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Dioxin-Skandal

Schweinemäster fühlen sich als Opfer von Kriminellen

Von Oliver Bock, Rüdesheim
 - 18:26

Eine „kleine Katastrophe“ hat der Rüdesheimer Landwirt Günter Heckel schon jetzt zu verdauen. Binnen einer Woche sank der Schweinepreis als Folge des Dioxinskandals je Kilogramm Schlachtgewicht um 13 Cent auf 1,35 Euro. Heckel, der seit Anfang der achtziger Jahre das „Schweinezyklus“ genannte Auf und Ab der Preise gewohnt ist, hat einen solchen Preisverfall innerhalb solch kurzer Zeit noch nicht erlebt. Es wird wohl nicht das Ende der Talfahrt sein, befürchtet der Rüdesheimer Mäster und ahnt eine „mittlere bis große Katastrophe“ für seine Zunft voraus, nachdem jetzt auch „Dioxin im Schweinefleisch“ gefunden wurde.

Gift im Fleisch - das wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Heckel hat von Schlachtereien gehört, die ihre Kapazität durch den Verzicht auf einen Schlachttag pro Woche deutlich verringern wollen. Am Freitag werden die neuen, wöchentlich aktuellen Schweinepreise notiert, und Heckel schwant nichts Gutes.

1500 bis 1700 Tiere in vier Monaten gemästet

In fast drei Jahrzehnten hat er mit seiner Frau den größten Mastbetrieb im Rheingau-Taunus-Kreis aufgebaut. Sein Landgut „Petershof“ auf dem Rüdesheimer Ebental steht für eine regionale Lebensmittelerzeugung. Knapp 80 Tage alte und rund 30 Kilogramm schwere Ferkel bezieht er von zwei Züchtern in Eltville und Hünfelden. Binnen vier Monaten mästet er 1500 bis 1700 Tiere auf ein Schlachtgewicht von 120 Kilogramm und verkauft sie an den familiär geführten Fleischhof Bayer in Niederwallmenach im Rhein-Lahn-Kreis. Dieser beliefert unter anderem auch drei eigene Filialen im Rheingau mit Schnitzel, Steak und Wurst.

Das ist ein regionaler Kreislauf, wie er von vielen Verbraucherverbänden als wünschenswert und vorbildlich betrachtet wird. In Hessen ist das umso bemerkenswerter, als der Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch auf 43 Prozent gefallen ist, also mehr als die Hälfte des Bedarfs eingeführt werden muss. Neue Mastbetriebe kommen wegen der komplexen Genehmigungspraxis kaum noch hinzu. In Hessen gibt es noch 5850 Mast- und Aufzuchtbetriebe mit 725 000 Schweinen. Heckel zählt zu jenen drei Prozent der Schweinehalter, die mit Beständen zwischen 1000 und 2000 Tieren zusammen schon ein Drittel aller hessischen Schweine im Stall stehen haben. Im bundesweiten Maßstab ist sein Betrieb aber ein sehr kleiner.

Futter aus Eigenproduktion

Um jährlich rund 5000 Schweine zur Schlachtreife zu mästen, braucht Heckel Futter. Viel Futter. 85 Prozent davon produziert er als Getreide auf eigenen, etwa 300 Hektar großen Feldern selbst, auf denen er jährlich 2500 Kubikmeter Gülle ausbringt. Eine geringe Menge Mineralfutter und 200 Tonnen Sojaschrot kauft er zu. Ebenso 12.000 Liter reines Sojaöl, das bei dem kriminellen norddeutschen Futterhersteller so in Verruf geraten ist. Das Öl braucht Heckel, um den von ihm hergestellten Futtermix energetisch aufzupeppen und um das Trockenfutter zu binden.

Heckel vertraut auf die langjährigen Handelsbeziehungen zu seinen Lieferanten in der Region, aber auch auf Kontrollen. Ein Dokument aus seinen Unterlagen bestätigt beispielsweise, dass die Mainzer ADM GmbH als Lieferant für Futtermittel von der „Deutschen Gesellschaft für die Zertifizierung von Managementsystemen“ positiv begutachtet worden ist. Heckels Betrieb ist selbst zertifiziert und darf nur von solchen Lieferanten Ware beziehen.

„Unschuldig in die Krise“

„Nach den Unterlagen ist alles zu 100 Prozent saubere Ware. Mehr können wir Landwirte nicht tun“, sagt der Rüdesheimer. Das meint auch der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, Thomas Kunz, der eigene Kontrollen der Landwirte weder für praktikabel noch für bezahlbar hält. Er sieht die Bauern beim Futtermittelkauf in der Rolle der Verbraucher - genauso wie die Bürger an der Frischetheke beim Eierkauf. In der gegenwärtigen Diskussion werde zu wenig beachtet, dass die Landwirte Opfer krimineller Machenschaften seien. Der Skandal sei daher auch keine Frage von Massentierhaltung oder ökologischer Wirtschaftsweise.

Kunz mahnt aber auch, nicht in Hysterie zu verfallen. So sei zu beachten, dass die Dioxingrenzwerte für Fisch höher seien als für Eier und Hühner in Freilandhaltung mehr Dioxin aus der Luft aufnähmen als Hühner im Stall. Dennoch dürfe der Skandal nicht kleingeredet werden: Das Ganze sei eine große Sauerei, und die Landwirte gerieten „unschuldig in die Krise“.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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