Geothermie

Energie aus der Tiefe für das Rhein-Main-Gebiet

Von Heike Lattka, Main-Taunus-Kreis
14.07.2009
, 08:30
Hans-Jürgen Hielscher (FDP): „Nicht ganz einfach, beste Bohrstellen zu finden”
„Der Main-Taunus-Kreis soll energiepolitisch autark werden“, sagt Hans-Jürgen Hielscher (FDP). Um das zu erreichen, soll ein „Naturgeschenk“ genutzt werden, das der Oberrheingraben in der Tiefe für den Landstrich zwischen Hofheim, Frankfurt und Groß-Gerau bereithält: heißes Wasser.
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Das hochgesteckte Ziel gibt der erste Kreisbeigeordnete Hans-Jürgen Hielscher (FDP) vor: „Der Main-Taunus-Kreis soll energiepolitisch autark werden.“ Schon heute versorgt die Gesellschaft Rhein-Main-Deponie (RMD) in Flörsheim-Wicker, deren Anteilseigner Main-Taunus- und Hochtaunuskreis sind, rund 120.000 Menschen mit Strom, der aus Biogas und Biomasse gewonnen wird. Um die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu erreichen, setzt der Umweltdezernent weder auf die Sonne noch auf die politisch umstrittene Windkraft. Vielmehr soll ein „Naturgeschenk“ genutzt werden, das der Oberrheingraben in der Tiefe für den Landstrich zwischen Hofheim, Frankfurt und Groß-Gerau bereithält: heißes Wasser.

Der „Hotspot“ – die nach Untersuchungen des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie heißeste Stelle mit Temperaturen von bis zu 130 Grad – liegt zwar südlich des Flughafens. Aber auch im Main-Taunus-Kreis schösse Heißwasser im Fall von Bohrungen an den richtigen Punkten aus 3.000 Metern mit mehr als 120 Grad aus der Erde an die Oberfläche.

Futuristisch anmutende Traktoren

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Geologisch bietet neben dem Rhein-Main-Gebiet in Deutschland nur noch die Formation der Bayrischen Molassebecken diese Voraussetzungen. Ihre günstige Lage machte sich die Stadt Unterhaching im Großraum München zunutze. Vor vier Wochen ging dort das erste deutsche Erdwärme-Kraftwerk ans Netz. Nach einem Besuch dieser Anlage hat der RMD-Aufsichtsrat einen Tendenzbeschluss gefasst: In den nächsten Wochen sollen seismische Untersuchungen für ein 30-Millionen-Euro-Projekt nach dem bayrischen Vorbild beginnen. Ebenso hat der Main-Taunus-Kreis die bergrechtliche Erlaubnis beantragt und vorbereitende Untersuchungen in Auftrag gegeben.

Wenn in der nächsten Zeit futuristisch anmutende Traktoren, die Rüttelplatten hinter sich herziehen, zwischen Hochheim und Hofheim durch die Landschaft rollen, so zeichnen diese wichtige Hinweise für beste Bohrstellen auf. Denn es sei nicht ganz einfach, diese zu finden, und jede Bohrung koste etwa neun Millionen Euro, berichtet Hielscher.

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3.000 Meter tief bohren

Die hohen Bohrkosten nennt auch Wolfgang Geisinger, Geschäftsführer der Geothermie Unterhaching GmbH & Co. KG, als größte Hürde: „Genaues weiß man immer erst dann, wenn man unten ist.“ Als 2001 mit dem Vorhaben begonnen worden sei, habe sich der Optimismus in Grenzen gehalten. Doch die ursprünglich erhofften Nutzungsmöglichkeiten würden nun bei weitem übertroffen. Über das eigene Fernwärmenetz beliefere das Unterhachinger Kraftwerk schon 3.000 Haushalte mit Strom und Fernwärme, dies werde mittelfristig auf einen Anteil von 65 bis 70 Prozent erweitert.

Da die 23.000 Einwohner zählende Stadt Unterhaching insgesamt 80 Millionen Euro in Energiegewinnung und den Aufbau des Netzes investiert habe, sei man als Energieversorger auch Preisgestalter. Da die Stadt nur ihre Investitionen abzahlen müsse, ermögliche dies eine günstige Kalkulation. Der Preisanstieg lag Geisinger zufolge im vergangenen Jahr bei rund einem Prozent. Sogar günstiger als vor seiner eigenen Haustür schätzt er die geothermischen Ressourcen im Oberrheingraben ein. Er glaube nicht, dass man im Main-Taunus-Kreis tiefer als 3.000 Meter nach der heißen Quelle bohren müsse – und jeder Meter weniger reduziere die Kosten erheblich.

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Energiewende

Der Prozess der Energiegewinnung sei technisch leicht umzusetzen: Es werden bis zu 150 Liter je Sekunde heißes Thermalwasser gefördert. Mit zwei Bohrungen in mehr als 3.000 Meter Tiefe wurde ein Kreislauf aus Thermalwasser geschaffen. Strom wird seit vier Wochen mit Hilfe eines sogenannten Kalina-Kraftwerks erzeugt, das an den Kreislauf angeschlossen ist. Beim Kalina-Prozess wird eine Mischung aus Wasser und Ammoniak verwendet. Dieses Gemisch siedet und kondensiert bei konstantem Druck über eine weite Temperaturspanne, was eine besonders effiziente Wärmeübertragung ermöglicht. Mit der Anlage wollen die Betreiber jährlich bis zu 40.000 Tonnen Kohlendioxid einsparen.

Vergleichbare Geothermik-Kraftwerke gebe es nur noch in Island und Japan, sagt Geisinger. Während die Bayern die gesamte Energieversorgung in eigener Regie betreiben, sogar ein konventionelles Gas- und Ölkraftwerk für den Notfall gebaut wurde, sucht der Main-Taunus-Kreis Hielscher zufolge nach Partnern. Es sei nicht daran gedacht, ein eigenes Netz aufzubauen. Der Main-Taunus-Kreis wolle vielmehr seine Vorreiterstellung bei umweltfreundlichen Energien weiter ausbauen. Sollte das Vorhaben Wirklichkeit werden, sei zumindest im Main-Taunus-Kreis die Energiewende geschafft, sagt er.

Quelle: F.A.Z.
Heike Lattka - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Lattka
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.
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