Prozessbeginn in Darmstadt

Schüsse auf den Gerichtsvollzieher

Von Sonja Jordans
12.11.2020
, 20:12
Als seine Wohnung in Obertshausen geräumt werden soll, zieht ein Mann eine Pistole und eröffnet das Feuer. Jetzt steht der Achtundsechzigjährige wegen Mordversuchs vor dem Darmstädter Gericht.

Eigentlich habe seiner Aktion ein ausgefeilter Plan zugrunde gelegen, versucht der Angeklagte dem Gericht weiszumachen. Ein paar Mal habe er in die Luft schießen und dadurch „spektakulär Aufsehen erregen wollen, damit die Medien darüber berichten“, sagt er im Plauderton. Denen hätte er dann seine Geschichte erzählen können, die – so zumindest schildert es der Achtundsechzigjährige – voller Ungerechtigkeiten ist. Allerdings schoss der Mann, als er im Februar in seinem Wohnhaus in Obertshausen im Kreis Offenbach zur Waffe griff, laut Anklage nicht in die Luft, sondern auf eine Gruppe von Menschen. Drei verletzte er schwer. Sie erlitten unter anderem Steck- und Streifschüsse in Hüfte und Bauch, die sie nur dank Notoperationen überlebten.

Der Grund für die Eskalation: Der Schütze hatte über Monate hinweg offenbar seine Miete nur teilweise bezahlt, deswegen sollte seine Wohnung an jenem Tag zwangsgeräumt werden. Wegen versuchten Mordes muss sich der Achtundsechzigjährige seit Mittwoch vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Eines seiner Opfer sitzt ihm als Nebenkläger gegenüber.

„Ich bin kein schießwütiger Idiot, ich habe mir noch nie etwas zu Schulden kommen lassen“, sagt der Schütze zum Prozessauftakt. Er habe auf Anraten des Amts, das ihm die Wohnung Jahrzehnte zuvor besorgt hatte, nicht auf eine Mieterhöhung reagiert. Dass ihm deswegen gekündigt worden war, habe er als ungerecht empfunden. Deswegen habe er in die Medien kommen wollen. Mehr nicht.

„Dreieinhalb Flaschen Wodka waren wohl doch etwas zu viel“

Dem entgegen steht die Anklageschrift: Am Tattag habe der Mann sich zunächst verbal, dann unter Einsatz seiner scharfen Waffe gegen die Zwangsräumung gewehrt. Der Gerichtsvollzieher war dem auf ihn abgefeuerten Schuss gerade noch ausgewichen. Ein Speditionsmitarbeiter aber erlitt unter anderem einen Steckschuss im Bereich der Hüfte, ein Gläubigervertreter wurde in den Bauch getroffen. Ein weiterer Beteiligter kam mit einem Knalltrauma davon – der Angeklagte hatte einen Schuss auf dessen Kopf abgegeben, den Mann aber verfehlt. Der Angegriffene entwaffnete den Betrunkenen daraufhin.

An all das aber kann oder will sich der Achtundsechzigjährige, der 1971 mit einem Schlauchboot über die Ostsee aus der DDR geflohen war, vor Gericht nicht mehr erinnern. „Dreieinhalb Flaschen Wodka waren wohl doch etwas zu viel“, stellt er fest. Gemeinsam mit einem Nachbarn aus dem Erdgeschoss habe er sich vor der Zwangsräumung zum „kleinen Umtrunk“ getroffen. Weil er den Weg in seine eigenen vier Wände im dritten Stock nicht mehr geschafft habe, habe er sich dort auf das Sofa gelegt. Der Nachbar habe ihn geweckt, als die an der Zwangsräumung Beteiligten im Haus erschienen seien. Daraufhin habe er zu seiner Waffe gegriffen und sei in Richtung Wohnungstür gegangen. Schon das habe ihm Schwierigkeiten bereitet. „Ich hatte nichts gegessen, dann der Alkohol“, versucht er zu erklären.

Er habe um ihn herum alles grau wahrgenommen und sei gestürzt. „Ich wollte zwei Mal in die Luft schießen und dann gucken, wie die rennen.“ Nachdem er die Anwesenden aufgefordert hatte, sich zum Teufel zu scheren, habe er geschossen – in Richtung Hauseingang, wo die Mitarbeiter der Spedition und der Gerichtsvollzieher standen, wird ein Zeuge später aussagen. Es habe unfassbar laut geknallt, er selbst habe nur noch Sterne gesehen, fährt der Schütze fort. Von diesem Zeitpunkt an sei alles bei ihm ausgeknipst gewesen, seine Erinnerung setze erst wieder ein, als er im Krankenhaus zu sich gekommen war. Seit den Schüssen höre er im Übrigen nur noch schlecht. Dass er es irgendwie in seine Wohnung im dritten Stock schaffte, dort auf einen weiteren Mann schoss, dessen Kopf er nur knapp verfehlte, wisse er nicht mehr, so der Angeklagte.

Früher habe er nach dem Alkoholkonsum auf nüchternen Magen schon drei Mal einen Blackout erlebt. „Oder ist das so ein Blackout, den wir in Gerichtssälen häufiger erleben?“, hakt der Richter nach. Denn das Verhalten des Mannes vom Tattag passe nicht zu seinen Schilderungen. Und auch sonst passt offenbar einiges nicht. Woher er die Waffe habe, daran konnte sich der Angeklagte, der Sportschütze war, trotz mehrfachen Nachfragens des Vorsitzenden auch nicht erinnern. „Ich habe die schon lange.“

Laut Zeugenaussagen aber wusste er gut mit der Pistole umzugehen – „so schnell er die Waffe zog, so schnell schoss er auch“, sagt der Nebenkläger aus. Die Waffe habe der Schütze aus dem Hosenbund gezogen. Dabei sei sie sogar schon entsichert gewesen, erkannte der ehemalige Soldat. Denn den Schlitten habe der Rentner nicht mehr ziehen müssen.

Quelle: F.A.Z.
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