Folgen der Corona-Pandemie

Volkshochschulen und Dozenten mit Existenzsorgen

Von Bernhard Biener, Bad Homburg
24.07.2020
, 15:19
Die Volkshochschulen im Hochtaunuskreis können normalerweise zum größten Teil von den Kursgebühren leben. Das wird ihnen in der Coronazeit zum Verhängnis.

Videos und Hörbeispiele kennt mancher noch aus dem Sprachunterricht in der Schule. Von dort ist es zum Online-Englischkurs nicht weit. Aber bei Vorträgen über die Weltsprachen der Antike oder einer Veranstaltung wie „Harry Potter für Erwachsene“ würde man erwarten, dem Dozenten von Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen. Trotzdem ist die Begegnung auf den Bildschirm beschränkt, denn bei diesen Angeboten aus dem Herbstsemester der Volkshochschule (VHS) Bad Homburg ersetzt das Einwählen über das Internet den Gang in den Vortragssaal. Der Grund ist klar – so besteht keinerlei Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus.

Wie alle anderen Institutionen mussten die Volkshochschulen im März schließen. „Mitte Mai haben wir dann langsam wieder den Betrieb aufgenommen“, sagt Rainer Schmitz, Leiter der Volkshochschule Bad Homburg mit ihren Außenstellen in Friedrichsdorf, Grävenwiesbach, Neu-Anspach, Usingen und Wehrheim. Für das übrige Kreisgebiet ist die in Oberursel ansässige Volkshochschule Hochtaunus zuständig, die Außenstellen für Königstein und Glashütten, Kronberg, Schmitten und Steinbach hat. Beide Volkshochschulen haben sich auf den Unterricht unter Pandemie-Bedingungen eingestellt. Doch die Folgen gehen über Abstandsregeln und Spender für Desinfektionsmittel an den Türen hinaus.

Normalerweise würden längst die Programme für das Herbstsemester verteilt. Über die Internetseiten der beiden Volkshochschulen sind sie auch schon abrufbar. Für die VHS Bad Homburg hat Schmitz diesmal jedoch auf eine gedruckte Version verzichtet, auch wenn ihm die Entscheidung nach eigenen Worten schwergefallen ist. „Dazu entwickeln sich die Dinge zu dynamisch.“ Zum Ausgleich sei die Geschäftsstelle in den Ferien geöffnet, und auch telefonisch seien Nachfragen möglich.

Deutlich geringere Teilnehmerzahl

Die Volkshochschule Hochtaunus wird zwar noch eine gedruckte Ausgabe herausbringen, wie ihr Leiter Carsten Koehnen sagt. Doch statt vor den Sommerferien werde das Programm erst am 10. August erscheinen, eine kleinere Auflage haben und dünner sein. Bei allem Zwang zum Sparen wolle man Flagge zeigen, begründet Koehnen den Schritt. „Viele Teilnehmer fragen, wann es weitergeht.“ In der Alten Post in Oberursel, wo viele Kurse der VHS Hochtaunus stattfinden, sei der Mindestabstand kaum einzuhalten, sagt Koehnen.

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In Bad Homburg hat Schmitz die Tische aus den Räumen nehmen und die Stühle auf Abstand stellen lassen. „Dadurch passen 25 bis 30 Prozent weniger Teilnehmer hinein.“ Bei Gesundheitskursen mit „Körperarbeit“ sei es besonders schwierig. „Von den sonst 650 Kursen werden wir wohl zwei Drittel auf die Beine stellen können“, sagt Schmitz. Weniger Veranstaltungen mit jeweils weniger Plätzen bedeuten, dass die sonst üblichen 12.000 Teilnehmer nicht erreicht werden. Für die VHS Oberursel hofft Koehnen, 550 Kurse anbieten zu können. Auch er stellt sich auf eine deutlich geringere Teilnehmerzahl ein.

Das trifft die beiden Institutionen finanziell hart. Denn während viele Volkshochschulen nicht einmal die Hälfte ihrer Ausgaben durch Teilnehmergebühren bestreiten können, liegt dieser Anteil bei beiden mit etwa 75 Prozent ungewöhnlich hoch. Bei der VHS Bad Homburg mit einem Gesamtetat von 2,1 Millionen Euro zahlt die namengebende Stadt mit 15 Prozent den größten Zuschussanteil, bei der VHS Hochtaunus ist es der Hochtaunuskreis. „Seit März mussten wir aus den Rücklagen drauflegen“, sagt Schmitz. Auch Koehnen muss auf Angespartes zurückgreifen. „Wir sind zwar liquide, aber das Geld wollten wir eigentlich in die Ausstattung eines neuen Bildungszentrums in Oberursel stecken.“

Keine Soforthilfe für Dozenten

Weil beide Volkshochschulen von Vereinen getragen werden, können sie nicht wie ihre kommunalen Pendants einfach zusätzlichen Geldbedarf anmelden, um die Verluste auszugleichen. „Wir müssen jetzt erst einmal an die Stadt herantreten“, sagt Schmitz und spricht offen von „Existenzsorgen“. Auch sein Oberurseler Kollege Koehnen sieht diese Gefahr. „Es gibt aber guten Kontakt zum Hochtaunuskreis.“

Worauf beide Wert legen, ist die Anerkennung der Volkshochschulen als formale Bildungsinstitution. „Viele denken über uns, die machen so ihr Ding“, sagt Schmitz. Selbst mancher Kommunalpolitiker wisse nicht, dass die VHS eine gesetzliche Aufgabe erfülle, die im Fall der Hochtaunus-Volkshochschulen den jeweiligen Vereinen übertragen worden sei.

Neben den beiden Volkshochschulen selbst sind es vor allem die jeweils 300 bis 400 Dozenten, die von der Corona-Pandemie getroffen sind. Es handelt sich fast ausschließlich um Honorarkräfte, denen mit dem Ausfall von Kursen die Einnahmen völlig wegbrechen. Zwar ist für manche die VHS-Arbeit nur ein Zubrot. Doch gerade bei Sprachkursen und Musikunterricht gäben Dozenten viele Kurse und bestritten ihren Lebensunterhalt damit, sagt Koehnen. Als sogenannte Soloselbständige treffen auf sie die Kriterien für die Bundes- und Landeshilfen nicht zu, weil sie keine Betriebskosten wie Lagermieten oder Ähnliches haben.

„Leider können wir nur sehr beschränkt etwas für sie tun“, bedauert Schmitz. „Ein Ausfallhonorar dürfen wir nicht zahlen, sonst wittert die Rentenversicherung Scheinselbständigkeit.“ Um die Einnahmeverluste der Dozenten wenigstens etwas abzufedern, ziehe die VHS Bad Homburg eine Abschlagszahlung vor. „Aber dazu muss der Kurs natürlich erst einmal stattfinden können.“

Die VHS Hochtaunus hat zum einen versucht, die ausgefallenen Kurse bis zum neuen Semester nachzuholen. Außerdem will sie laut Koehnen mit einem Fonds für Härtefälle helfen. Auch daraus dürften die Dozenten nicht direkt Geld bekommen. Bei einem entsprechenden Nachweis zahle man jedoch ein höheres Honorar. Aber auch hier gelte: Das Geld fließe erst im nächsten Semester und nur, wenn die Veranstaltung zustande komme.

Eine Folge von Corona wird nach Einschätzung der beiden VHS-Leiter sein, dass die Zahl von Online-Angeboten zunimmt. „Das war vorher doch etwas schwergängig“, sagt Schmitz. Ein Grund für den Digitalisierungsschub sei, dass die Pandemie noch lange nicht vorbei sei. „Eher noch wichtiger sind aber die digitalen Ambitionen und die Suche nach neuen Formaten.“ Mit großem Aufwand habe man an der VHS Hochtaunus Dozenten geschult, sagt Koehnen. Trotz der steigenden Zahl an Online-Kursen sei aber der Wunsch von Teilnehmern und Dozenten nach Präsenzunterricht unverkennbar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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