Größter Kreisel in Europa

Am Kaiserlei ist Land in Sicht

Von Markus Schug und Lando Hass (Fotos)
Aktualisiert am 09.09.2020
 - 10:49
Großbaustelle: Der in der Umgestaltung befindliche Kaiserleikreisel zwischen Offenbach und Frankfurt
Der größte Kreisel Europas soll in einem Jahr verschwunden sein. Ampeln, Brücken und vier Kreuzungen sollen dafür sorgen, dass am Kaiserlei in Offenbach der Verkehr besser fließen kann.

Es ist kein Wochenende zum Fensteröffnen und Durchlüften gewesen. Zumindest nicht am Kaiserlei in Offenbach, wo auf der sich langsam in eine Allee verwandelnden Strahlenbergerstraße nun jene Hälfte der Fahrbahn einen neuen Asphaltbelag erhalten hat, die von dieser Woche an den Verkehr aufnehmen soll. Doch die Anwohner, die seit 2017 miterleben, wie das „Tor zur Stadt“ umgebaut und umgestaltet wird, hatten vermutlich schon schlimmere Belästigungen, vor allem in puncto Lärm, zu ertragen als ein wenig Bitumengeruch in der Luft. Ein Jahr werden sie sich wohl noch gedulden müssen. Denn erst im Herbst 2021 dürfte das Großprojekt fertiggestellt sein, das eigentlich schon von Mitte dieses Jahres an für eine Entzerrung der Verkehrsströme zur Autobahn 661 und unterhalb der Brücke sorgen sollte. Dann wird der mit einem Durchmesser von 250 Metern größte europäische Kreisel endgültig aus dem Stadtbild verschwunden sein.

Nach mehr als 55 Jahren war das Rondell ganz offensichtlich damit überfordert, den immer stärker steigenden Verkehr noch in die richtigen Bahnen zu lenken. Bei fast 70 000 Fahrzeugen am Tag galt das Nadelöhr vielmehr als unfallträchtige Staustelle. Durch den mehr als 52 Millionen Euro teuren Umbau des Kaiserleikreisels – so zumindest lautet die aktuell gültige Kostenschätzung – sollen die verschiedenen Akteure in Zukunft klar voneinander getrennt werden: also Autofahrer, die nur im Viertel selbst unterwegs sind, von denen, die zwischen Frankfurt und Offenbach pendeln respektive jenen, die auf möglichst direktem Weg von oder zu der A 661 wollen.

Erdhaufen und Schuttberge

Bei einem Rundgang mit dem Bauober-leiter und der Projektleiterin, Volker Reith und Kinga Scupin, hat sich Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) am Freitagmittag vom Fortgang der Arbeiten jenseits der Warschauer Straße überzeugt, wo noch immer Erdhaufen und Schuttberge das Bild prägen. Doch schon Mitte Oktober werde man die neu geschaffenen Rampen und Brücken an der A 661 voraussichtlich für den Verkehr freigeben können, hieß es. Das könnte selbst in den Herbstferien ein paar längere Staus verursachen.

Rund ein Dutzend Ampeln, vier neue Kreuzungspunkte und zwei jeweils rund 125 Meter lange Brücken sollen fortan dafür sorgen, dass an dieser Stelle von Offenbach alles im Fluss ist. Weil daran und an der beabsichtigten Bebauung der durch die Umgestaltung freiwerdenden Gewerbeflächen innerhalb des bisherigen Kreisels auch die Frankfurter interessiert sind, beteiligt sich die Nachbarstadt mit fast neun Millionen Euro an dem Vorhaben, das ursprünglich einmal mit 37 und später dann mit 41 Millionen Euro veranschlagt wurde, aus vielerlei Gründen aber teurer geworden ist. Bund und Land hatten zugesagt, mehr als die Hälfte der Kosten zu übernehmen, die im Laufe der Zeit allerdings gestiegen sind. Die Corona-Krise habe sich weder in finanzieller Hinsicht noch beim Zeitplan negativ auf das Projekt ausgewirkt, sagt eine Sprecherin der Kommune.

Schwer durchschaubarer Untergrund

Dafür, dass es sich bei dem Ganzen laut Stadt „um eine der komplexesten und aufwendigsten Baustellen“ in der jüngeren Offenbacher Geschichte handelt, sei nicht zuletzt ein bisweilen nachgiebiger sowie oftmals schwer durchschaubarer Untergrund verantwortlich. Unzählige alte und inzwischen noch viel mehr neue Rohre und Versorgungsleitungen liegen im Erdreich rund um den langsam verschwindenden Kreisel, so dass es offenbar selbst für die beteiligten Experten nicht immer einfach war und ist, den Überblick zu behalten und etwa die Frage nach der Zuständigkeit zu klären.

Oberirdisch sind momentan dagegen nicht mehr allzu viele Rätsel zu lösen. Aktuell allenfalls jenes, was denn der Trafokasten und die Schleife direkt unter der A 661 sollen? Dort wird es einen Wendeplatz für die neuen Elektrobusse geben, die an dieser Stelle später dann beim Warten auch gleich ein wenig Strom nachtanken können. An der neu gestalteten Kaiserleipromenade, aber auch an weiteren Straßen des am Stadtrand gelegenen Viertels sollen nach der Neuordnung unter anderem 183 zusätzliche Bäume für ein „grüneres Lebensgefühl“ bei all jenen sorgen, die später einmal im Kaiserlei genannten Quartier zu tun haben werden. Noch dazu gibt es in dem vor allem als Büro- und Gewerbestandort bekannten kleinen Stadtteil am Mainufer ja auch knapp 900 richtige Einwohner, die in ihrer Freizeit künftig ebenfalls von mehr Grün profitieren dürften.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schug, Markus
Markus Schug
Korrespondent Rhein-Main-Süd.
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