Gelebter Denkmalschutz

Kampf um jeden Fachwerkbalken

Von Rainer Schulze
Aktualisiert am 23.09.2020
 - 08:06
Das „Haus Lamberti“ prägt wieder den Ortskern und beherbergt das Restaurant Kiedricher Hof.
„Es hielt nur noch aus Gewohnheit“: Vor vier Jahren waren die Aussichten für das „Haus Lamberti“ im hessischen Kiedrich düster. Nun geht der Denkmalschutzpreis an zwei Bauherren, die Bestehendes bewahrt haben.

Als Dieter Wölfel vor vier Jahren das „Haus Lamberti“ im Ortskern von Kiedrich erwarb, hatten Gutachter den Dachstuhl schon aufgegeben. Der Ingenieur hat das 1603 erbaute Fachwerkhaus vor dem Untergang bewahrt. Damals fehlte nicht viel, und die historische Giebelseite wäre nach einem Feuchtigkeitsschaden auf die Straße gestürzt. „Es hielt nur noch aus Gewohnheit“, sagt der Eigentümer.

Wölfel kämpfte um jeden Fachwerkbalken. Es gelang ihm, einen Großteil des Dachstuhls zu erhalten und das Zierfachwerk zu restaurieren. Heute prägt das Haus wieder den Ortskern und beherbergt das Restaurant Kiedricher Hof. Der Einsatz für Kulturdenkmäler wurde für Wölfel zu einer Lebensaufgabe: „Es ist viel interessanter und bringt jeden Tag neue Erkenntnisse, ein altes Haus zu sanieren, als ein neues zu bauen“, sagt er.

Sein Engagement ist nun mit dem ersten Platz des Hessischen Denkmalschutzpreises gewürdigt worden. „Ein fast schon verlorenes Kulturdenkmal im Ortskern von Kiedrich konnte gerettet und durch eine adäquate Nutzung wieder in das Alltagsleben integriert werden“, urteilt die Jury. Sie lobt das hohe Engagement, die Risikobereitschaft, die Fachkenntnis und die Liebe zum Detail in allen ausgeführten Arbeiten.

Die Jury ist voll des Lobes

Auch einer der beiden zweitplazierten Preisträger hat ein historisches Fachwerkhaus gerettet. Was für ein Schatz sich hinter der verputzten Fassade verbirgt, war dem Haus im Wiesbadener Stadtteil Delkenheim nicht anzusehen. 445 Jahre und viele Generationen unterschiedlicher Bewohner hatten ihre Spuren hinterlassen. Gudrun und Andreas Friesenhahn haben sich intensiv mit der Geschichte des Hauses auseinandergesetzt, das 1575 als Teil einer historischen Mühlenanlage erbaut wurde. Sie haben das Fachwerkhaus liebevoll restauriert und um einen Anbau ergänzt. Dielenböden, Türblätter und Treppen blieben erhalten. Das marode Fachwerk wurde in traditioneller Zimmermannstechnik wiederhergestellt, Ausfachungen aus Stroh und Lehm wurden repariert. Der Einsatz hat sich gelohnt. Das Ehepaar wurde gestern mit dem zweiten Platz des Denkmalschutzpreises ausgezeichnet.

Die Jury ist voll des Lobes: Mit einem hohen Maß an Eigeninitiative und denkmalpflegerischer Sensibilität sei es dem Ehepaar gelungen, eines der ältesten Fachwerkgebäude Wiesbadens behutsam zu sanieren. „Auch durch umfangreiche Recherchen und Erkenntnisse haben die Preisträger einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des Ortsbildes geleistet. Die vorbildliche Maßnahme zeigt, wie sich zeitgemäßes Wohnen im Kulturdenkmal verwirklichen lässt“, urteilt das Preisgericht. Ein weiterer zweiter Preis geht an Gerd und Kerstin Hausner, die eine ehemalige Wachswarenfabrik in Fulda zu einem Wohnhaus umgebaut haben.

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Der Hessische Denkmalschutzpreis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Geld stiftet die Lotto Hessen GmbH, die den Preis mit dem Landesamt für Denkmalpflege 1986 ins Leben gerufen hat. Undotiert sind die Auszeichnungen für die öffentliche Hand. Sie gehen dieses Jahr an den Bauverein Darmstadt für die Sanierung der Wohnanlage am Rhön- und Spessartring, an die Uni Marburg für den Erhalt ihres Kunstgebäudes, die Stadt Lich für die Sanierung der Oberbessinger Pforte und die Frankfurter ABG für die Restaurierung des Cantate-Saals.

„Um Baudenkmäler zu erhalten und zu pflegen, braucht es Menschen, die alten Gemäuern mit viel Leidenschaft und Einsatz wieder Leben einhauchen“, sagte Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen) bei der Preisverleihung. Mit jedem Stein, jedem Balken, jeder Wand, die erhalten blieben, würden auch Ressourcen geschont. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, attestierte allen Preisträgern große Sorgfalt und viel Liebe zum Detail.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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