Historisches Bad Homburg

Zwischen Pariser Hintern und leichtem Sportleibchen

Von Bernhard Biener, Bad Homburg
11.07.2021
, 08:15
Mit Schirm und Hut: Sommerkleider aus der Saison 1902 im Bad Homburger Kurbad
Promenieren auf der „Lästerallee“: In einem Modebad wie Bad Homburg galt einst ganz besonders, dass Kleider Leute machen. Der einzige Beitrag der Stadt zur Mode war ein Hut.
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Es klingt ein wenig nach angestaubtem Klischee, das Grübeln vor dem geöffneten Kleiderschrank: „Was soll ich nur anziehen?“ Vor mehr als 100 Jahren, als in Bad Homburg Kurgäste aus aller Welt neben der Heilung ihrer Leiden vor allem Zerstreuung suchten, stellte sich die Frage gleich mehrmals am Tag. Morgens auf dem Weg zum Brunnen trug man schließlich etwas anderes als beim Nachmittagstee, und das passende Abendkleid war natürlich eine eigene Herausforderung. Die mondänen Kurorte, mit denen sich Bad Homburg vor einigen Jahren vergeblich um die Anerkennung als Weltkulturerbe beworben hat, nannte man Modebäder. Das Wort hatte schon damals eine doppelte Bedeutung. Sie waren beliebt, der Aufenthalt dort also „à la mode“. Zugleich aber boten sie Gelegenheit, die neuesten Kleiderschöpfungen auszuführen.

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Mit dem zweiten Aspekt befasst sich die Historikerin Isabelle Berens für ihre Dissertation „Bekleidung und Mode in Kurorten der 1910er Jahre“. Ein lohnendes Thema, denn die Taktung des Bäderlebens in den morgendlichen Schluck Natriumchlorid-Säuerling, das anschließende gesundheitsfördernde Gehen an der frischen Luft, das Kurkonzert und den Restaurantbesuch verlangten nach jeweils angepasster Garderobe. Mindestens drei Kostüme empfahl 1912 die Zeitschrift „Elegante Welt“.

Die „Fashion Week“ im Kurort

Womit sich die erste Herausforderung schon vor der Anreise stellte, nämlich in welche Koffer die reiche Auswahl passt. Das Packen werde zur eigenen Kunst, meinte eine Berliner Zeitung. Typischerweise ergänzte die Dame dabei den Schrankkoffer um ein Behältnis für ihre Hüte, während der Herr mit Stiefelkoffer anreiste. Mit Beginn der Hauptsaison im Frühjahr war damit auch in Bad Homburg jedes Jahr „Fashion Week“.

Es gab zwar keine offizielle Kleiderordnung, wie Berens jetzt in einem Vortrag des Stadtarchivs in der Villa Wertheimber schilderte. Sieht man von einer später aufgehobenen Vorschrift aus dem Jahr 1865 ab, nur „sauber und anständig gekleidet“ das Wasser am Brunnen zu holen. Aber inoffiziell war natürlich klar geregelt, was als schicklich galt. Die Anleitung dazu gaben Anstands- und Benimmbücher. „Zeitweise waren 145 Publikationen gleichzeitig auf dem Markt“, sagte Berens.

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Die jährlich erschienenen Kurlisten sind noch heute eine dankbare Quelle, um sich einen Überblick über das illustre Publikum aus Adel, gehobenem Bürgertum, Industrie und Künsten zu verschaffen. Dort inserierten die Frankfurter Modehäuser, in denen sich die Kundinnen die Kleider nicht selbst überzogen. Stattdessen führten Anprobierdamen das Sortiment vor. Vorbilder kamen aus Paris, wo 1858 mit Charles Frederick Worth ausgerechnet ein Engländer die erste Modenschau abhielt und zum Begründer der Haute Couture wurde.

Verfälschte Darbietung des Körpers

1882 kehrte von der Seine die Tournüre in die Modewelt zurück, ein fast waagrecht abstehendes Gesäßpolster. Das „Cul de Paris“ wurde zwar bald von körperbetonteren Modellen abgelöst. Die Modevorgabe entsprach dennoch häufig nicht der Realität aus Fleisch und Knochen. Mit dem Korsett wurde der Rücken ins Hohlkreuz gebunden, und das um 1900 geltende Idealmaß der Taille von 46 Zentimetern, die von einem Mann mit beiden Händen umfasst werden konnte, ließ sich ohne Gesundheitsschäden nicht erreichen. „Sie müssen immer die Unterwäsche mitdenken“, sagte Berens über die formgebende Kraft von Schnüren und Korsettstangen. „Zum Glück sind diese Zeiten vorbei“, seufzte eine erleichterte Zuhörerin.

Das Publikum eines Modebads wie Bad Homburg hatte seine Tücken. Anders als ein Fest auf einem Landgut war der Kurpark keine geschlossene Gesellschaft. „Die sensiblen Standesunterschiede entfielen“, so die Historikerin. „Jeder ist, was er scheint.“ Woran die Mode wiederum großen Anteil hatte. Daher wurde von zu viel Schmuck abgeraten, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. In ruhigem, angemessenen „Promenadenschritt“ wandelten die Kurgäste auf Anraten der Ärzte die Baumallee entlang, wo sich von den Bänken aus trefflich das Publikum begutachten ließ. Was der Promenade den Beinamen „Lästerallee“ einbrachte. Außer auf die Kleidung galt es auch auf die richtige Haltung zu achten. Muff und Täschchen dienten dazu, die Arme formvollendet auf halber Höhe zu halten. Oder leere „Verlegenheitspäckchen“, die die Damen nur zu diesem Zweck in den Händen trugen.

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Die von englischen Kurgästen mitgebrachten Sportarten wie Golf und Tennis erforderten ihre eigene Kleidung. Die weiße Farbe signalisierte, dass sich die Träger hier wie auch im Alltag nicht schmutzig machen mussten. Von Funktionswäsche war man weit entfernt. Tennisspiel in Hemdsärmeln galt für Herren als „gänzlich unpassend“. Die Damen bekamen erst 1910 mit fischbeinlosen, leichten Leibchen mehr Bewegungsfreiheit.

Ein jähes Ende für die Modezeit

Der einzige Beitrag zur Mode, der mit dem Namen Bad Homburgs verbunden ist, blieb allerdings der dem späteren englischen König Edward VII. zugeschriebene Homburg-Hut, der ihn bei der hiesigen Hutfabrik Möckel in elegantem Grau in Auftrag gab.

„Außer den Reunions, den allabendlichen Zusammenkünften auf den Terrassen und in der Gartenpromenade, bietet jetzt auch das intime Kurtheater im Kurhaus Gelegenheit zu einer ausgiebigen Modenschau“, schrieb 1906 die Allgemeine Zeitung. Doch das galt nicht nur im übertragenen Sinn. Französische Modeschöpferinnen wie Jeanne Paquin zogen mit ihren Modellen durch die Kurorte, und am 13. Juli 1914 fand im Gold- und Spielsaal des Bad Homburger Kurhauses eine „Luxus-Modeschau“ statt. „Vorführung der neuesten Modeschöpfungen durch lebende Mannequins“, hieß es in einem Inserat. Auch die Darbietung von Modetänzen wie Tango, Bostone, Maxine und Fúrlana sollten das Interesse des Publikums steigern, das für fünf Mark Eintritt auch Tee und Gebäck serviert bekam.

Was die Zuschauer nicht wussten: Es war die Dämmerung der glanzvollen Kurbad-Zeiten. Der österreichische Thronfolger war kurz zuvor in Sarajewo ermordet worden. Gut zwei Wochen nachdem die Mannequins ihre eleganten Roben im Kurhaus vorgeführt hatten, riefen Frankreich und Deutschland die Generalmobilmachung aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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