Corona-Pandemie

Warum Minister Klose für die Impfpflicht ist

Von Marie Lisa Kehler
04.12.2021
, 08:25
„Nachvollziehen kann ich es wirklich nicht“: Kai Klose angesichts der neuen „Querdenker“-Proteste in Frankfurt
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Hessens Gesundheitsminister Klose setzt nicht mehr allein „auf die Kraft der Überzeugung“, um die Impfquote zu steigern. Zur „Querdenker“-Demonstration am Main hat er auch eine klare Meinung.
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Irgendwann hat Hessens Gesundheitsminister Kai Klose (Die Grünen) aufgehört, Verständnis für diejenigen aufzubringen, die sich aus Überzeugung nicht impfen lassen wollen. Dass am heutigen Samstag wieder zahlreiche Impfskeptiker und sogenannte Querdenker in Frankfurt erwartet werden, macht ihn für einen kurzen Moment fast sprachlos. „Es steht jedem frei zu demonstrieren. Aber nachvollziehen kann ich es wirklich nicht“, sagt er.

Er rät den Menschen, die noch immer nicht an die Gefährlichkeit des Virus glauben, sich mit jenen zu unterhalten, die in Hessens Kliniken tagtäglich um das Überleben schwerst kranker Coronapatienten kämpfen. Klose hat viele solcher Gespräche in den vergangenen Monaten geführt. Mit Ärzten und Pflegenden, die unter der Dauerbelastung leiden. „Die Situation kostet alle viel Kraft. Sich dann noch Verschwörungstheorien anhören zu müssen, ist krass.“

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Furcht vor fünfter Corona-Welle

Der Gesundheitsminister hat sich als einer der ersten in Hessen offen dafür ausgesprochen, eine allgemeine Impfpflicht zu prüfen. „Das muss parlamentarisch sauber vorbereitet und gut begründet werden“, sagt er. Außerdem müsse der Ethikrat mit einbezogen werden. „Ich bin aber zu der Überzeugung gelangt, dass wir durch die zu hohe Zahl an Ungeimpften immer wieder in die Situation kommen können, dass sich eine Welle wiederholt“, sagt er.

Weil Aufklärungskampagnen und eindringliche Appelle in den vergangenen Monaten nicht dazu geführt hätten, dass die Impfquote signifikant steige, seien starken Einschränkungen für Ungeimpfte für ihn die einzig logische Konsequenz. „Der Anteil derer, die sich überzeugen lassen, war bisher zu gering.“ Es bleibe „nicht mehr viel übrig“, als so zu handeln, sagt Klose. Die Einschränkungen zeigten aber erste Wirkung. Immerhin seien beispielsweise in der Woche vom 22. November an von den rund 280.000 Impfungen, die Haus- und Betriebsärzte, mobile Teams, Impfzentren sowie Mitarbeiter des öffentliche Gesundheitswesen verteilt haben, fast 50.000 Erstimpfungen gewesen.

Noch immer gilt in Hessen rund ein Viertel der Bevölkerung als ungeimpft. Gezählt werden hier nur die Menschen, die älter als zwölf Jahre sind und für die eine Impfempfehlung vorliegt. Bis Weihnachten will das Land Hessen den Bürgern je Woche 400.000 Impfungen anbieten — den größten Anteil machen schon jetzt die Auffrischungsimpfungen aus. Das zu stemmen sei „eine Riesenleistung unserer Impf-Allianz“.

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Dass ausgerechnet in einer Phase, in der die Impfkampagne wieder an Fahrt aufnehmen sollte, der Impfstoff auch in Hessen in der vergangenen Woche knapp geworden sei, sei ein herber Rückschlag gewesen, sagt Klose. „Dadurch, dass alle auf einmal sehr viel mehr Biontech bestellt haben, der Gesamtkuchen aber nicht größer wurde, haben dann alle einen kleineren Anteil bekommen“, sagt er. Zudem seien die nicht gelieferten Biontech-Dosen nicht automatisch durch Moderna ersetzt worden. Das Land, so Klose, habe keinen Einfluss auf die Impfstoffbestellungen und Lieferungen – das liege in der Hand des Bundes.

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Akzeptanz von Moderna steigern

Was das hessische Gesundheitsministerium aber mit beeinflussen könne und wolle, sei alles daran zu setzen, die Akzeptanz von Moderna als Hauptimpfstoff zu steigern – durch klare Kommunikation und Aufklärung „Dass in den nächsten Wochen größere zusätzliche Mengen Biontech-Impfstoff vom Bund kommen, ist nicht zu erwarten“, sagt Klose.

Es sei deshalb wichtig, die Menschen frühzeitig darauf vorzubereiten, dass eine Impfung mit Moderna für alle, die älter als 30 Jahre sind, wahrscheinlicher ist. „Moderna ist mindestens genauso gut und wirksam wie Biontech. Das ist ein Super-Impfstoff“, macht der Minister deutlich. Je umfassender die Menschen vorinformiert seien, desto besser könne der Impf-Ablauf in den Praxen beschleunigt werden. Dass Abweichungen vom Plan sich immer auch auf die Impfquote niederschlagen, sei in der vergangenen Woche deutlich geworden. Viele Hausärzte hätten „im vollen Galopp“ den Impfstoff wechseln müssen – das habe mehr Beratungs- und Überzeugungsgespräche nach sich gezogen und zu Verunsicherung geführt.

Kontaktbeschränkungen per Verordnung

Die bundesweit geltenden Corona-Beschlüsse, die am Donnerstag nach der Ministerpräsidenten-Konferenz verkündet wurden, hält Klose im Einzelnen für dringend notwendig. „Ich finde es richtig, dass Ungeimpfte stärkere Einschränkungen hinnehmen müssen, weil sie die Krankenhäuser besonders belasten.“ Etwa eine Begrenzung der Kontakte. Aber er appelliert auch an jene, die schon geimpft sind. Kontaktbeschränkungen seien nur über den Verordnungsweg möglich. „Aber es sollte sich jeder selbst an die Nase fassen und überlegen, wen man unbedingt persönlich treffen muss.“

Denn das Risiko einer Infektion werde durch umsichtiges Verhalten, etwa das Tragen einer Maske in Alltagssituationen, deutlich verringert. „Kommunikativ sind bundesweite Maßnahmen hilfreich, weil sie die Orientierung der Leute erleichtern und die Akzeptanz dessen steigern, was beschlossen wurde.“ Trotzdem sei es nötig, dass auch das Land nachsteuern und strengere Regeln erlassen könne, sollten die Einschränkungen nicht dazu führen die Kliniken zu entlasten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kehler, Marie-Lisa
Marie Lisa Kehler
Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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