Corona-Pandemie in Hessen

Deutlich mehr Covid-Patienten an Beatmungsgeräten

Von Thorsten Winter
Aktualisiert am 23.09.2020
 - 15:15
Luftnot: 45 Covid-Patienten müssen in hessischen Kliniken beatmet werden. Dieses Foto entstand im April in der Frankfurter Uniklinik, es zeigt einen Corona-Kranken
Die Serie dreistelliger Corona-Neuinfektionen in Hessen setzt sich fort. Derzeit werden fast vier Dutzend Covid-Patienten beatmet, das sind gut 50 Prozent mehr im Vergleich zur Vorwoche. In Darmstadt wird ein Kindergarten wohl in Quarantäne geschickt.

Das Corona-Infektionsgeschehen in Hessen bleibt rege. Zwar infizieren sich nach Einschätzung von Fachleuten wie der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek in diesen Tagen vor allem jüngere und widerstandsfähigere Menschen als in den Wochen der anschwellenden Pandemie im Frühjahr. Gleichwohl macht sich die über viele Wochen aufgebaute Serie dreistelliger Neuinfektionen in den Krankenhäusern bemerkbar: Derzeit müssen in hessischen Kliniken 45 Covid-19-Patienten beatmet werden. Das hat das Sozialministerium der F.A.Z. mitgeteilt. Vor einer Woche waren es noch 29. Mithin liegt ein Zuwachs um 55 Prozent vor.

An der 1225 Personen zählenden Gruppe, die ihre Corona-Infektion noch nicht ausgestanden haben, machen die beatmeten Patienten 3,6 Prozent aus. 258 Covid-Patienten liegen in Kliniken, das sind sieben mehr als vor einer Woche. Sie entsprechen gut einem Fünftel der Infizierten. 725 Beatmungsbetten sind laut Ministerium frei, sieben mehr als vor Wochenfrist. Zudem ist das Angebot an Betten mit Beatmungsmöglichkeit gewachsen: um 19 auf 2412. Insgesamt sind 5857 Betten in hessischen Kliniken frei, fast 200 weniger als vor sieben Tagen.

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Wie viele Corona-Fälle noch als aktiv gelten, ergibt sich aus den Daten des in der Seuchenbekämpfung federführenden Robert-Koch-Instituts. Demnach haben die hessischen Gesundheitsämter seit Beginn der Pandemie im März 17.870 Infektionen gemeldet. 545 Männer und Frauen sind an den Folgen ihrer Corona-Infektion gestorben, wie es heißt. Die Zahl stagniert weitgehend. Seit Anfang August sind 25 Todesfälle hinzugekommen.

16.100 Personen haben ihre Infektion mittlerweile nach Angaben des kurz RKI genannten Bundesinstituts überstanden. Das sind etwa 100 mehr als am Dienstag. Auf einen Todesfall kommen rechnerisch 29,5 Genesene. Das ist ein neuer Bestwert seit Anschwellen der Pandemie. Tendenz: weiter steigend.

Da bei einer Erzieherin in einem Darmstädter Kindergarten eine Infektion mit dem Coronavirus festgestellt worden ist, werden vermutlich rund 80 Kinder in Quarantäne geschickt, wie die Stadtverwaltung Darmstadt am Mittwoch mitteilte. Wie viele Kolleginnen und Kollegen der Frau von der Maßnahme betroffen sein werden, werde derzeit noch geklärt. Der Kindergarten befindet sich im Stadtteil Eberstadt.

Über Nacht hat das RKI gemessen an den Meldungen der hessischen Gesundheitsämter 113 bestätigte Covid-Fälle zusätzlich verzeichnet. Das sind 6,3 Prozent der in ganz Deutschland registrierten Neuinfektionen und damit weniger, als der Bevölkerungsanteil von Hessen vermuten ließe. Dieser liegt bei gut acht Prozent. Ein Fall ist dabei nicht mit einer Erkrankung gleichzusetzen. Manche Infektion verläuft ohne Symptome, was sie aber für das Umfeld nicht risikoärmer macht, das Gegenteil ist vielmehr zu vermuten.

Bei der für den Bestand von Lockerungen wichtigen Sieben-Tage-Inzidenz, den binnen Wochenfrist gemeldeten Neuinfektionen unter Einwohnern, weist das RKI für Hessen einen Wert von 12,2 aus. Damit liegt Hessen an siebter Stelle aller Bundesländer. An der Spitze rangieren in dieser Reihenfolge Berlin, Bayern und Hamburg.

In Hessen ist nur ein Landkreis seit sieben Tagen oder länger ohne bestätigte Neuinfektion: der Werra-Meißner-Kreis. Zum Vergleich: Im Juni gab es zeitweise zehn Kreise mit einer entsprechenden weißen Weste. Den höchsten Inzidenzwert weist das RKI für den Kreis Groß-Gerau (27,2) aus. Dort ist erhöhte Aufmerksamkeit vonnöten, so sieht es das sogenannte Eskalationskonzept des Landes vor. Der Hochtaunus kommt auf 19,8 und Frankfurt auf 19,5; beide liegen knapp unter der zweiten Meldestufe.

Marburger Hängepartie

Derweil warten Forscher der Universität Marburg und Hamburger Kollegen nach wie vor auf die Erlaubnis aus dem Paul-Ehrlich-Institut, ihren Corona-Impfstoffkandidaten an Menschen testen zu dürfen. Dies sagte eine Sprecherin der Uni Marburg zuletzt der F.A.Z. Am Dienstag hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beim Arzneimittelhersteller Sanofi eine Anlage zur Abfüllung eines Corona-Impfstoffs symbolisch in Betrieb genommen. Sanofi arbeitet aber noch an dem Vakzin. Wann es auf den Markt kommt, steht dahin.

Aus Frankfurter Sicht ist grundsätzlich wichtig: Die am Flughafen genommenen positiven Tests werden nicht der Stadt zugeordnet. Vielmehr schlagen sie sich nach Angaben des Sozialministeriums in der Statistik des Gesundheitsamts nieder, das für den jeweiligen Reiserückkehrer zuständig ist. Das kann auch das Frankfurter Amt sein oder ein anderes in Hessen, aber eben auch eine Behörde in einem anderen Bundesland.

Wie das RKI der F.A.Z. weiter mitteilte, erhebt es Daten zur Zahl der Genesenen nicht offiziell. Die Erhebung sei auch nicht gesetzlich vorgesehen. „Allerdings kann man zumindest bei den Fällen, bei denen die meisten Angaben ermittelt wurden, die keine schweren Symptome hatten und die nicht in ein Krankenhaus eingewiesen wurden, davon ausgehen, dass sie spätestens nach 14 Tagen wieder genesen sind“, heißt es in Berlin. Das RKI schätze die Zahl der Genesenen.

Das Sozialministerium veröffentlicht täglich eine Übersicht der Corona-Entwicklung, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten. Es bezieht sich dabei auf Zahlen des RKI. Bis vor einigen Tagen berücksichtigte es auch Daten des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamts im Gesundheitswesen beim Regierungspräsidium Gießen, dem die Gesundheitsämter die jeweils neuen Fälle melden müssen. Um Einheitlichkeit herzustellen, nimmt das Ministerium nun nur noch die RKI-Angaben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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