Neuer Stadtteil in Wiesbaden

Hürden für das Ostfeld

EIN KOMMENTAR Von Oliver Bock
Aktualisiert am 18.09.2020
 - 22:33
Bisher Brachland: Hier soll ein neuer Stadtteil für Wiesbaden entstehen.
An der Realisierung eines neuen Stadtteils in Wiesbaden scheiden sich die Geister. Es ist jedoch richtig, mit dem Ostfeld den großen Wurf anzugehen. Denn die Wohnungsnot wird auch in Wiesbaden voranschreiten.

Ausgerechnet die Linkspartei. Ausgerechnet jene politische Kraft, die sich regelmäßig zum Anwalt der kleinen Leute hochstilisiert und in Wiesbaden zu hohe Mieten und einen Mangel an bezahlbaren Wohnungen beklagt, stellt sich mit widersprüchlichen Begründungen gegen einen neuen Stadtteil, der Linderung verspricht. Dass der Linkspartei der Klimaschutz plötzlich wichtiger als der Wohnungsbau ist, das ist neu. Doch Wiesbaden wird in den kommenden Jahren weiter wachsen, und eine verantwortungsvolle Stadtentwicklung muss reagieren. Das Potential der Nachverdichtung bestehender Stadtteile reicht als Antwort auf die neue Attraktivität der großen Städte nicht aus. Und ob die amerikanischen Streitkräfte tatsächlich in absehbarer Zeit weitere Flächen zur Konversion freigeben werden, ist eine bislang unbestätigte Behauptung.

Es ist richtig, mit dem Ostfeld den großen Wurf anzugehen. Eine ganz andere Frage ist es, ob tatsächlich alle Chancen ergriffen wurden, sich mit den Grundeigentümern gütlich zu einigen. Weil Boden ein nicht vermehrbares Gut ist, kann keinem Eigentümer ein Vorwurf daraus gestrickt werden, dass er in Verhandlungen das maximal Mögliche herausholen will. Pokern gehört dazu. Es ist auch legitim, die Entwicklungssatzung auf den juristischen Prüfstand zu stellen. Vor Gericht wird sich zeigen, ob die Stadt Fehler begangen hat und ob die Enteignung privater Grundstücke zum Wohl der gesamten Stadt als letztes Mittel tatsächlich ihre Berechtigung hätte.

Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Ein neuer Stadtteil lässt sich auch durch energischen politischen Willen nicht einfach aus dem Boden stampfen. In einer dicht besiedelten Region sind die Hürden groß, wie sich am Beispiel der Frankfurter Entwicklungspläne neben der Autobahn A5 gezeigt hat. In Wiesbaden könnten sich der Klimaschutz und die Nähe zum Erbenheimer Militärflughafen noch als gefährliche Klippen erweisen, die nur schwer zu umschiffen sind.

Und weil noch viele Fragen offen sind, und weil viele Details erst noch beschlossen werden müssen, wird auch der Ausgang der Kommunalwahl 2021 den Fortgang und die Ausgestaltung des Ostfelds noch maßgeblich beeinflussen. Ob aus der Jahrhundertchance tatsächlich ein Jahrhundertprojekt wird, muss sich also erst noch weisen.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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