Spaziergang durch Hanau

Kunst im Freien statt in Museumsräumen

Von Luise Glaser-Lotz, Hanau
21.02.2021
, 18:01
Auf dem Märchenpfad: „König Drosselbart“ von Hatto und Christoph Zeidler
Kultur lässt sich ohne Ansteckungsgefahr und Eintrittsgeld auf Spaziergängen erfahren. In der Stadt sind die Brüder Grimm das beherrschende Thema, aber es gibt auch andere Plastiken und Brunnen zu entdecken.

Erwartungsvoll steht das Mädchen im Teich des Hanauer Schlossparks. Es sieht seinen sechs in Schwäne verwandelten Brüdern entgegen, die durch einen stilisierten Wald in Formation wie Pfeile auf sie zu fliegen. Die Rettung scheint nahe, denn die junge Frau steht auf einem Scheiterhaufen, bereit zum Entflammen. In den Händen hält sie die Hemden, die sie nähte, um den Zauber, der über ihren Brüdern liegt, zu brechen.

Doch die Schwäne werden ihr Ziel nie erreichen, denn der Künstler Albrecht Glenz hat diesen Moment, der von Verzweiflung, Hoffnung und Sehnsucht erzählt, in Bronze gegossen. So müssen die sechs Schwäne und ihre Schwester für immer in dieser Position verharren. Nur die Phantasie des Betrachters kann sich das glückliche Ende ausmalen. Die Skulptur zählt zu den schönsten und ergreifendsten, die in Hanau zu finden sind. Sie steht seit dem Jahr 2014 im Schlosspark, nachdem sie wegen des Innenstadtumbaus ihren ursprünglichen Standort in der Fußgängerzone hatte räumen müssen.

Weil Kinos, Theater und Vortragssäle geschlossen und wegen der Corona-Pandemie auch keine Museumsbesuche möglich sind, vermissen viele Menschen in diesen Tagen schmerzlich den Kulturgenuss. Eine Alternative bieten die an vielen Stellen zu findenden Kunstwerke im Freien, die eine ganze Reihe von Streifzügen ermöglichen. Es gibt vieles, was im normalen Alltag leicht übersehen wird, aber eines gründlicheren Blickes wert ist. Auch im Winter lohnt es sich, nach draußen zu gehen, um den Kunstwerken der Heimatstadt wie den Märchenbrunnen im Schlosspark neue Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Märchen in der Stadt

In der Geburtsstadt der Brüder Grimm dreht sich natürlich vieles um deren Märchen. So ist auch die Brunnenskulptur im Schlosspark ihrer Sammlung von Kinder- und Hausmärchen entlehnt. Das Kunstwerk dient als Ausgangspunkt des aus elf Skulpturen bestehenden Hanauer Märchenpfads, der sich seit dem Jahr 2016 etwa zwei Kilometer lang durch die Innenstadt zieht und Märchenfiguren darstellt, die aus denjenigen Märchen stammen, die mit der Region besonders verbunden sein sollen wie Schneewittchen, Rotkäppchen, Dornröschen, der gestiefelte Kater, König Drosselbart oder der Teufel mit den drei goldenen Haaren.

Wo genau die von mehreren Künstlern gestalteten Figuren aus Bronze und Stein stehen und was es mit ihnen auf sich hat, beschreibt ein von der Stadt herausgegebenes Faltblatt, dessen Inhalt auch im Internet zu finden ist. Auf dem Weg zum Endpunkt des Märchenpfads an der Französischen Allee kommt der Spaziergänger auch an anderen Kunstwerken vorbei, etwa an dem modernen Denkmal für den Maler Moritz Daniel Oppenheim. Es steht am Einkaufszentrum Forum auf dem Freiheitsplatz und trägt den Titel „Moritz und das tanzende Bild“. Ein gut zwei Meter großer Mann mit verschränkten Armen blickt versunken auf ein elf Meter hohes abstraktes Monument aus ineinander verwobenen Metallstreben. Dargestellt ist Oppenheim, der bei einem abendlichen Spaziergang in seiner Heimatstadt Hanau die Vision eines tanzenden Bildes hat, als Vorbote künftiger abstrakter Malerei.

Auf dem nahe gelegenen Marktplatz sind zwei weitere Visionäre anzutreffen, die eines demokratischen Gemeinwesens. Wohlhabende Hanauer Bürger sorgten einst dafür, dass im Jahr 1896 die gut sechs Meter hohe Doppelstatue zu Ehren der in Hanau geborenen Sprachforscher, Demokraten und Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm vor dem Neustädter Rathaus errichtet wurde: Wilhelm sitzend mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem Schoß und Jacob stehend, den Blick auf die Seiten gerichtet. Die Legende sagt, dass die Brüder jeweils um Mitternacht ihre Plätze tauschen.

Denkmal an den Begründer der Hanauer Neustadt

Nur ein kleines Stück weiter steht an der Französischen Allee die Niederländisch-Wallonische Kirche. Den Platz um die als Gedenkruine an die Opfer des Zweiten Weltkriegs gestaltete Kirche ließ die Stadt kürzlich zu einer kleinen Grünanlage umgestalten. Dort wartet ein besonderes Kunstwerk auf Besucher. Das Relief eines Stadtplans der von den niederländischen und wallonischen Glaubensflüchtlingen errichteten Hanauer Neustadt lädt dazu ein, darin umherzugehen oder sich auf einem der Steinblöcke am Rande der Skulptur niederzulassen, vielleicht, um an diesem geschichtsträchtigen Ort über die Vergangenheit nachzudenken. Das Relief mit den historischen Straßennamen orientiert sich an dem sogenannten Metzger-Plan aus dem Jahr 1665. Eigentlich hatte der Bildhauer Claus Bury das Modell schon in den achtziger Jahren für den Marktplatz entworfen, doch war es in Vergessenheit geraten. Rund drei Jahrzehnte später wurde es quasi wiederentdeckt und für die Gestaltung des neuen Kirchenplatzes ausgewählt.

Der Begründer der Hanauer Neustadt, Graf Philipp Ludwig, fehlt auf dem Platz nicht. Das klassische Denkmal mit Büste auf hohem Podest wurde vor rund 120 Jahren seiner Bestimmung übergeben. Philipp Ludwig, der nur 36 Jahre alt wurde und vor mehr als 400 Jahren starb, erlaubte den Glaubensflüchtlingen, sich in Hanau anzusiedeln und die sternförmige Neustadt mit ihren quadratischen Straßenzügen anzulegen. Obendrein brachten sie reichhaltige Kunst und Kultur wie die Fayenceherstellung, Malerei und vor allem die Gold- und Silberschmiedekunst nach Hanau.

Erinnerungen an einen berühmten Sohn Hanaus

Viele weitere Denkmale, Skulpturen und Gedenkstätten erinnern in Hanau und den Stadtteilen an vergangene Tage. Zahlreiche Publikationen der vergangenen Jahre bilden sie ab und erläutern sie. Ein Beispiel ist das handliche Büchlein „Hanauer Kleinode“ des ehemaligen Hanauer Museumsleiters Richard Schaffer-Hartmann, das ein informativer Wegführer zu den großen und kleinen Kunstwerken der Stadt darstellt. Fragt man den Autor nach seinen Lieblingsrouten, kommen ihm neben dem Märchenpfad und dem Skulpturenpark am Schloss Philippsruhe mit modernen Kunstwerken aus Stein oder Corten-Stahl sowie den sehenswerten Hanauer Friedhöfen vor allem die Hanauer Brunnen in den Sinn. Auch sie erzählen von der wechselhaften Geschichte der Stadt, etwa der aus dem Jahr 1615 stammende Schwanenbrunnen aus Sandstein auf dem Marktplatz. Einst standen an den Ecken des Marktplatzes vier Ziehbrunnen, an denen sich die Bürger mit Wasser versorgen konnten. Der imposante Schwanenbrunnen ist der einzige, der übrig blieb. Sehenswert ist auch der im Jahr 1611 errichtete Gerechtigkeitsbrunnen mit Justitia, Schwert und Waage in den Händen haltend, vor dem nach dem Krieg wieder aufgebauten Goldschmiedehaus in der Altstadt.

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Im Stadtteil Großauheim wurde vor einigen Jahren der August-Gaul-Brunnen an der Hauptstraße restauriert und wieder in Betrieb genommen. Das Wasserbassin mit kleinem Springbrunnen in der Mitte wird umrundet von sechs lebensecht wirkenden Pinguinen aus Bronze. Einst errichtete Gaul selbst diesen klassischen Brunnen unweit seines Geburtsortes.

Auf dem kürzlich umgestalteten Rochusplatz von Großauheim erinnert außerdem ein modernes Ensemble mit in Beton eingelassenen Umrissen von Gaul-Figuren an den berühmten Sohn der Stadt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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