Neue Rheinbrücke und Radwege

Mehr Wunschzettel als Plan

Von Oliver Bock
24.11.2020
, 11:32
Eine neue Rheinbrücke, ein ausgedehntes Radwegenetz: Dinge, die im neuen Mobilitätsleitbild des Rheingau-Taunus-Kreises stehen. Chancen auf Realisierung haben sie vorerst kaum.

Mehr als 180.000 Bürger leben im Rheingau-Taunus-Kreis, verteilt auf 115 kleine und größere Ortschaften. Jeder Bürger auch aus dem kleinsten Dorf soll die Möglichkeit haben, an Werktagen in der Zeit von 6 bis 22 Uhr innerhalb einer Stunde ins nächstgelegene Mittelzentrum zu gelangen, ohne dafür ein Auto nutzen zu müssen. Das gehört zum flächendeckenden Mobilitätsangebot, das der Kreistag für den 811 Quadratkilometer großen Flächenkreis beschlossen hat. Doch ein Beschluss ersetzt noch keine Buslinie, verlegt noch keine Bahngleise, baut noch keine neuen Radwege und erhöht auch nicht die Leistungsfähigkeit des Straßennetzes.

Dazu bedarf es konkreter Maßnahmen und Projekte, die das neue Mobilitätsleitbild des Rheingau-Taunus-Kreises beschreibt. Insgesamt listet es 80 Maßnahmen auf. Das Leitbild entspricht einem Wunschzettel, denn erfüllen kann sich der Landkreis nur ganz wenige dieser Wünsche, und dass bis zum Zielhorizont 2030 die Wunschliste abgearbeitet sein wird, ist wenig wahrscheinlich. Allein schon deshalb, weil viele Wünsche nicht nur viel Geld erfordern, das der Kreis nicht hat, sondern lange Planungs- und Genehmigungszeiträume voraussetzen. Ein Beispiel ist der Bau einer weiteren Rheinbrücke zwischen Wiesbaden und Koblenz, die vom Kreis für notwendig gehalten wird. Doch weder in Wiesbaden noch bei Rüdesheim oder im Mittelrheintal bei St. Goarshausen nehmen die Brückenpläne Konturen an.

Wenig erstaunlich ist, dass das Mobilitätsleitbild dem Straßennetz eine „gute Erreichbarkeit der Mittelzentren und des Oberzentrums Wiesbaden“ bescheinigt, auch wenn es staugefährdete Engstellen gibt. Ganz anders das Bild bei der Schiene, denn die Anbindung des Aartals an das Schienennetz fehlt, obwohl aus Expertensicht die Zahl von rund 10 000 Pendlern nach Wiesbaden in seiner Höhe dem Pendlerstrom aus dem Rheingau mit seiner guten Schienenanbindung entspricht. Für das Mittelzentrum Idstein halten die Fachleute einen Anschluss an die S-Bahnlinie 2 für vielversprechend.

Reaktivierung der Aartalbahn lässt auf sich warten

Als besonders dringend gilt beim Bahnverkehr neben dieser S-Bahn-Verlängerung die Reaktivierung der Aartalbahn von Wiesbaden nach Diez, die aber noch viele Jahre auf sich warten lassen wird – wenn sie überhaupt einen volkswirtschaftlich nachgewiesenen Nutzen haben wird. Zu den weiteren Wünschen gehören barrierefreie Bahnhöfe, eine Taktverdichtung auf der Bahnlinie 10 in den Rheingau (30-Minuten-Takt) und die Beseitigung des Rüdesheimer Bahnübergangs. Letztere wird ist nach jüngsten Nachrichten von Hessen Mobil vor Beginn der Bundesgartenschau 2029 nicht realistisch. Eine Alternativtrasse für den Güterverkehr im Mittelrheintal ist eine Aufgabe für Generationen.

Beim Busverkehr halten die Fachleute barrierefreie Bushaltestellen, dichtere Taktfolgen und attraktive Angebote wie ein 365-Euro- oder Jobticket für notwendig. Dringlich, aber von einer Realisierung weit entfernt sind die ersehnten Umgehungsstraßen für Waldems-Esch, Idstein-Eschenhahn, Schlangenbad-Wambach, Eltville-Martinsthal und Bad Schwalbach.

Wie schwierig Fortschritte bei der Mobilität im ländlichen Raum sind, zeigen die Radwege. Geht es nach den Verkehrsexperten, stehen die Schließung von Lücken im Radwegenetz, der Bau von Radschnellverbindungen aus allen drei Kreisteilen nach Wiesbaden und mehr sichere Abstellmöglichkeiten an vorderer Stelle. Zudem sollten Radwege bei allen Umbaumaßnahmen von Straßen berücksichtigt werden. Doch Landrat Frank Kilian (parteilos) gibt zu, dass das aktuelle Kreisstraßensanierungsprogramm keineswegs zur Folge hat, dass immer dort, wo eine Kreisstraße grundhaft saniert wird, auch ein neuer Radweg entsteht.

Fortschritte bei der Mobilität in der Provinz

Allerdings gibt es einige Wünsche, die sich schnell und sogar kostengünstig erfüllen lassen wie der Bau überdachter Fahrradständer an weiterführenden Schulen. Zügig organisierbar wären Veränderungen im Liniennetz der Busse, doch die Kosten erreichen schnell Millionenhöhe. Das bedarf einer politischen Abwägung.

Für die Kreispolitiker geht es darum, das Wünschenswerte vom Möglichen zu trennen und trotz begrenztem Budget Fortschritte bei der Mobilität in der Provinz zu erreichen. Beim Blick in den Kreishaushalt relativieren sich die Wünsche von mehr als 1100 Bürgern, die dem Kreis kundgetan haben, welche Maßnahmen sie für vorrangig halten. Landrat Kilian hält ein kreisweites Radwegenetz für geboten, weil die starke Verbreitung des Elektrofahrrads dazu geführt hat, dass selbst ein topographisch schwieriger Landkreis für jene Radfahrer zunehmend attraktiv ist, die von Elektromotoren in ihrem Bewegungsdrang unterstützt werden.

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Das gescheiterte Projekt wird 3,7 Millionen Euro kosten

Die in Wiesbaden gescheiterte Citybahn ist in dem 300 Seiten starken Konzept nach wie vor enthalten, weil eine direkte Schienenanbindung des Untertaunus notwendig sei, um Berufs- und Freizeitpendlern die Fahrt nach Wiesbaden zu ermöglichen. Insgesamt wird das gescheiterte Verkehrsprojekt den Landkreis rund 3,7 Millionen Euro kosten. Landrat Kilian geht davon aus, dass das Land einen Teil der bisherigen Planungskosten übernimmt, weil den Kreis keine Verantwortung am Scheitern trifft.

Dennoch kommen auf den Kreis anteilig noch weitere Abwicklungskosten zu, die Landrat Kilian nicht abschließend beziffern kann. Allerdings seien mit Blick auf eine mögliche Reaktivierung der Aartalbahn nicht alle Ausgaben für Untersuchungen an der Strecke verloren, sondern könnten genutzt werden. Kilians Vorlage an den Kreistag schlägt vor, eine erste Machbarkeitsstudie für eine Aar-Taunus-Ringbahn unter Einbeziehung der Aartalstrecke und der Ländchesbahn in Auftrag zu geben, um herauszufinden, ob der Nutzen-Kosten-Faktor eine Förderung durch Bund und Land möglich macht. Bislang war das für die Reaktivierung der Aartalbahn nicht der Fall.

Laut Kilian hat sich die Rechengrundlage durch die Aussicht auf Brennstoffzellenzüge, die eine teure Elektrifizierung der Strecke überflüssig machen, verändert. Zudem lasse eine Gesetzesänderung eine Einzelfallentscheidung zur Förderung selbst dann zu, wenn der Nutzen-Kosten-Faktor unter dem Schwellenwert von „eins“ bleibe.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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