Neuer Beschluss in Hessen

Deutlich weniger Rechte für Ungeimpfte

Von Ewald Hetrodt und Jacqueline Vogt
14.09.2021
, 17:01
Ausblick: Die 2G-Regel gilt laut Bouffier bald auch in Hessen
Hessen führt ein Corona-2G-Optionsmodell ein. Damit können Veranstalter und private Betreibern nur noch Geimpfte und Genesene einlassen. Dazu gibt es kritische Stimmen aus der Wirtschaft.

Hessen lockert die Corona-Regeln für Geimpfte sowie Genesene und legt den Fokus bei der Beurteilung der Corona-Lage auf die Situation in den Krankenhäusern. Die Corona-Pandemie entwickle sich zunehmend zu einer Pandemie der Ungeimpften, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Dienstag nach einer Sitzung des Corona-Kabinetts laut dpa in Wiesbaden. „Deshalb betreffen die weiterhin notwendigen Einschränkungen vor allem sie, während Geimpfte und Genesene davon immer weniger betroffen sind.“

Neben der verpflichtenden 3G-Regelung in vielen Innenbereichen führe Hessen mit der neuen landesweiten Verordnung ab Donnerstag zudem ein 2G-Optionsmodell ein, erklärte der Regierungschef wie von der F.A.Z. vorab berichtet. Mit einem 2G-Modell sind Lockerungen für Menschen gemeint, die gegen das Coronavirus geimpft oder von einer Erkrankung genesen sind. Die 3G-Regel bedeutet, dass nur Geimpfte, Genesene oder negativ Getestete Zutritt haben.

Hospitalisierungsinzidenz ein Richtwert

Die neue 2G-Option bietet vor allem Veranstaltern und privaten Betreibern die Möglichkeit, nur geimpfte und genesene Menschen einzulassen, teilten Bouffier und Gesundheitsminister Kai Klose (Die Grünen) mit. In diesen Fällen gebe es dort für diese Menschen keine wesentlichen coronabedingten Einschränkungen wie Abstandsregeln oder eine Maskenpflicht mehr. Für Geimpfte und Genesene seien das wesentliche Erleichterungen.

Bei der Beurteilung der Corona-Lage im Land führe Hessen mit der neuen Verordnung einen Systemwechsel ein, sagte der CDU-Politiker. Wegen des Fortschritts bei den Impfungen werde die Infektionsinzidenz als alleiniger Indikator für die Corona-Schutzvorschriften abgelöst. Künftig sollen die Hospitalisierungsinzidenz und die Belegung der Intensivbetten wesentliche Maßstäbe für weitergehende Schutzregeln sein.

Die Hospitalisierungsinzidenz beschreibt, wie viele Personen je 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen wegen einer Corona-Erkrankung im Krankenhaus landesweit neu aufgenommen wurden. Die bislang als Bewertung genutzte Sieben-Tage-Inzidenz zeigt die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Die aktuelle Hospitalisierungsinzidenz in Hessen liegt nach Angaben des Gesundheitsministers bei 2,51, die Zahl der belegten Intensivbetten bei 146. Darunter sind auch 10 Verdachtsfälle.

Aufruf zum Impfen

Bouffier und Klose riefen die hessische Bevölkerung eindringlich auf, sich impfen zu lassen. Die Pandemie sei noch nicht vorbei, mahnte der Ministerpräsident. Deswegen müsse weiter besonnen gehandelt werden. Es sei nicht der richtige Zeitpunkt, um nachlässig zu werden. In Hessen sind nach Angaben des Gesundheitsministers mittlerweile 66,3 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner erstgeimpft. 61,7 Prozent der Menschen hätten bereits einen vollständigen Impfschutz. Insgesamt seien bislang nahezu acht Millionen Impfdosen im Land verabreicht worden.

Hamburg hatte als erstes der Bundesländer 2G beschlossen, etliche andere diskutieren das, darunter Berlin, Bayern und Brandenburg. Für Rheinland-Pfalz wurde die Einführung von 2G plus beschlossen. In diesem Modell ist, wo es um das öffentliche Leben geht, der Zugang für Geimpfte und Genesene frei. Zusätzlich wird einer begrenzten Zahl von Personen der Zugang mit Nachweis eines negativen Test gestattet. Damit solle der Tatsache Rechnung getragen werden, das es auch Menschen gebe, die sich nicht impfen lassen könnten, hieß es dazu aus der Staatskanzlei in Mainz

Gastronomen beklagen Kontrollpflicht

In Hessen hatten sich zur Einführung von 2G kritische Stimmen vor allem aus der Gastronomie und der Clubszene gemeldet. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband veröffentlichte die Ergebnisse einer Befragung von 600 Betrieben zu dem Thema. Von ihnen hätten sich 40 Prozent positiv, 38 negativ und 21 unentschieden gezeigt, hieß es.

Beklagt wurde vor allem die Kontrollpflicht, der umso schwieriger nachzukommen sei, je höher weniger Kanalisierung von Besucherströmen die gastronomischen Konzepte erforderten. „In Clubs und Diskotheken, wo es Türsteher gibt und wo Eintritt gezahlt werden muss, ist die Kontrolle einfacher als in einer Tagesbar in der Innenstadt“, sagte dazu am Freitag ein Frankfurter Gastronom.

Bouffier sprach sich auch dafür aus, die Lohnfortzahlung für in Quarantäne befindliche ungeimpfte Arbeitnehmer einzuschränken. „Klar ist: Es gibt nur eine Entschädigung, wenn es für den Betroffenen unvermeidbar war. So steht es bereits im Gesetz. Ich will das nicht überstürzen, aber dem Grundgedanken stimme ich zu.“

Bislang ersetzt der Staat auch Ungeimpften Verdienstausfälle aus vorbeugender Quarantäne. Doch das will das Land künftig nicht mehr, wenn Betroffene sich schon hätten impfen lassen können. Entsprechende Pläne der Landesregierung hatte Gesundheitsminister Klose am Dienstag dem Hessischen Rundfunk bestätigt.

Corona-Verordnung läuft aus

Unterdessen waren am Dienstag in Hessen binnen 24 Stunden 420 neue Corona-Infektionen registriert worden. Die Inzidenz ist nach den Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin zurückgegangen. Binnen sieben Tagen waren je 100.000 Einwohner zuletzt 100,6 gemeldete Infektionen gezählt, nach davor 103,9. Mit sechs neuen Todesfällen stieg die Zahl der Menschen, die mit oder an dem Virus gestorben sind, seit Beginn der Pandemie auf 7668. Auf den Intensivstationen der hessischen Krankenhäuser befanden sich nach Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin von Dienstag 144 Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung. 70 mussten beatmet werden.

Die aktuelle hessische Corona-Verordnung, über deren Modifizierung das sogenannte Coronakabinett entschied, ist bis Donnerstag befristet und wird dann durch die neue Fassung ersetzt.

Quelle: F.A.Z. mit dpa
Ewald Hetrodt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ewald Hetrodt
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.
Autorenporträt / Vogt, Jacqueline (jv.)
Jacqueline Vogt
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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