Schulpolitik in Hessen

Kultusminister haben es schwer

EIN KOMMENTAR Von Ewald Hetrodt
19.01.2021
, 10:40
Der hessische Kultusminister Lorz hat es nicht leicht. Denn die hessische Schulpolitik ist permanent einer großen Schar von Kritikern ausgesetzt. Dabei verbündet sich die Opposition seit einiger Zeit mit Schülervertretungen oder der Gewerkschaft.

Wenn die Geschichte nicht stimmt, ist sie wenigstens gut erfunden: Dass Helmut Kohl den politischen Aufstieg seines rheinland-pfälzischen Kultusministers Bernhard Vogel nicht befördert hat, lag an seiner ersten Ehefrau Hannelore. Weil sie ihrem Mann regelmäßig genau erzählte, was an den Schulen im Lande verkehrt laufe, hörte Kohl permanent Klagen über seinen Minister. Aber hat Hannelore Kohl tatsächlich objektive Berichte geliefert? Oder hat am Ende nur die Schule versagt, in die ihre beiden Söhne gingen. Oder etwa die Söhne?

Fest steht jedenfalls, dass nicht nur Lehrer, sondern auch Kultusminister eine schwierige Aufgabe haben. Sie sind, anders als etwa ein Minister für Europaangelegenheiten, permanent einer großen Schar von Kritikern ausgesetzt. Schulämter, Kommunen, Lehrer, Eltern und deren Kinder erleben jeden Tag, wie die Vorgaben aus dem Kultusministerium sich in der Praxis auswirken. Oder sie glauben es nur. Denn oft können die Betroffenen gar nicht zuverlässig einordnen, ob dieser oder jener Missstand auf die Politik oder die Anordnung einer anderen Stelle zurückzuführen ist.

Die Schwierigkeiten, die sich aus dieser Konstellation für den Kultusminister ergeben, sind für seine Kritiker eine große Chance. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft marschiert in Hessen Seit’ an Seit’ mit der Opposition. Aber die Sozialdemokraten kooperieren daneben seit einiger Zeit auch immer wieder mit den gewählten Vertretern der Schüler.

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Im Landtagswahlkampf 2018 setzte der damalige Landesschulsprecher, der gerade ein Praktikum in der SPD-Fraktion absolvierte, Kultusminister Alexander Lorz heftig zu. Der Unionspolitiker sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, dass in Hessen zu viel Unterricht ausfalle. Die Landesschülervertretung präsentierte dazu die Auswertung einer Stichprobe mit Auskünften von einhundert Schulen. Am Montag nun trat der heutige Landesschulsprecher in einer Pressekonferenz der SPD-Fraktion auf, um die Vorgaben der Landesregierung für den Umgang mit der Pandemie zu kritisieren.

Kultusminister haben es nicht leicht. Ihr Amt ist wahrlich kein gutes Sprungbrett für größere Karrieren. Lorz wird sich darum mit besonderem Interesse anschauen, wie seine Kollegin Susanne Eisenmann Mitte März als Spitzenkandidatin der CDU bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg abschneidet. Aus Bernhard Vogel immerhin ist trotz der Vorbehalte Kohls dann doch noch etwas geworden: Ministerpräsident, sogar in zwei Bundesländern.

Quelle: F.A.Z.
Ewald Hetrodt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ewald Hetrodt
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.
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