Rheingau-Taunus-Kreis

An der Hochschule rücken die Bagger an

Von Oliver Bock, Geisenheim
16.10.2020
, 14:49
Gleich vier neue Gebäude sollen zur Campusentwicklung im hessischen Geisenheim beitragen. Der Hochschulpräsident liebäugelt mit einem weiteren Großprojekt.

Nach jahrelangen Diskussionen und Planungen kann es mit gehöriger Verspätung losgehen: Zum Jahreswechsel fällt der Startschuss für den Bau eines Hörsaalgebäudes, des Getränketechnologischen Zentrums, des Seminar- und Laborgebäudes Logistik und des Praktikumsgebäudes für Lebensmittelsicherheit. Diese vier neuen Bauten sollen die Position von Hessens jüngster Hochschule in Geisenheim als innovativem Lehr- und Forschungsstandort stärken. Bauherr ist der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen.

Die Hochschule Geisenheim war erst 2013 gegründet worden. Zuvor hatte sich das Land Rheinland-Pfalz überraschend aus der Finanzierung der Forschungsanstalt für Obst- und Weinbau zurückgezogen und damit eine Neuordnung auf hessischer Seite erzwungen. Die Entwicklung, die die eigenständige Hochschule seither genommen hat, ist beachtlich. Auf dem Campus lernen, forschen und arbeiten fast 1800 Studierende und mehr als 500 Mitarbeiter. Die Erwartungen des Wissenschaftsrates und die Zielvereinbarung mit dem Land Hessen sind erfüllt. Im Jahr 2016 sagte das Land der Hochschule für ihre Entwicklung bis 2026 aus verschiedenen Töpfen insgesamt rund 75 Millionen Euro zu. Damals und auch noch ein Jahr später hieß es, der erste Bauabschnitt der Campusentwicklung solle schon 2019 abgeschlossen sein. Doch daraus wurde nichts. Die Gründe sind vielfältig. Viele Detailfragen waren offenbar unterschätzt worden. Die Suche nach Ausweichparkplätzen gestaltete sich schwierig.

Dennoch sieht es so aus, als könne der Zeitplan eingehalten werden. Das liegt vor allem daran, dass zwei Gebäude mit rund 23 Millionen Euro aus einem Bund-Länder-Programm finanziert werden, das bis zum Jahresende 2023 abgerechnet worden sein muss. Die Investition von rund 50 Millionen Euro aus dem hessischen Heureka-Programm lässt sich davon aus Gründen der Baulogistik nicht einfach abkoppeln. Geht alles glatt, könnte das Großprojekt daher schon in gut drei Jahren fertig sein.

Wegfall von 116 Stellplätzen

Das muss aber noch nicht alles sein. Hochschulpräsident Hans Reiner Schultz hofft, vielleicht im zweiten Anlauf mit einem Antrag beim Wissenschaftsrat auf Finanzierung eines 30 Millionen Euro teuren „Forschungsbaus“ erfolgreich zu sein, für den schon ein Standort auf dem Hochschulgelände auserkoren ist. Er könnte dem Fachbereich Weinbau mit seinen Labors und Büros sowie Modulen zur Ökosystemforschung noch zusätzlichen Schub geben. Die Errichtung der Neubauten spiegele die positive Entwicklung der Hochschule wider, sagt Schultz.

Der Präsident erwartet eine noch engere Vernetzung von Lehre und Forschung mit der Praxis. Die Hochschule profiliere sich als attraktiver Arbeitgeber und innovativer Studienstandort. Eine noch bessere Ausstattung helfe bei der Ausbildung von Fach- und Führungskräften. In wenigen Wochen soll das Baufeld vorbereitet werden. Dann sperrt die Hochschule den Großparkplatz vor dem Zentralgebäude. Der Wegfall von 116 Stellplätzen wird für eine Übergangszeit an der Rüdesheimer Straße vor und gegenüber der Villa Monrepos durch 123 zusätzliche Stellplätze kompensiert werden. Mit dem Bau eines neuen Parkplatzes an der Falterstraße westlich des Feldfrucht- und Außenlabors des Instituts für Obstbau werden bis 2023 rund 140 Stellplätzen fertig. Damit könne die im Verkehrskonzept geforderte Anzahl an Stellplätzen bereitgestellt werden. Langfristig plant die Hochschule einen weiteren Parkplatz auf ihrem Areal, doch das ist noch Zukunftsmusik.

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Für den März nächsten Jahres wird der symbolische erste Spatenstich für das Praktikumsgebäude Lebensmittelsicherheit erwartet. Danach erst soll der Hochbau der weiteren Gebäude folgen. Die Anwohner wurden schon unterrichtet, denn sie müssen einige Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen. Die Von-Lade-Straße muss während der Verlegung einer Trafostation südlich der Falterstraße für die Dauer von knapp vier Wochen halbseitig gesperrt werden. Den Verkehr regelt eine Ampel.

Das neue Jahr beginnt mit dem Abbruch der alten Schlosserei und des ehemaligen Chemielabors entlang der Falterstraße. Dazu wird zunächst eine Lärm- und Staubschutzwand aufgestellt. Zudem muss die Falterstraße bis Ende Februar gesperrt werden. Hochschulpräsident Schultz ist aber nicht nur mit dem Bauprogramm und seinen vielen Nebenaspekten vollauf beschäftigt. Gerade erst hat er auf Wunsch des Wissenschaftsministeriums ein umfassendes Strategiepapier erstellt, das den Weg von Hessens jüngster Hochschule in den kommenden fünf bis zehn Jahren beschreibt.

Das Ziel ist in dem Papier klar umrissen: Geisenheim will nicht nur beim Thema Wein und Getränke seine internationale Anerkennung bewahren, sondern sich zu einer anerkannten und führenden Institution auf den Feldern Gartenbau und Landschaftsarchitektur entwickeln. Auch dazu soll eine moderne Infrastruktur den Weg bereiten.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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