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Angestellt statt in Rente

Kinderärzte dringend gesucht

Von Eberhard Schwarz
 - 17:01

Ende vergangenen Jahres wollten die Kinderärztinnen Ingrid Zessin-Erol und Irmgard Derwein-Popp aufhören. Doch trotz langer Suche fand sich kein Kinderarzt, der ihre Gemeinschaftspraxis in der 19.000 Einwohner zählenden Stadt Heusenstammer unweit von Frankfurt übernehmen wollte. Damit hätten viele Eltern für ihre Kinder einen neuen Arzt in der Umgebung suchen müssen, was wohl nicht ganz einfach gewesen wäre. Die beiden Ärztinnen beschlossen deshalb, mit weniger Stunden weiterzumachen: Seit Anfang des Jahres gehören sie zum Team des Medizinischen Versorgungszentrums Panaceum an der Philipp-Reis-Straße in Heusenstamm. Die Hoffnung, einen Nachfolger zu finden, haben sie aber noch nicht aufgegeben.

Viele Patienten wurden von Zessin-Erol und Derwein-Popp von kurz nach der Geburt bis zum 18. Geburtstag medizinisch begleitet. Vor 31 Jahren ließ sich Zessin-Erol mit ihrer Praxis in Heusenstamm nieder. 1996 kam Derwein-Popp dazu. Seither behandelten sie unzählige junge Patienten, diagnostizierten Atemwegs-Infektionen und andere Krankheiten, gaben den Eltern Ratschläge, wie ihr Kind schnell gesund werden könne, und verschrieben Medikamente. Auch behinderte Menschen gehören zu ihren Patienten. Eine angestellte Kinderärztin kam hinzu; gemeinsam teilte man sich die beiden Sitze, die nach den Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen zur Verfügung standen. Insgesamt 1800 bis 2000 Krankenscheine rechneten die beiden Kinderärztinnen pro Quartal ab.

Drei Jahre intensiver Suche

Ende vergangenen Jahres sollte Schluss sein. Zessin-Erol, die 64 Jahre alt ist, und ihre 63 Jahre alte Kollegin Derwein-Popp hörten sich schon frühzeitig nach einem Nachfolger um. Drei Jahre habe man dann intensiv gesucht, sagt Zessin-Erol. Doch alle Bemühungen blieben ohne Erfolg. Das geringe Interesse an einer Tätigkeit als Kinderarzt in Heusenstamm überraschte beide: „Dass wir solche Schwierigkeiten haben, damit haben wir nicht gerechnet.“

Zessin-Erol weist darauf hin dass die Medizin, insbesondere die Kinderheilkunde, weiblich werde. Auch in den Kliniken seien vor allem Ärztinnen tätig. Junge Frauen achteten auf die Work-Life-Balance, wollten erst einmal Kinder bekommen, diese einige Zeit großziehen und danach in den Beruf zurückkehren. Dies habe Interessenten vielleicht abgehalten, die Praxis zu übernehmen.

Ingeborg Degel, Allgemeinärztin in Offenbach und Gründerin des Panaceums, hält noch einen weiteren Grund für möglich: den erheblichen Verwaltungsaufwand und die Kosten, die eine eigene Praxis mit sich bringe. 2011 gründete Degel das Panaceum in der Stadt Offenbach; im Mai 2018 kam das Panaceum in Heusenstamm dazu. Das Medizinische Versorgungszentrum bezog dort frühere Büroräume, insgesamt 300 Quadratmeter, die einst von Bundespost und Telekom genutzt wurden.

Alternative: einfach zumachen

Es vereint mehrere Fachrichtungen unter einem Dach: Allgemeinmedizin, Urologie, Kinder- und Jugendmedizin. Die eineinhalb Sitze für Allgemeinmedizin und der halbe Sitz für Urologie waren zuvor nicht besetzt. Die Sitze für Kinder- und Jugendmedizin übernahm das Panaceum von den beiden Kinderärztinnen. Zessin-Erol ist einen Tag in der Woche im Dienst. Derwein-Popp steht den Patienten 20 Stunden in der Woche zur Verfügung. Als nunmehr angestellte Ärztinnen teilen sie sich die beiden Sitze mit zwei ebenfalls in Teilzeit tätigen Kollegen. In Medizinischen Versorgungszentren können sich bis zu vier Ärzte einen Sitz teilen. Man habe diese Möglichkeit gewählt, denn „die Alternative wäre gewesen, einfach zuzumachen“, sagt Derwein-Popp. Eine fünfte Kinderärztin kümmert sich vor allem um die jungen Patienten im Panaceum in Offenbach.

Den Kontakt zwischen den beiden Kinderärztinnen und dem Panaceum stellte Bürgermeister Halil Öztas (SPD) her, den Zessin-Erol und Derwein-Popp schon vor geraumer Zeit über die bevorstehende Schließung ihrer Praxis informierten. Auch Öztas vermutet, dass Ärzte, die sich selbständig machen wollen, heute andere Lebensvorstellungen als vor 20 oder 30 Jahren haben. Außerdem schrecke die mit einer eigenen Praxis verbundene Bürokratie manchen Arzt ab.

Hinzu komme, dass auf dem Markt nicht so viele Kinderärzte verfügbar seien, „dass eine Stelle ohne Weiteres neu besetzt werden könnte“. Das führe zu Engpässen bei der Versorgung. Er habe seinerzeit eine befreundete Ärztin, die in einem Krankenhaus tätig sei, gebeten, sich in der Kinderabteilung ihrer Klinik einmal umzuhören, sagt Öztas. Niemand sei dort bereit gewesen, in die Selbständigkeit zu gehen. Über die Kassenärztliche Vereinigung sei man ebenfalls nicht weitergekommen. Die Kinderzahlen in Heusenstamm stiegen jedoch rasant.

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Ärztemangel
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Bitte auch mit Kassenzulassung

Er habe sich sehr darum bemüht, dass das Medizinische Versorgungszentrum in Heusenstamm angesiedelt werde, hebt Öztas hervor. Die ärztliche Versorgung außerhalb großer Städte werde in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ein Thema in der Kommunalpolitik werden. Daher halte er es für wichtig, „dass man sich jetzt rechtzeitig darum bemüht, die Strukturen und die Stellen hier anzusiedeln, damit in der Zukunft keine Versorgungsknappheit entsteht“. Für ihn und für die Stadt habe es hohe Priorität, „dass wir nach Möglichkeit alle ärztlichen Fachrichtungen hier nicht nur privat, sondern auch mit Kassenzulassung anbieten können“.

Neben den vier Kinderärzten sind im Medizinischen Versorgungszentrum in Heusenstamm drei Allgemeinmediziner und ein Urologe jeweils an bestimmten Tagen tätig. Viele Menschen wüssten noch nicht, dass es dort auch Allgemeinmediziner gebe, sagt Degel. Man könnte noch mehr Patienten behandeln und sei offen für alle, die einen Hausarzt suchten. Vielen Menschen seien die neuen Strukturen im Gesundheitswesen noch gar nicht bekannt. Seit Mitte Februar ist Gabriele Sailer dabei. Die Fachärztin für Chirurgie war zehn Jahre an einer Klinik beschäftigt, in der regelmäßig Nachtschichten, Wochenend- und Feiertagsdienste anfielen. Um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, ließ Sailer sich zwei Jahre zur Allgemeinmedizinerin umschulen. Halbtags, jeweils vormittags, behandelt sie Kranke, die das Panaceum aufsuchen.

Zessin-Erol und Derwein-Popp hoffen, dass sich möglichst bald jüngere Kinderärzte finden, die in Heusenstamm tätig werden wollen. Ihre Nachfolger möchten sie gerne noch einarbeiten. Auch Degel will Ärzte, die derzeit etwa an Kliniken tätig sind, dafür gewinnen, die Versorgung mit Kinderärzten in Heusenstamm auf lange Sicht sicherzustellen. Weiterbildungsassistenten wären am Panaceum ebenfalls willkommen. Das sind approbierte Ärzte, die sich in der Facharztausbildung befinden und einen Teil der Weiterbildungszeit in der Praxis absolvieren können.

Kreis Offenbach statistisch überversorgt

Kreis Offenbach statistisch überversorgt Insgesamt 22,5 Versorgungsaufträge für Kinderärzte, sogenannte Kassensitze, hat die Kassenärztliche Vereinigung Hessen für den Kreis Offenbach vergeben. Sie werden von 29 Ärzten wahrgenommen. Mit Ausnahme von Egelsbach und Mainhausen sind in allen Kreiskommunen Mediziner dieser Fachrichtung zu finden. Deshalb spricht die Kassenärztliche Vereinigung von einer recht ausgewogenen Verteilung. Den Versorgungsgrad im Kreis beziffert sie auf rund 132 Prozent; statistisch sei der Kreis also überversorgt. Das Rhein-Main-Gebiet wachse jedoch, und damit erhöhe sich auch im Kreis Offenbach der Bedarf an Kinderärzten, teilte die Vereinigung mit. Wegen steigender Geburtenraten, zusätzlicher Vorsorgeuntersuchungen und anderer Faktoren bilde die Planung den Bedarf nicht mehr adäquat ab. Das führe in einigen Praxen zum Aufnahmestopp für neue Patienten. Der Kassenärztlichen Vereinigung sei die Situation bei der kinderärztlichen Versorgung im Kreis Offenbach und in Heusenstamm bekannt. Man stehe in engem Kontakt mit den Kinderärzten und führe Gespräche über Kooperationen, Praxisabgaben und -übernahmen. Allerdings stehe derzeit zu wenig Personal zur Verfügung. Dies sei ein bundesweites, kein hessisches Phänomen. Gemeinsam mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte forderte die Kassenärztliche Vereinigung Ende vergangenen Jahres die Krankenkassen auf, Geld zur Verfügung zu stellen, um damit 15 zusätzliche Kinderarztsitze in Hessen ansiedeln zu können. Dieser zusätzliche Bedarf dürfe nicht aus dem bestehenden Honorartopf der Kinder- und Jugendärzte bezahlt werden, denn dies würde deren Einkommen deutlich verschlechtern und eine Niederlassung zusätzlich unattraktiv machen. Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung wies in einer Resolution vor wenigen Tagen auf die zum 1. Juli zu erwartenden Veränderungen in der Bedarfsplanung hin. Dadurch werde es möglich, dass sich zusätzliche Kinderärzte niederließen. Das Honorarvolumen in dieser Fachgruppe müsse dafür steigen. (es.)
Quelle: F.A.Z.
Eberhard Schwarz
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.
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