Fahrstunden in Corona-Zeiten

Die Sorge fährt mit

Von David Rech
24.01.2021
, 07:31
Anders als in anderen Bundesländern dürfen in Hessen Fahrschulen weiterhin Fahrunterricht anbieten. Manche Fahrlehrer sehen darin ein Gesundheitsrisiko.

Abstand halten und Kontakte reduzieren, lautet das Gebot der Stunde. Daran möchte sich auch Oliver Lehnst halten, denn, wie so viele, hat auch er Angst vor einer Corona-Infektion. Mit seinem Beruf aber ist das nicht zu vereinbaren. Jeden Tag sitzt er auf engstem Raum mit seinen Schülern zusammen – mindestens 45 Minuten lang, vier- bis fünfmal am Tag. Lehnst ist Fahrschullehrer in Darmstadt und damit einer der wenigen Fahrlehrer in Deutschland, die auch in Zeiten strenger Corona-Maßnahmen Fahrunterricht anbieten dürfen.

Anders als in Rheinland-Pfalz, Bayern, Baden-Württemberg und dem Großteil der deutschen Bundesländer hat sich das hessische Wirtschaftsministerium gegen ein Verbot von Präsenzunterricht in Fahrschulen entschieden. Verstehen kann Lehnst das nicht. Er würde seine Fahrschule lieber schließen, zu groß ist ihm das Infektionsrisiko. Wirtschaftlich sei ihm aber nichts anderes übriggeblieben, als wieder mit dem Unterricht zu starten, sagt der Zweiundfünfzigjährige. Seit einer Woche bietet Lehnst nun wieder Fahrschulunterricht an.

„Die Hygienevorschriften sind nicht einzuhalten“

„Die Hygienevorschriften sind nicht einzuhalten“, sagt er. Der Abstand zwischen Fahrlehrer und Fahrschüler betrage während einer Fahrstunde vielleicht 20 Zentimeter. Fahren lässt Lehnst nur mit Maske. Das wird auch in der Corona-Verordnung empfohlen, aber nicht vorgeschrieben. Hände müssen vor der Fahrt desinfiziert werden, und nach jeder Fahrt wird gelüftet. Doch die Bedenken bleiben, erzählt der Fahrlehrer.

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„Man kann im Fahrschulauto, wie im Taxi, Vorkehrungen treffen“, sagt Franziska Richter, Sprecherin des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen. Richter spricht von Trennwänden, wie sie in Taxis zwischen Vorder- und Rücksitzen genutzt werden. Wie das zwischen Fahrer und Beifahrer funktionieren soll, kann sie auch nicht sagen. Die Entscheidung habe das Ministerium getroffen, nachdem es vergangenes Jahr zahlreiche Rückmeldungen von Fahrschulen und Fahrlehrern erhalten habe. Viele seien nach den Schließungen während des ersten Lockdowns im März „sehr unglücklich“. Wem das Risiko heute zu groß sei, der könne seine Fahrschule wieder schließen. Eine Pflicht, Unterricht zu erteilen, bestehe schließlich nicht, sagt Richter und verweist auf die Überbrückungshilfen, die Unternehmen beantragen können.

Großer Ansturm auf Fahrschulen

Mit der Regelung hat auch der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer in den vergangenen Wochen viel Aufmerksamkeit erhalten. Pressevertreter, Fahrlehrer oder besorgte Bürger – sie alle haben den Verband angerufen und gefragt, wie er sich positioniert. Die Antwort des Vorstandsvorsitzenden, Frank Dreier, ist schon routiniert: Man bleibe neutral. Als Verband freue man sich für die, die wieder arbeiten wollen. Gleichzeitig habe man Verständnis für die, die besorgt sind. „Wir können die Argumentation beider Seiten verstehen“, sagt Dreier. Unter den Fahrlehrern sei etwa die eine Hälfte für, die andere gegen Schließungen. Dreier ist selbst Fahrlehrer und führt seine eigene Fahrschule. Theorieunterricht bietet seine Fahrschule nur noch online an, die praktischen Fahrstunden versuche man zu reduzieren und einen kleineren, festen Kern an Fahrschülern „kompakt“ durch Unterricht und Prüfungen zu bringen.

Die Fahrschulen, die öffnen dürfen, erleben nun einen großen Ansturm. Berichten zufolge werden sowohl Fahrschüler als auch Fahrlehrer aus Bundesländern, in denen Fahrunterricht untersagt ist, von Fahrschulen aus anderen Bundesländern abgeworben.

Quelle: F.A.Z.
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