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Offenbach

Wo der Lithograph Manfred Hügelow eine zweite Heimat fand

 - 20:08

Sie heißt "Elisabeth" und wiegt fünf Tonnen. Diesen Namen hat Manfred Hügelow seiner aus Gußeisen gefertigten Konterandruckpresse gegeben. Seit drei Jahrzehnten arbeitet der Steindrucker mit der etwa vier Meter langen und zwei Meter breiten Presse, die von der Maschinenfabrik "Steinmesse & Stolberg" hergestellt wurde. Hügelow kaufte die von einem Elektromotor angetriebene Maschine in der Schweiz. Dort arbeitete er vier Jahre lang bei der international renommierten "Erker-Presse" in St. Gallen als Ausbilder und Leiter der Werkstätten. 1974 machte sich der gelernte Drucker mit "Elisabeth" selbständig.

Zunächst stellte Hügelow die Presse in einem Städtchen am Chiemsee auf, 1978 zog er mit ihr nach Frankfurt. Doch erst als er 1993 seine Steindruckerei nach Offenbach verlegte, wußte Hügelow, daß er mit "Elisabeth" am richtigen Ort angekommen war: "Offenbach ist für die Lithographie, den Steindruck, eine historische Stadt. Hier hat Alois Senefelder seine Erfindung verfeinert und verbreitet." In Offenbach begann um 1800 die Erfolgsgeschichte des Flachdruckverfahrens, bei dem die druckenden und nichtdruckenden Elemente des Steins auf einer Ebene liegen. Es war der Offenbacher Notenverleger Anton Andre, der als erster Senefelders Erfindung wirtschaftlich nutzte, Kompositionen aus Mozarts Nachlaß druckte und im Ausland verkaufte.

Seine Offenbacher Druckerei hat Hügelow in einem Hinterhaus an der Kaiserstraße eingerichtet. Die Presse steht im rückwärtigen Teil der Werkstatt, an deren Wänden Lithographien hängen, um die Sammler Hügelow beneiden würden. Die großformatigen Blätter des Malers und Lyrikers Karl Otto Götz stechen hervor.

Seit bald einem Vierteljahrhundert druckt Hügelow die Lithographien von Götz, einem der letzten noch lebenden Vertreter des "Informel", der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts entstandenen abstrakten Kunstrichtung. Hügelow arbeitet auch mit den Künstlern Karl Fred Dahmen, Bernd Finkeldei, Alfred Bast und Wolfgang Sinwel zusammen. Wenn ein Künstler seine Arbeiten von Hügelow drucken lassen will, ist er bei ihm eine Zeitlang zu Gast, schläft in der kleinen Wohnung neben der Werkstatt. Künstler und Drucker arbeiten gemeinsam an dem Kunstwerk. "Eine Graphik entsteht im ständigen Dialog", sagt Hügelow.

Den Vorzug der maschinellen Steindruckpresse sieht Hügelow in ihrem Nutzen für den Künstler. "Anders als bei der Handdruckpresse werden die Farbpigmente nicht gequetscht", erklärt Hügelow. "Die Struktur der Zeichnung auf dem Stein bleibt bei der Konterandruckpresse erhalten. Der Stein ist für mich eine lebendige Leinwand." Hügelow arbeitet wie seinerzeit Senefelder mit Solnhofener Kalksteinplatten: 150 solcher Platten in bis zu 70 mal 100 Zentimeter Größe lagern in der Druckerei. Der Kieselanteil sei in diesem Stein sehr hoch, wodurch er sich gut zum Drucken eigne, sagt Hügelow. Die Steine schleift Hügelow meist von Hand. Der Künstler zeichnet das Bild direkt auf den Stein, zum Beispiel mit Kreide, Pinsel oder Tuschfeder.

Zu den Eigenheiten "Elisabeths" gehört, daß sie mit einem sogenannten versenkbaren Fundament ausgerüstet ist. Dadurch lassen sich Lithographien von Steinen unterschiedlicher Dicke drucken. Je nach Größe des Steins dauert ein Abzug auf Büttenpapier zwischen dreieinhalb und sechs Minuten. Druckte Hügelow früher bis zu 300 Exemplare, sind es heute zwischen 20 und 40 Blätter. Jedes Blatt wird als Original gekennzeichnet und zertifiziert. Hügelow, der auch eine Graphikedition und einen Vertrieb unterhält, will so Sammler erreichen, die es reizt, eine Originalgraphik zu besitzen. Er hat beobachtet, daß mehr junge Leute als früher Graphik sammeln, da ein Originaldruck weniger kostet als ein Gemälde in vergleichbarer Größe.

Sein Wissen um den Steindruck würde Hügelow gerne an junge Leute weitergeben. Weil er jetzt 64 Jahre alt ist und sich bald zur Ruhe setzen will, sucht er einen Lehrling, der in diesen Beruf hineinwächst: "Ein junger Mensch könnte darin seine Lebenserfüllung finden - so wie ich sie gefunden habe." Schon als Schüler interessierte den in Berlin geborenen Hügelow alles, was mit Drucken zu tun hat. Er machte eine Druckerlehre, besuchte Kurse zur Kunstgeschichte. In den sechziger Jahren unterrichtete er an der Berliner Kunsthochschule Graphik und Lithographie.

Mit der in Offenbach ansässigen "Internationalen Senefelder-Stiftung" bereitet Hügelow jetzt die Einrichtung eines Zentrums für Steindruck vor, in dem Arbeiten junger Künstler gedruckt, Ausstellungen gezeigt und die Graphiksammlung der Stiftung präsentiert werden sollen. In diesem Zentrum könnte die Steindruckmaschine "Elisabeth" ihr neues Zuhause finden. Anton Jakob Weinberger

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