Mainzer Gutenberg-Museum

Büchersessel statt Bibelturm

Von Markus Schug, Mainz
22.08.2020
, 20:30
Auf dem heißen Stuhl: Stifter Michael Eckes (von links), Museumsdirektorin Annette Ludwig, Künstlerin Liesel Metten und Kulturdezernentin Marianne Grosse
Wann und wo der Um- und Neubau des Mainzer Gutenberg-Museums beginnen soll, steht nach wie vor nicht fest. Stattdessen können sich es Passanten nun auf einem Büchersessel aus Bronze bequem machen.
ANZEIGE

Mit Standortfragen kennen sie sich im Mainzer Gutenberg-Museum eigentlich bestens aus. Immerhin wurden gerade erst zwei Dutzend mögliche Plätze für einen Neubau oder den Umzug des in die Jahre gekommenen Weltmuseums der Druckkunst geprüft. Am Ende haben die Mitglieder der eigens dafür eingerichteten Arbeitswerkstatt 23 Vorschläge verworfen und sich im Juni für einen Neuanfang an Ort und Stelle entschieden, also am bewährten Liebfrauenplatz. Nur jene Fläche will man künftig auf alle Fälle frei halten, auf der nach früheren, längst schon verworfenen Plänen ein symbolträchtiger „Bibelturm“ mehr als 20 Meter hoch in den Himmel hätte ragen sollen.

ANZEIGE

Dafür wurde jetzt ein sehenswerter Büchersessel im Innenhof aufgestellt, der dort allerdings nur übergangsweise, also für etwa drei Jahre, bleiben kann. Das im Vergleich zum Turm mit nicht einmal zwei Meter Höhe überschaubare Kunstwerk der Nieder-Olmerin Liesel Metten steht als frei zugängliches Denkmal gleich neben dem Eingang des Schellbaus.

Was zumindest an sonnigen Tagen nicht der allerbeste Standort für einen sich rasch aufheizenden Bücherthron aus Bronze zu sein scheint. Ansonsten passe der von jedermann in Besitz zu nehmende Sessel, weil „gewichtig, bequem, gemütlich und attraktiv“, vortrefflich zum Gutenberg-Museum, befand Günter Minas als Sprecher des Beirats für Fragen der bildenden Kunst bei der Enthüllung. Wenn man dagegen klopfe, sei es zudem wohlklingendes Gusswerk. Darüber hinaus habe das Skulpturen-Möbel Gewicht, so dass es nur „mit großer Kraftanstrengung von seinem derzeitigen Standort wegzubewegen“ sei.

Weiter nach der Sommerpause

Dabei ist allen Beteiligten klar, dass die von der Künstlerin und 130 Schülern der nach ihr benannten Liesel-Metten-Förderschule geschaffene temporäre Leihgabe ihren festen Platz erst dann erhalten kann, wenn der Um- und Neubau des gesamten Gebäudeensembles eines fernen Tages vollendet sein wird. Das 1900 gegründete Museum erinnert bis heute an den 1468 in Mainz verstorbenen Johannes Gutenberg, der unter anderem durch den Einsatz beweglicher Lettern den Buchdruck und die Informationsverbreitung revolutionierte.

Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) und die Direktorin des Hauses, Annette Ludwig, zeigten sich am Dienstag aber zuversichtlich, im zweiten Anlauf auf einem guten Weg zu sein. Die ursprünglich favorisierte Lösung, dass das bis dato aus drei Solitären bestehende Museumsquartier noch einen „Bibelturm“ als zusätzliche Ausstellungsfläche erhalten sollte, war in einem Bürgerentscheid am 15. April 2018 von den Mainzern unerwartet deutlich abgelehnt worden. Seitdem wird an neuen Plänen und auch an einem passenden Konzept für die Trägerschaft des Museums für Druck- und Mediengeschichte gearbeitet, das 2019 immerhin mehr als 160.000 Besucher anziehen konnte. Der Stadtrat will sich laut Grosse unmittelbar nach der Sommerpause mit den nächsten Schritten des umfassenden Um- und Ausbauvorhabens beschäftigen, das vermutlich einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag verschlingen dürfte.

ANZEIGE

„Geheimnis der Bücher“ bewahren

Der Büchersessel, von dem es insgesamt vier gegossene Versionen gibt, sei in dieser Situation eine schöne Geste und ein Bekenntnis zur Gutenbergstadt, meinten Grosse und Ludwig. Hinter dem Gemeinschaftsprojekt der Liesel-Metten-Schule stand die Idee, weggeworfene Bücher aus Altpapiertonnen zu retten und damit das „Geheimnis der Bücher“ zu bewahren. Bis zu 400 ausgesuchte Exemplare wurden dafür von den Schülern eingegipst, getrocknet und weiß gestrichen, ehe das Werk schließlich von der Bronzegießerei Kunstguss Kastel vollendet werden konnte. Finanziert hat das Ganze der aus einer Nieder-Olmer Spirituosen- und Saftdynastie stammende Kunstfreund und Stifter Michael Eckes.

ANZEIGE

Probe sitzen wollten auf dem gleichermaßen zum Reden, Lesen und Essen geeigneten Gutenbergsessel nach der offiziellen Freigabe fast alle Anwesenden – selbst wenn es an diesem Tag ein ziemlich heißer Stuhl war. Dabei sind im Innenhof des Museums etliche Erinnerungsfotos und manche Entdeckung gemacht worden. So hat die 82 Jahre alte Künstlerin an einer Seite des Denkmals nicht eben zufällig eine kleine Leseratte versteckt. Schließlich sei sie, so verriet Metten, ja eigentlich eine Tierbildhauerin.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schug, Markus
Markus Schug
Korrespondent Rhein-Main-Süd.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE