Medizin

Schlupflid-Korrektur für die Gattin

Von Caren Langer
22.12.2008
, 20:00
Faltenfrei: Botulinumtoxin wird gespritzt, um die Haut zu straffen und Falten zu mindern.
In der Weihnachtszeit herrscht bei den Schönheitschirurgen Hochkonjunktur: Die Zahl der Fettabsaugungen oder Botox-Spritzen gegen Fältchen und schlaffe Haut nimmt im Advent um rund ein Drittel zu, schätzen die Ärzte.
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Ein Friseurbesuch, um an den Feiertagen gut auszusehen, vielleicht eine Maniküre, ein Peeling – das war gestern. Wer zum Fest wirklich attraktiv sein will, ohne Falten auf der Stirn oder um die Mundwinkel, sollte noch rechtzeitig einen Termin beim Schönheits-Chirurgen reservieren. Das zumindest findet Stephan Größer: „Die Haut ist danach einfach glatter, man sieht frischer und doch natürlich aus.“

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Der Sechsundvierzigjährige, der selbst in der Schönheits-Branche arbeitet, hat sich kürzlich zum dritten Mal in der Darmstädter Rosenparkklinik Botox für Stirn und Augenpartie injizieren lassen; seine Nasolabialfalten sind mit Hyaluronsäure unterspritzt. „Das piekst zwar ganz schön und tut danach etwas weh“, sagt er, „aber das Ergebnis ist super.“

Botox und Fettabsaugung

Die Weihnachtsvorbereitungen mancher Kunden beginnen schon Anfang November, wie Gerhard Sattler, Dermatologe und Gründer der Rosenparkklinik festgestellt hat. Gerade in diesem Jahr sei vor den Festtagen sehr viel los, weniger die großen Operationen, aber kleine Behandlungen wie Fettabsaugungen, Faltenunterspritzungen, Botox-Injektionen und Lidkorrekturen seien gefragt. „Das gute Aussehen gehört heute einfach dazu wie die angemessene Kleidung und die passenden Accessoires.“ Wer hängende Mundwinkel habe, komme eben nicht gut an, im Berufsleben wie in der Gesellschaft.

Auch Petra Berger, Fachärztin für plastische und ästhetische Chirurgie in Frankfurt, spürt deutlich das Bedürfnis ihrer Kunden, sich zum Fest zu verschönern. Regelmäßig seien um diese Zeit ein Drittel mehr Behandlungen gebucht als im übrigen Jahr. Drei bis vier Wochen vorher seien bei ihr alle Termine vergeben, bis direkt vor den Feiertagen. Wer dann operiert wird, ist zwar unter dem Weihnachtsbaum gerötet und verschwollen, kann aber die freie Zeit zur Genesung nutzen, ohne dafür Urlaub nehmen zu müssen.

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Operation als Geschenk

Viele Banker aus den leitenden Etagen, die meisten älter als 40 Jahre, bescherten ihm im Dezember eine Hochsaison, berichtet auch Norbert Kania, der seit 1997 in Frankfurt eine Klinik für ästhetisch-plastische Chirurgie leitet. Seinen für November geplanten Urlaub habe er in diesem Jahr streichen müssen. Doch nicht nur Behandlungen vor dem Fest sind bei ihm begehrt.

Auch Ehemänner erkundigten sich beim ihm nach Schönheits-Operationen als Weihnachtsgeschenk für ihre Gattinnen. „Wenn eine Behandlung ohnehin schon länger geplant ist, spricht nichts dagegen, sie jetzt zu verschenken“, findet er. „Statt einem Ring für 2000 Euro spendiert der Mann seiner Frau dann zum Beispiel eine Schlupflid-Korrektur, damit sie nicht mehr so müde aussieht.“ Davon hätten beide dann doch mehr.

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Wunsch nach größerer Brust

Festgelegte Gutscheine für bestimmte Eingriffe stellt jedoch kein seriöser Arzt aus. Anders als in den Medien behauptet, sei dies kein Trend, sondern nur ein „Marketing-Gag“ von Betreibern großer Schönheits-Kliniken, die Umsatz machen wollten, sagt Hermann Lampe, ästhetisch-plastischer Chirurg in Frankfurt und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft der Ästhetischen, Plastischen und Rekonstruktiven Chirurgen.

Tatsächlich wünschen sich seiner Erfahrung nach viele Frauen eine Brustvergrößerung, und ihre Partner erfüllten ihnen den Wunsch zu Weihnachten. Allerdings müsse die Beschenkte in jedem Fall die Meinung mehrerer Ärzte einholen und sich selbst entscheiden können, welchem sie am meisten vertraue.

Konsument statt Patient

Ob Botox-Spritze oder Brustvergrößerung, mit oder ohne Geschenkgutschein – der Gedanke, sich für das Weihnachtsfest einem medizinischen Eingriff zu unterziehen, sei ihm völlig fremd, sagt hingegen der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. „Da würde ich abraten.“ Wer eine ästhetisch-plastische Behandlung durchführen lässt, ohne krank zu sein, ist für ihn kein „Patient“, sondern ein „Konsument“.

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Denn dabei gehe es nicht um „Heilung“, sondern um Luxus und um den Wunsch, einem Idealbild zu entsprechen. Jeder Arzt solle hinterfragen, aus welchem Grund ein Patient den Eingriff wünsche, denn vielleicht hänge mit dem Bedürfnis nach äußerer Verschönerung ein anderes Problem zusammen. Wenn jemand es allerdings „gar nicht lassen“ könne, so solle er sich zumindest an einen ausgebildeten Fachmann mit langer Erfahrung wenden.

82 Fachärzte für plastische Chirurgie

Der Titel „Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie“ wurde in Hessen im Jahr 2007 eingeführt. 82 dieser Ärzte sind nach Angaben der Landesärztekammer zurzeit registriert. Für die Suche nach dem richtigen Arzt verweist die Ärztekammer auf die Berufsverbände, insbesondere auf die Deutsche Gesellschaft der Ästhetischen, Plastischen und Rekonstruktiven Chirurgen.

Allerdings müsse der ausgewählte Arzt nicht zwingend Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie sein. Auch Gynäkologen könnten zum Beispiel gute Arbeit bei Brustoperationen leisten, Hautärzte erfahren in der Hautstraffung sein.

Ausgeruht dank Nervengift

Wollen Patienten nicht nur anhand von Ratschlägen der Berufsverbände und von Internetforen ihren Arzt finden, können sie sich für eine unabhängige Beratung auch an die Verbraucherzentrale Hessen wenden. Sie empfiehlt unter anderem, Preise zu vergleichen. Ein Faltblatt informiert über Kosten und Finanzierung der Eingriffe: Danach kostet eine Lidkorrektur etwa 1700 Euro, ein vergrößerter Busen 5000 und Fettabsaugen 1500 bis 5000 Euro, je nach Menge.

Für Botox und „ein bisschen Unterspritzen, um die Falten aufzufüttern“ zahlt die vierzigjährige Ellen Hoffmann (Name geändert) etwa 600 Euro, alle sechs Monate, seit mehreren Jahren. Diesen Preis findet die Patientin der Rosenparkklinik angemessen. „Sonst bin ich dafür zur Kosmetikerin gegangen“, sagt sie, „die brauche ich jetzt gar nicht mehr.“ Dass es über die Wirkung des Nervengiftes Botox auf die Gesichtsmuskulatur keine Langzeitstudien gibt, sei für sie schon „ein kleiner Unsicherheitsfaktor“. Doch den nehme sie gern in Kauf. „Du siehst aber ausgeruht aus“, sagen ihr die Leute, selbst jetzt, in der stressigen Vorweihnachtszeit.

Quelle: F.A.Z.
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