Moderne Zeiten

Zwischen Fortschrittsglauben und Idylle

Von Luise Glaser-Lotz
28.11.2021
, 14:27
Balanciert: Der Familienschrein der berühmten Hanauer Schmuckfirma Fritz Kreuter.
Die neue Dauerausstellung „Moderne Zeiten“ im Historischen Museum Schloss Philippsruhe in Hanau führt die Besucher durch die Zeit zwischen 1848 und 1946. Nach langem Umbau ist sie endlich offen.
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Wie fühlt sie sich wohl an, so eine Oberbürgermeisterkette? Diese Erfahrung machen nur wenige Menschen, vor allem den Trägern dieses Symbols des zweitwichtigsten Repräsentanten einer Stadt ist sie vergönnt. Doch jetzt gibt es die Hanauer Oberbürgermeisterkette zum Anfassen für alle. Nicht in echt, aber immerhin originalgetreu.

Besucher der neuen Dauerausstellung des Historischen Museums im Erdgeschoss von Schloss Philippsruhe finden die Amtskette als Tastobjekt als Teil des neuen inklusiven Konzepts. Gedacht ist das Modell in erster Linie für Blinde und Sehbehinderte, die der neuen Inklusionsspur der Ausstellung folgen. Neu zu entdecken gibt es für sie und alle anderen Besucher viele bekannte Exponate des Museums, die unter der Überschrift „Moderne Zeiten“ nach zeitgemäßem Konzept arrangiert wurden, darunter der Familienschrein der Hanauer Schmuckfirma Fritz Kreuter, das um 1923 entstandene Inflationskleid aus Geldscheinen oder „Europa auf dem Stier“, eine Porzellanskulptur von Adolph Amberg vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Multimedia-Guide und interaktive Angebote sollen in Zukunft noch erweitert werden.

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Wie ein roter Faden

Von Sonntag an wird der neue Blick auf die Zeit zwischen 1848 und 1946 geworfen. Im Fokus steht die Entwicklung der Stadt als Spiegel der Höhen und Tiefen der weltweiten Historie dieser Epoche des Auf- und Umbruchs, der Zerstörung und des Neuanfangs. Das bewegte Jahrhundert begann mit der Revolution von 1848 und endet mit dem Wiederaufbau nach 1945. Dazwischen liegen Krieg, Zerstörung, Verfolgung, Vertreibung und der Holocaust.

Die Industrialisierung brachte Fortschritt, aber auch Ausbeutung und Armut für die wachsende Arbeiterklasse. Neue künstlerische Stile entwickelten sich ebenso wie die Sehnsucht nach romantischer Ästhetik in bürgerlichen Kreisen. All das hat auch Hanau geprägt und lässt sich in fünf Abteilungen der Dauerausstellung mit vielen Exponaten im Besitz der Stadt, des Geschichtsvereins und von Leihgebern wie der Staatlichen Zeichenakademie exemplarisch nachvollziehen.

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Wie ein roter Faden zieht sich die Rolle der 1772 gegründeten Akademie durch die Abteilungen. Die Akademie führte die Kunst des Gold- und Silberschmiedens und die damit verbundene Schmuckindustrie in Hanau zur Blüte und brachte eine Reihe historisch bedeutsamer Künstler hervor. „Moderne Zeiten“ führt die demokratischen und freiheitlichen Strömungen in der Stadt unter anderem durch die Turnerbewegung vor Augen und demonstriert die Entwicklung Hanaus zur industrialisierten Gewerbestadt. Im Zentrum stehen laut Kuratorin und Museumskoordinatorin Victoria Asschenfeldt Gemälde, Skulpturen und kunstgewerbliche Objekte von internationalem Rang. Die Dauerausstellung verdeutliche zudem ein Wesensmerkmal dieser Zeit: die Zerrissenheit der Menschen zwischen rasantem Fortschrittsglauben und Flucht in vermeintliche Idyllen.

Schwerpunkt der Erneuerungen ist das Papiertheatermuseum

Nach einer längeren Umbauphase ist die Dauerausstellung im Erdgeschoss jetzt zugänglich. Außerdem ist die Lange Galerie mit historischen Wandgemälden wieder geöffnet. Diese wurden 2015 bei Sanierungsarbeiten wiederentdeckt und zeigen Landschaftsmotive sowie Abbildungen der ägyptischen Antike. Ermöglicht hat den Umbau laut Stadt die Förderung durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien. Seit Dezember 2019 laufen die Arbeiten, die bis Jahresende 2023 gehen sollen. Sie umfassen neben der Dauerausstellung die Sanierung von Teilen des Schlosses sowie der Außenanlagen. So werden Fenster und Zaunteile saniert. Außerdem soll die Schlossfassade einen neuen Anstrich erhalten.

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Ein Schwerpunkt der Erneuerungen ist das Papiertheatermuseum im Schloss. Das „immaterielle Kulturerbe der UNESCO“ befindet sich seit 30 Jahren im Historischen Museum. 2022 soll sich laut Stadt der Vorhang der großen Bühne erstmals wieder heben und sollen die Miniaturtheater wieder vollständig zu besichtigen sein. Besucher sehen derzeit eine Interimsausstellung, deren Abteilungen jeweils nach Baufortschritt betreten werden können. Das vom Verein „Papiertheater“ betriebene Papiertheatermuseum versammelt außer Bühnen auch Dekorationen, Figurenbögen und Texthefte aus dem 19. Jahrhundert. Der Gründung der Neustadt durch wallonische und niederländische Glaubensflüchtlinge soll eine weitere Dauerausstellung gewidmet werden. Sie soll Ende 2022 fertig sein. Mit „Moderne Zeiten“ sind neue museumspädagogische Angebote verbunden, die von Januar an gebucht werden können.

Das Historische Museum Hanau Schloss Philippsruhe ist wegen der Pandemie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Besuch erfordert einen 2-G-Nachweis, Jugendliche und Kinder sind ausgenommen. In allen Hanauer Museen muss ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Informationen unter www.museen-hanau.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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