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Gemeinnützige Arbeit

Ein Tritt in den Hintern

Von Franziska Pfeffer, Mainz
 - 15:11

Am Tag, an dem Rachel Johnson festgenommen wird, feiert sie ihren 22. Geburtstag. Die Mainzerin hatte im März 2016 ein paar Freunde eingeladen. Die Stimmung ist ausgelassen, der Alkohol fließt in Strömen. Wenig später beschließt die Gruppe, mit der Straßenbahn in die Mainzer Innenstadt zu fahren. Dort wollen die jungen Erwachsenen feiern und tanzen gehen. Johnson ist ziemlich betrunken. „In der Bahn lief alles aus dem Ruder“, erinnert sich die Mainzerin. Ihre Freunde und sie geraten mit einer anderen Gruppe in Streit. Laut wird diskutiert, Schimpfworte fliegen durchs Abteil. Die Situation schaukelt sich hoch. Am Ende ruft der Bahnfahrer die Polizei.

Als die Beamten kurz darauf eintreffen, hat sich die Situation noch immer nicht beruhigt. Rachel Johnson ist wütend und zeigt sich wenig kooperativ. „Die Polizisten wollten meinen Ausweis sehen, aber ich habe die ganze Zeit auf ein ,Bitte‘ von den Beamten gepocht“, sagt die junge Frau. Nach langer und hitziger Diskussion haben die Beamten genug. Sie nehmen Johnson fest. Selbst in Handschellen beleidigt sie die Polizisten weiter.

Routine und Struktur in das eigene Leben bekommen

Es ist nicht das erste Mal, dass Rachel Johnson mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Sie ist im März 2016 schon wegen kleinerer Delikte vorbestraft. Darum kommt sie jetzt nicht so leicht davon. Wenige Monate später, im August 2016, verurteilt sie das Mainzer Jugendgericht wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Geldstrafe von 380 Euro. Außerdem muss sie die Kosten für Transport und Ingewahrsamnahme übernehmen.

Johnson, die orangefarbene Kunstnägel und ein Piercing über der Oberlippe trägt, hat das Geld nicht. Weil sie nicht innerhalb von drei Wochen zahlen kann, drohen ihr 20 Tage Gefängnis als sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe oder 120 Sozialstunden in einer gemeinnützigen Einrichtung. „Ich habe mich ein Stück weit bewusst für die Sozialstunden entschieden, damit ich endlich wieder Routine und Struktur in mein Leben bekomme“, sagt Johnson. Außerdem wird die gemeinnützige Arbeit nicht in das polizeiliche Führungszeugnis eingetragen.

Allein in Rheinland-Pfalz leisteten im Jahr 2015 fast 1400 jugendliche Straftäter gemeinnützige Arbeit in Krankenhäusern, Altenheimen und Behinderteneinrichtungen. In Hessen lag die Zahl bei etwa 1250.

Inzwischen machen immer mehr deutsche Gerichte von der Möglichkeit, Sozialstunden anzuordnen, Gebrauch, wie ein Sprecher des Justizministeriums Rheinland-Pfalz sagt. Sowohl Straftäter als auch gemeinnützige Organisationen könnten von solchen Sozialstunden profitieren. Außerdem dürfe ein derart Verurteilter meist in seiner häuslichen Umgebung bleiben und sich, falls er arbeitslos sei, in dieser Zeit um eine feste Arbeit bemühen. Gehe es hingegen um jugendliche Täter, solle eine solche Strafe den Heranwachsenden vor allem helfen, den Alltag zu strukturieren. Sozialstunden könnten außerdem die Justizvollzugsanstalten entlasten. Und gemeinnützige Einrichtungen würden bestenfalls durch die Straftäter unterstützt.

Rachel bereut ihre Tat - und will sich ändern

Warum Rachel Johnson an ihrem Geburtstag nicht einfach den Anweisungen der Polizei Folge leistete, kann sich die mittlerweile 23 Jahre alte Mainzerin nur so erklären: „Ich hatte zu der Zeit ein großes Problem mit Autorität und ließ mir nur ungern Vorschriften machen.“ Ihre Kindheit sei äußerst schwierig gewesen. Wahrscheinlich habe sie deshalb eine grundsätzliche Widerstandshaltung gegenüber Respektspersonen entwickelt, mutmaßt sie. Ins Detail gehen will sie nicht.

Seit Februar arbeitet Johnson täglich von 8 bis 14.30 Uhr an der Pforte der Evangelischen Wohnungslosenhilfe Mainz. Dort im Frauenhaus, in dem sie selbst ein Zimmer bewohnt, übernimmt sie den Telefondienst, regelt den Empfang und kümmert sich darum, dass die wohnungslosen Frauen Post bekommen können. Die Arbeit macht ihr Spaß, was sie selbst überraschend findet. „Ich schmeiße quasi das Büro allein“, sagt Johnson. Mittlerweile habe sie schon 90 der verhängten 120 Stunden geleistet. Der Rest soll schnellstmöglich folgen. „Anfangs fiel es mir schwer, früh aufzustehen. Doch inzwischen ist das kein Problem mehr.“ Durchhaltevermögen sei besonders wichtig in der gemeinnützigen Arbeit, meint Johnson. „Wenn ich abbrechen würde, müsste ich die verbleibende Zeit im Gefängnis absitzen, und das ist das Letzte, was ich möchte.“

Inzwischen bereut sie ihre Tat. Deshalb habe sie sich vorgenommen, ihr Verhalten zu ändern. Die Arbeit im Frauenhaus sei eine große Hilfe. „Bevor ich angefangen habe, Sozialstunden zu leisten, hatte ich keine Selbstbeherrschung.“ Durch die Arbeit und den engen Kontakt zu ihrer Sozialarbeiterin, die ebenfalls im Frauenhaus arbeitet, sei sie wesentlich entspannter geworden. „Letztlich bin ich dankbar, dass ich zur gemeinnützigen Arbeit verurteilt wurde“, sagt Johnson. Dadurch habe sie einen dringend benötigten Tritt in den Hintern bekommen.

Bestimmt, aber freundlich

Helga Oepen, Leiterin der Evangelischen Wohnungslosenhilfe, lobt Johnson. „Seit Rachel bei uns arbeitet, hat sie eine echte Entwicklung vollzogen.“ Sie sei zuverlässig und beweise oft, was in ihr stecke. Positives Feedback sei entscheidend für das Selbstbewusstsein junger Straftäterinnen, sagt Oepen und fügt hinzu: „Wenn die Frauen sich beweisen können und Erfolgserlebnisse haben, stabilisiert das die ganze Persönlichkeit.“

Für die Zukunft hat Johnson große Pläne. Bis Jahresende will die 23 Jahre alte Mainzerin eine eigene Wohnung beziehen und arbeiten gehen. „Zunächst möchte ich eine Ausbildung im Einzelhandel absolvieren“, sagt sie. Anschließend habe sie vor, ihren Realschulabschluss und das Abitur nachzuholen. „Mein Traum ist es, Sozialpädagogik studieren zu können und in Zukunft als Streetworker zu arbeiten.“ Von ihrem Wunschberuf erhoffe sie sich, Jugendlichen zu helfen, die auch auf die schiefe Bahn geraten sind.

An der Pforte der Wohnungslosenhilfe wird es hektisch. Ein Mann hat sich in den Vorraum des Frauenhauses verirrt. „Sie müssen draußen warten. Männer sind hier unten nicht erlaubt“ – bestimmt, aber freundlich begleitet Johnson den Mann wieder vor die Tür. Auch das hat sie während der Sozialstunden gelernt: Selbstbewusstes Auftreten und eine große Klappe können im richtigen Moment auch von Vorteil sein. „Und wenn eine Situation doch einmal eskaliert, ist das nächste Polizeirevier ja gleich um die Ecke.“

Quelle: F.A.Z.
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