FAZ plus ArtikelQualität fürs Gemüsebeet

Saatgut gut, alles gut

Von Patricia Andreae
10.05.2021
, 09:00
Liebt die Pflanzenvielfalt: Saatguthändler Nils Andreas in der Samenhandlung der Familie an der Frankfurter Töngesgasse
Klasse statt Masse, darauf schwört, wer beim Gärtnern auf alte Sorten statt Supermarkt-Samen setzt. Davon profitieren die Vielfalt und der Geschmack.

Tomate „Gezahnte Bührer-Keel“ steht auf dem Tütchen – einem halbierten Briefkuvert. Erstanden wurde das Tütchen auf einem Pflanzenmarkt in vorpandemischer Zeit. Bei Achim Jäger, dessen besondere Spezialität Chilipflanzen sind, kann man aber auch jetzt Saatgut und junge Pflanzen kaufen, unter www.pflanzen-jaeger.com bietet der engagierte Züchter alter Sorten auch die Tomaten „Japanischer Schwarzer Trüffel“, „Green Sausage“ und „Auriga“ an, die früher im Osten verbreitet war und saftig-süßes Fruchtfleisch hat. Der Gärtner aus Mittelhessen gehört dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt an. „Im Sinne der Vielfalt wollen wir auch die Sorten erhalten, die für die konventionelle Saatgutindustrie keine Rolle spielen“, lautet Jägers Devise. Er und seine Mitstreiter fürchten um die genetische Vielfalt der alten Sorten. Denn EU-Vorschriften machten Sortenzulassungsverfahren „extrem kompliziert und teuer“, wie er sagt.

Aus diesem Grund züchtet Nils Andreas auch kein eigenes Saatgut mehr, wie es seine Vorfahren taten. „Das lässt sich als kleiner Betrieb nicht mehr machen“, sagt der Samen- und Pflanzenhändler aus der Frankfurter Töngesgasse. Er bedauert das und sieht auch die Vielfalt schwinden, die sich noch in den Katalogen seiner Familie von vor 100 Jahren spiegelt. Vereinzelt hat er Nachzuchten daraus im Angebot wie die Tomate „Bonner Beste“, die schon seit 1930 im Hause Andreas gezogen wird. „Früher gab es hier in jedem Stadtteil eigene Sorten“, berichtet er. Heute schauten Gärtner oft eher auf den Ertrag und das Aussehen. Doch dabei gehe oft der Geschmack verloren, denn der sei schon im Samen angelegt. Guter Boden, Düngung und Pflege änderten daran wenig.

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Welche Samen es gibt

F1-Hybride: Der Buchstabe F steht für das lateinische Wort filia, also für Tochter, die Eins steht für erste Generation. Diese Samen werden gezielt auf genau definierte Wuchseigenschaften und gute Erträge gezüchtet. Meist haben F1-Hybride die Fähigkeit zur Vermehrung verloren. Im nächsten Jahr müssen neue Samen gekauft werden.

CMS-Hybride: Hier soll durch gezielte Zucht mit technischen Hilfsmitteln die Selbstbefruchtung unterbunden werden. Dadurch soll verhindert werden, dass sich die Pflanzen ungewollt durch Eigenbestäubung vermehren und unerwünschte Eigenschaften ausbilden. Beide Züchtungsformen sind aber nicht mit gentechnischen Eingriffen in der Samenproduktion zu verwechseln.

Samenfestes Saatgut: Diese Variante an Samen zeichnet sich dadurch aus, dass die Nachkommen solcher Pflanzen weiterhin vermehrungsfähig sind und ähnliche Wuchseigenschaften wie die Elterngeneration aufweisen. Mit samenfestem Saatgut können Gärtner ihr eigenes Saatgut zu erzeugen. Daher wird es häufig auch als nachbaufähig oder sortenrein bezeichnet. Solange es keine Gartenmärkte und Pflanzenbörsen gibt, finden sich auch im Internet Bezugsquellen. Eine Auswahl: www.nutzpflanzenvielfalt.de; vern-ev.de; www.tomatenretter.de; anstattdessen.de/saatgut.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Andreae, Patricia (cp.)
Patricia Andreae
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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