FAZ plus ArtikelDer Rheingau und sein Wein

Guter Jahrgang, wenig Tourismus

Von Oliver Bock, Geisenheim
05.10.2020
, 22:20
Die Auswirkungen der Corona-Krise dämpfen die Stimmung und befördern die Sorgen vieler Winzer im Rheingau. Doch zumindest der neue Jahrgang stimmt optimistisch.

Die meisten Winzer haben schon den Herbstschluss gefeiert, die übrigen nähern sich dem Ende der Lese. Etwa 90 Prozent der Rebfläche sind abgeerntet, wie der Rheingauer Weinbaupräsident Peter Seyffardt sagt, dessen Martinsthaler Weingut am Wochenende die letzten Trauben zur Presse gefahren hat. Sein Bruder Stefan, Außenbetriebsleiter der Hessischen Staatsweingüter, hat noch etwa eine Woche zu lesen, dann ist auch Deutschlands größtes Weingut am Ziel. Der Sprecher des Deutschen Weininstituts, Ernst Büscher, erwartet ebenfalls für diese Woche bundesweit das Ende der deutschen Weinlese – „bis auf die eine oder andere Spezialität, die noch hängen wird“.

Das Wetter habe den Winzern in die Karten gespielt, sagt Büscher. Der Rheingauer Weinbauverband spricht von einem „ruhigen, entspannten Herbstverlauf“ und von Trauben „in perfektem Reifezustand“. Probleme habe es nur an den Trockenstandorten gegeben.

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Zeitmaschine für Riesling

Die prominenteste Saisonkraft in den Rheingauer Weinbergen war in diesem Herbst Julia Klöckner (CDU). Die Bundeslandwirtschaftsministerin und ehemalige Deutsche Weinkönigin schnitt einige Cabernet-Sauvignon-Trauben vom Rebstock ab, damit die Fotografen ihre Bilder im Kasten hatten. Klöckner war eigentlich in den Rheingau gekommen, um sich über die seit 2014 laufenden Experimente der Hochschule Geisenheim zur Klimafolgenforschung zu informieren.

Auf ihrem Freigelände hat die Hochschule eine Art Zeitmaschine für Sonderkulturen wie Weinbau installiert. Die „Face-Anlage“ besteht aus sechs Ringen mit einem Durchmesser von jeweils zwölf Metern. Dort werden Rebstöcke mit den Sorten Riesling und Cabernet Sauvignon einer Kohlendioxid-Konzentration ausgesetzt, wie sie Wissenschaftler für 2050 erwarten. Sechs weitere Ringe sind für Gemüse-Kulturen reserviert. Die Ergebnisse sind laut Hochschulpräsident Hans Schultz erstaunlich. So zeige sich, dass ein Weinbau-Schädling wie der Traubenwickler unter der um 20 Prozent höheren Kohlendioxid-Konzentration eine weitere Generation schlüpfen lasse und dass seine Larven um ein Viertel größer sind als heute.

Die Winzer müssten Gegenstrategien entwickeln. Pheromon-Kapseln, die sie im Frühjahr zur biologischen Schädlingsbekämpfung ausbringen, müssten deutlich länger Wirkung entfalten als heute, um erfolgreich zu sein. Klöckner kündigte an, deutlich mehr Geld für die Forschung bereitzustellen, vor allem im Hinblick auf Klimafolgen. Sie sicherte der Hochschule ihre Unterstützung zu, beispielsweise im Bestreben, Genmaterial trockenresistenter Rebstöcke aus Amerika importieren und für Forschungszwecke vermehren zu dürfen.

Anschließend besucht Klöckner das „Krähennest“, einen rekultivierten Terrassenweinberg in Rüdesheim, wo Studenten die ökologische Bewirtschaftung extremer Steillagen lernen können. Dabei steht auch die Artenvielfalt im Zentrum. Die Arbeiten im Weinberg werden im Zuge des Bachelor-Studiengangs Weinbau und Önologie erfüllt. Die Studenten treffen alle Entscheidungen zur Bewirtschaftung des Weinberges. Der Wein wird in Magnumflaschen gefüllt, die Erlöse fließen in einen Stipendienfonds für Studierende. (obo.)

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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