Kampf gegen die Aerosole

Modellversuch für virenfreie Klassenluft

Von Bernhard Biener
05.12.2020
, 17:02
Der Hochtaunuskreis untersucht gemeinsam mit der Frankfurter Goethe-Universität in einem Modellversuch die langfristige Wirksamkeit von Luftreinigern. In ausgewählten Schulen werden dafür Luftfilter aufgestellt.

Bei der Suche nach Möglichkeiten, trotz der Corona-Pandemie möglichst vielen Schülern den Unterricht im Klassenraum zu ermöglichen, setzt der Hochtaunuskreis auch auf mobile Luftreinigungsgeräte. In einem Schreiben an die Schulleitungen hat der Schulträger den Einsatz solcher Geräte grundsätzlich gestattet, auch wenn sie von Fördervereinen und Elterninitiativen angeschafft werden. Um die langfristige Wirksamkeit zu untersuchen, hat sich der Kreis zu einem Modellversuch mit der Frankfurter Goethe-Universität entschlossen. Die Experten des Instituts für Atmosphäre und Umwelt wollen dazu an drei Schulen in Bad Homburg und Königstein regelmäßig Messungen vornehmen.

Im Oktober hat das Team um Joachim Curtius, einen Atmosphärenforscher und Spezialisten für Aerosole, mit dem Ergebnis einer Studie für Aufmerksamkeit gesorgt. Die Wissenschaftler ließen vier Luftreiniger eine Woche lang an in einer Wiesbadener Schulklasse mit 27 Schülern laufen und stellten fest, dass die Geräte mehr als 90 Prozent der Aerosole aus der Luft filtern können. Anders als die beim Husten oder Nießen ausgestoßenen Tröpfchen, die nach zwei Metern zu Boden sinken, sind diese winzigen Partikel auch nach Stunden noch nachweisbar. Mit dem Einsatz der Filter ließe sich die Ansteckungsgefahr mit Covid-19 deutlich senken, lautete die Erkenntnis der Forscher.

„Erster auf einen längeren Zeitraum angelegter Versuch“

Jetzt sollen die Luftreiniger im Hochtaunuskreis im Kaiserin-Friedrich-Gymnasium in Bad Homburg, der Ketteler-Francke-Grundschule im dortigen Stadtteil Kirdorf und im Taunusgymnasium in Königstein in ausgewählten Klassenräumen aufgestellt werden. „Es ist nach der Studie in Wiesbaden der erste auf einen längeren Zeitraum angelegte Versuch“, bestätigte Curtius auf Anfrage. Prinzipiell seien handelsübliche Geräte im Einsatz. Die im Hochtaunuskreis verwendeten seien verbesserte Ausführungen, wie sie die Universität der Bundeswehr in München untersucht habe.

Die genauen Modalitäten des Versuchs wollen in den nächsten Tagen Kreis und Wissenschaftler gemeinsam festlegen. „Wir werden in gewissen Abständen einen Messtag einlegen.“ Vier Tage lang sei das Verfahren schon mit einzelnen Geräten am Kaiserin-Friedrich-Gymnasium erprobt worden. Doch das Gros der Luftreiniger, der Kreis spricht von 80 allein für das Bad Homburger Gymnasium, ist nach Worten von Schulleiter Jochen Henkel noch nicht aufgestellt worden.

Zehn Millionen Euro vom Land Hessen

„Präsenzunterricht muss auch in schwierigen Lagen möglich sein“, beschreibt Landrat Ulrich Krebs (CDU) die Motivation des Kreises. Wie, darüber gebe es unterschiedliche Auffassungen. Deshalb seien gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse umso wichtiger. Das Kaiserin-Friedrich-Gymnasium eigne sich für die Untersuchung besonders gut, weil es mit dem kürzlich sanierten Turmbau, dem vor zehn Jahren sanierten Fachklassengebäude und dem Altbau verschiedene Typen von Klassenräumen biete. Die Kirdorfer Grundschule habe einen Altbau ohne Be- und Entlüftungsanlage, das Königsteiner Taunusgymnasium wiederum eine mechanische Lüftungsanlage. Der Versuch solle zeigen, wo der Einsatz von mobilen Luftreinigern sinnvoll sei.

Das Land Hessen will zehn Millionen Euro für „Lufthygienemaßnahmen“ bereitstellen, wozu aber auch der Umbau von Fenstern gehört, die bisher nicht geöffnet werden können, und die Anschaffung von Kohlendioxid-Ampeln. Luftreiniger, für deren Kauf sich häufig Fördervereine einsetzen, dürften nur in Abstimmung mit den Schulträgern aufgestellt werden, hieß es Anfang November in einem Schreiben des Kultusministeriums an die Schulleitungen. Der Hochtaunuskreis lässt dies nun zu, auch wenn die Geräte von Dritten wie Vereinen finanziert werden. Fünf derartige Anfragen von Schulen und Elterninitiativen hat es beim Kreis schon gegeben.

Einen großflächigen Einsatz plant der Kreis allerdings nicht, da viele der mit dem Schulbauprogramm in den vergangenen Jahren entstandenen Schulen technische Lüftungsanlagen bekommen haben. Für das kräftige Durchlüften mit offenen Fenstern in regelmäßigen Abständen sind auch die Reinigungsgeräte kein Ersatz, schon um Sauerstoff hineinzulassen. „Beides zusammen ist eine hervorragende Kombination“, meint daher auch Atmosphärenforscher Curtius.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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