Digitalunterricht in Schulen

„Nicht jeder Lehrer schickt Arbeitsblätter“

Von Ewald Hetrodt
19.01.2021
, 10:39
Auch Lehrer haben zum Teil Probleme mit dem Distanzunterricht. So schicken manche den Schülern keine Arbeitspapiere. Ein Schulsprecher und die SPD plädieren deshalb für die Einführung von Wechselunterricht.

In der durch das Virus bedingten Ausnahmesituation tauchen offenbar nicht nur Schüler, sondern mitunter auch Lehrer ab. „Das kommt vereinzelt vor“, berichtete der Landesschulsprecher Paul Harder am Montag in einer Pressekonferenz der SPD-Fraktion. So schickten solche Lehrer den Schülern keine Arbeitspapiere. Oder der Fernunterricht, den sie geben sollten, finde nicht statt.

Der gewählte Sprecher der Schüler hob hervor, dass viele Schüler am Distanzunterricht nicht teilnähmen und sich auch nicht mit den Arbeitspapieren beschäftigten. Damit reagierten sie auf die unangemessene Behandlung in Corona-Zeiten. Der Distanzunterricht habe schon zu Beginn der Pandemie nicht richtig funktioniert. Damals habe das Kultusministerium versprochen, die Mängel des Schulportals zu beheben. Dies sei aber bis heute nicht der Fall. Das System sei nicht nur anfällig. Auch bei der individuellen Anwendung gebe es immer wieder Fehlfunktionen.

Harder monierte die „misslungene“ Kommunikation des Kultusministeriums zur Aufhebung der Präsenzpflicht und „falsche Signale“. Er vermisse ein einheitliches Konzept der Landesregierung. Der Alltag unterscheide sich in der Praxis nicht nur von Schule zu Schule, sondern auch von Lehrer zu Lehrer.

Die Jüngeren könnten mit dem Internet meistens besser umgehen und böten einen digitalen Unterricht an, bei dem die Schüler stärker eingebunden würden, anstatt langen Monologen ausgesetzt zu sein. Harder beklagte, dass die Schüler am Tag in Extremfällen von 8 bis 20 Uhr im digitalen Unterricht seien. Bis 16 Uhr gebe es Videoschaltungen. Danach benötigten sie noch vier Stunden, um sich mit den Arbeitsblättern zu beschäftigen. Harder plädierte für die Einführung von Wechselunterricht.

Damit liegt er auf einer Linie mit der SPD. Deren bildungspolitischer Sprecher Christoph Degen nannte die aufgehobene Präsenzpflicht „das denkbar schlechteste Modell“. Die Landesregierung habe verkündet, dass die Schulen offen seien, die Kinder und Jugendlichen aber möglichst zu Hause bleiben sollten.

Bis zu 70 Prozent der Schüler in den Klassen anwesend

Weil die Eltern nun befürchteten, dass sie im Distanzunterricht etwas versäumten, schickten sie ihre Kinder in großer Zahl in die Schule. Dort sei die Gefahr, sich zu infizieren, wegen der geringen Abstände in den Klassenräumen hoch. Wenn die Landesregierung angebe, dass ein Viertel der Schüler in den Präsenzunterricht kämen, sei das ein Durchschnittswert, sagte Degen. Nach seinen Informationen seien in den Klassen bis zu 70 Prozent der Schüler anwesend. Der Stufenplan für die unterschiedlichen Phasen der Pandemie enthalte die Aufhebung der Präsenzpflicht nicht.

Der von der SPD präferierte Wechselunterricht sei auf der dritten Stufe vorgesehen. Der Kultusminister fürchte ihn aber „wie der Teufel das Weihwasser“. Degen präsentierte am Montag ein modifiziertes Modell. Man müsse die Klassen nicht unbedingt halbieren, um die einen Schüler im Präsenzunterricht und die anderen zu Hause digital zu unterrichten. Man könne auch bis zu fünf Gruppen bilden. Daraus ergebe sich etwa, dass die Schüler wenigstens an einem Tag der Woche im Präsenzunterricht seien. Es sei wichtig, dass die Lehrer ihre Schützlinge sähen. So könne man alle Schüler weiterhin „am Bildungsgeschehen beteiligen“.

Kommentar zum Thema: Kultusminister haben es schwer

Quelle: F.A.Z.
Ewald Hetrodt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ewald Hetrodt
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.
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