, Ensslin und Raspe wurden im Stammheim-Prozess für diese Tat verurteilt, aber sozusagen nur summarisch. Vermutlich waren noch weitere RAF-Helfershelfer beteiligt, möglicherweise laufen Mittäter bis heute frei herum.

1977: Ponto-Mord
Eine Bekannte verschafft den Terroristen Einlass

Der Mord an dem Bankier Jürgen Ponto ist eine besonders infame Tat gewesen, weil eine Bekannte der Familie den Chef der Dresdner Bank in die Falle gelockt hat. Die Schwester von Pontos Patenkind, Susanne Albrecht, hat den Mördern Einlass in das Haus der Pontos in Oberursel verschafft.

Telefonisch hatten die Eltern ihre Tochter für den 30. Juli 1977 bei der befreundeten Familie Ponto angemeldet. Um 17.05 Uhr, eine halbe Stunde später als angekündigt, klingelte Albrecht und wurde eingelassen. Ihre zwei Begleiter, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, stellte sie als Freunde vor. Ponto bat die drei Besucher auf die Terrasse, er selbst ging in die Küche, um eine Vase für die Rosen zu holen, die Albrecht mitgebracht hatte.

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Klar und Mohnhaupt folgten dem Bankier, in der Küche richtete Klar ohne Vorwarnung eine Pistole auf Ponto und schoss. Daraufhin feuerte Mohnhaupt fünfmal auf den Bankier und traf ihn tödlich. Die drei Terroristen stürzten aus dem Haus, wo ihr Kumpan Peter-Jürgen Boock mit einem Auto wartete, und flüchteten gemeinsam in dem Fahrzeug.

Die Ermordung Pontos ist eine Tat der zweiten Generation der RAF gewesen. Die Gründer der Terrorgruppe, Baader und Ensslin, waren drei Monate zuvor am 28. April 1977 im Stammheim-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden; Ulrike Meinhof hatte sich schon im Mai 1976 in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim erhängt. Im Januar 1977 war Mohnhaupt, deren Verlegung nach Stammheim die Häftlinge in Hungerstreiks faktisch erzwungen hatten, nach Verbüßung ihrer Haftstrafe wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung aus der Haft entlassen worden. In Stammheim im gemeinsamen Umschluss hatten Baader und Ensslin sie instruiert, eine neue Gruppe aufzubauen.

An der Trauerfeier für Ponto am 5. August 1977 in der Frankfurter Paulskirche nahmen die Spitzen von Politik und Wirtschaft teil. Bundeskanzler Helmut Schmidt saß neben der verschleierten Witwe Ignes von Hülsen, die nach dem Attentat mit ihren beiden Kindern nach Amerika zog.

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1989: Herrhausen-Mord
Die Täter sind noch immer nicht gefasst

Dieser Mord ist noch immer nicht gesühnt. Dass der tödliche Terroranschlag auf Alfred Herrhausen, den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, am 30. November 1989 auf das Konto der dritten Generation der RAF geht, scheint fast sicher. In der Nähe des Tatorts am Seedammweg in Bad Homburg wurde ein Schriftstück mit dem Stern der RAF und der Unterschrift „Kommando Wolfgang Beer“ gefunden. Beer war ein Mitglied der RAF, er war 1980 bei einem Verkehrsunfall gestorben.

Dass Herrhausen gefährdet war, wussten die Sicherheitsbehörden. Er galt der RAF und ihrem Umfeld wegen seiner Spitzenstellung in Deutschlands wichtigster Privatbank als personifizierte Vertretung des kapitalistischen Systems. Der Bankier wurde deshalb immer von Personenschützern begleitet, er fuhr in einer der bestgepanzerten Limousinen der Republik. Herrhausen selbst war sich der Gefahr bewusst, in der er schwebte: Nach der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im „Deutschen Herbst“ 1977 hatte er in seinem Nachtschrank einen Brief hinterlegt, in dem er bestimmt hatte, dass im Falle seiner Entführung der Staat den Geiselnehmern nicht nachgeben sollte.

Der Anschlag auf Herrhausen wurde mit großer Präzision und technischem Aufwand ausgeführt. Die Täter hatten vor dem Anschlag am Seedammweg eine Baustelle vorgetäuscht und eine Lichtschranke gelegt. Ihre Bombe war von militärischer Bauart, die Terroristen hatten sie in einer Tasche deponiert, die auf dem Gepäckträger eines am Straßenrand abgestellten Fahrrads abgestellt war. Die Lichtschranke wurde per Hand eingeschaltet, kurz bevor Herrhausens Wagen die Stelle passierte. Es müssen mindestens zwei Täter am Tatort gewesen sein: einer, der Herrhausens Ankunft meldete, und einer, der die Lichtschranke bediente.

Der an der Schlagader verletzte Bankier verblutete innerhalb weniger Minuten. Die Personenschützer, die in einem eigenen Wagen Herrhausens Auto gefolgt waren, wagten es nicht, Herrhausen erste Hilfe zu leisten, weil sie weitere Explosionen am Tatort erwarteten.

Quelle: F.A.Z.
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