Andrang auf Aussichtsorte

Gönnen können

EIN KOMMENTAR Von Marie Lisa Kehler
03.01.2021
, 19:52
Der Massenandrang im Taunus, in der Rhön und im Odenwald irritiert. Dennoch sei vor allem Familien der Schneespaß gegönnt, der sie einige Tage durch die schwere Zeit tragen wird.

Die Freundin hat ein Video geschickt. 30 Sekunden Familienglück. Gemeinsam mit Mann und Kindern ist sie in den Schnee gefahren. Aber mit dieser Idee waren sie nicht allein. Ob im Taunus, in der Rhön, im Odenwald oder auf der Sackpfeife – überall waren in den vergangenen Tagen die Parkplätze schon früh am Morgen überfüllt. Die Polizei musste vielerorts den Verkehr regeln, sperrte Zufahrtswege teilweise komplett. Aber die Menschen zieht es nach draußen. In den Schnee, an die Luft, weg aus dem Alltag, der in den vergangenen Wochen so wenig Abwechslung geboten hat. Nicht „trotz“ Corona sind die beliebten Ausflugsziele stark frequentiert, sondern „wegen“ Corona. Weil die Bewegung an der frischen Luft so ziemlich das Einzige ist, was noch nicht per Allgemeinverfügung untersagt wurde.

So ein Massenandrang am Berg irritiert. „Zu viele Menschen“, schreit das eigene Bauchgefühl, das seit einigen Monaten immer dann Alarm schlägt, wenn sich mehr als eine Handvoll Personen in Blickweite befinden. Nach abermaligem Ansehen des Videos wird das störende Bauchgefühl aber ignoriert. Denn die Aufnahme zeigt glückliche Menschen. Rote Wangen, zufriedene Gesichter. Ein Erlebnis, das manch eine Familie wieder einige Tage durch die schwere Zeit tragen wird. Verbindende Stunden wie diese sind es, die dazu beitragen, die Strapazen der vergangenen Wochen auszublenden und Kraft zu tanken. Natürlich gilt: Sicherheit steht an oberster Stelle. Wenn vor Schneebruch gewarnt wird, haben Rodler und Wanderer nichts in den gesperrten Gebieten zu suchen. Wenn ein Ausflugsziel aber prinzipiell angesteuert werden darf und dort alle Corona-Regeln eingehalten werden, dann ist das Schneeabenteuer nicht zu verurteilen.

Wer sich dieser Tage vorstellen kann, im Flachland die Füße zu vertreten, sollte das tun. Denn die Plätze in den öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Parkplätze an den Ausflugszielen sind begrenzt und sollten in dieser besonderen Zeit denen zur Verfügung stehen, die besonders belastet sind: Familien mit Kindern. Eben weil in vielen Haushalten in den vergangenen Monaten die Stimmung angespannt war, können solche Ausflüge helfen, den Familienfrieden wiederherzustellen. Viele Eltern fürchten schon jetzt wieder die Doppelbelastung, die eine mögliche Verlängerung des Lockdowns mit sich bringt. Jeder kann diesen Familien für die Länge einer Schlittenabfahrt etwas Leichtigkeit schenken, indem er auf das eigene Schneeabenteuer verzichtet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kehler, Marie-Lisa
Marie Lisa Kehler
Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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