Grippewelle in Hessen

Notaufnahmen der Kliniken sind überlastet

Von Ingrid Karb
19.02.2015
, 17:44
Hohes Aufkommen: Ärzte und Notaufnahmen haben derzeit viel Arbeit.
Die Grippe-Ampel steht auf „rot“. Das bedeutet eine „erhöhte Influenza-Aktivität“. Einige Krankenhäuser der Region stoßen an ihre Grenzen, mancherorts gab es schon Aufnahmestopps.

Während viele Bürger seit Weiberfastnacht ausgelassen Karneval feierten, kamen andere vor lauter Arbeit kaum zum Verschnaufen: Die Ärzte und Pflegekräfte in den Notaufnahmen und Krankenhäusern der Region haben derzeit viel zutun. Dabei hat die Mehrbelastung noch nicht einmal etwas mit dem bunten Treiben auf den Straßen zu tun. In der zentralen Notaufnahme des Klinikums Frankfurt-Höchst seien nur wenige verletzte oder alkoholisierte Fastnachter behandelt worden, berichtet Chefarzt Peter-Friedrich Petersen.

Vielmehr hat die aktuelle deutschlandweite Erkrankungswelle zu einem Andrang in den Notaufnahmen geführt. Das Robert-Koch-Institut in Berlin hat in der vergangenen Woche 260 neue Fälle von Grippe registriert. Und die Arbeitsgemeinschaft Influenza hat auch für Hessen eine stark erhöhte Influenza-Aktivität gemessen.

In Frankfurt-Höchst litten die meisten Notfallpatienten, die am Wochenende das Krankenhaus aufsuchten, unter Atemnot, zum Beispiel infolge einer Lungenentzündung, oder an heftigen Magen-Darm-Beschwerden.

Aufnahmestopp in Frankfurt-Höchst

Allein am Sonntag sind in der von Chefarzt Petersen geleiteten Notaufnahme 162 Patienten behandelt worden - 40 mehr als an einem durchschnittlichen Tag. Seit gut drei Wochen steige vor allem die Zahl der schweren Fälle, die von den Rettungdiensten gebracht würden, sagt Petersen. Bis zu acht Rettungswagen seien in einer Stunde vorgefahren. Viele Ältere müssten in der Klinik versorgt werden; das Durchschnittsalter seiner Patienten habe Mittwochfrüh bei etwa 90 Jahren gelegen.

Weil alle Betten in der Höchster Notaufnahme und auf der internistischen Station belegt gewesen seien, habe man zeitweise keine Kranken mehr aufnehmen können. Da auch andere Kliniken in Frankfurt überlastet gewesen seien, habe der Rettungsdienst Intensivpatienten zeitweise bis Friedberg fahren müssen.

Auch das Frankfurter Universitätsklinikum berichtet von einer kontinuierlichen Überlastung in den vergangenen Wochen. Abgewiesen worden sei aber niemand, teilt eine Sprecherin mit. Schuld an der hohen Auslastung der Intensivstation sei nicht die Erkältungswelle, es sei vielmehr eine Mischung verschiedener Diagnosen.

Kein Grund zur Panik

Es gebe zurzeit einen Engpass in der Versorgung, bestätigt ein Sprecher der Frankfurter Feuerwehr. Deswegen müssten Patienten zum Teil in weiter entfernte Kliniken gebracht werden. „Wir bekommen aber alle Patienten unter“, hebt der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, hervor. Das System stoße noch nicht an seine Grenzen, nur die Verteilung der Patienten sei logistisch aufwendiger.

Dabei hilft das Computerprogramm Ivena, über das alle Kliniken der Region die Auslastung ihrer Fachabteilungen im Internet melden. Auf diese Weise kann der Rettungsdienst seit 2010 schnell erkennen, welche Kliniken noch Kapazitäten frei haben, und die Patienten dorthin bringen. Die Unterbringung auf Fluren sei damit seltener geworden, sagt Gottschalk. In diesem Jahr habe die Leitstelle schon 1500 Einsätze mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum registriert, sagt der Feuerwehr-Sprecher. Am Tag seien es im Schnitt etwa 350 statt sonst 270.

In der momentanen Auslastungsspitze sieht der Sprecher keinen Grund zur Panik. Die Rettungsdienste seien gut auf solche Situationen vorbereitet. Wenn alle Rettungswagen unterwegs seien, rückten Löschfahrzeuge der Feuerwehr mit Sanitätern aus, um Erste Hilfe zu leisten. Allerdings leide auch die Feuerwehr unter der Erkältungswelle. Von den 700 Einsatzkräften hätten sich etwa 90 krankgemeldet. Um immer genügend Beamte im Dienst zu haben, seien deshalb Fortbildungen und Urlaube verschoben worden.

„Alle sind zurzeit am Husten“, berichtet auch die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen). Die Arztpraxen seien überfüllt, die Notaufnahmen auch. Das sei jedoch nicht so ungewöhnlich. „Im ersten Quartal des Jahres sind die Krankenhäuser immer voll.“ Im Sommer seien sie dagegen nicht ausgelastet. Mehr Betten müssten nur aufgestellt werden, wenn die Zuweisungen konstant stiegen, sagt Gottschalk. Bisher sei das nicht der Fall. Mit dem demographischen Wandel könne es jedoch zu einem solchen Anstieg kommen, denn: „Ältere Menschen müssen häufiger ins Krankenhaus.“

Deswegen soll der Neubau des städtische Klinikums in Höchst ein Drittel mehr Intensivbetten erhalten, wie Heilig ankündigte. Auch die Zahl der Betten für Schlaganfallpatienten, die meist länger im Krankenhaus bleiben müssen, solle erhöht werden. Allerdings benötige das Klinikum dann zusätzliche Fachkräfte. Und es sei schwer, examinierte Pfleger für die Intensivstation zu finden.

Mit dem derzeitigen Engpass müssen sich Rettungsdienste, Ärzte, Pfleger und Kranke arrangieren. Und den meisten gelingt dies nach Angaben von Petersen auch. „Ich habe selten so ruhige und geduldige Patienten erlebt wie zurzeit.“ Sie zeigten Verständnis und wiesen auch ungeduldige Querulanten in ihre Schranken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Karb, Ingrid
Ingrid Karb
Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.
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