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Prozess gegen Sektenführerin

Der qualvolle Tod eines Jungen

Von Luise Glaser-Lotz
 - 08:23
Qualvoller Tod: Ein kleiner Junger starb eingeschnürt in einen Sack.

Das Opfer, um das es geht, wäre längst erwachsen, hätte vielleicht eine Familie und sicherlich einen Beruf. Doch der kleine Jan H., gerade einmal vier Jahre alt, starb vor mehr als 30 Jahren qualvoll auf dem Boden eines Badezimmers in Hanau-Kesselstadt. Dafür verantwortlich sein soll die heute 72 Jahre alte Sylvia D., mutmaßliche Anführerin einer dubiosen Sekte, die Menschen ausgenutzt und Kinder gequält haben soll. Im Jahr 2015 hatte die Staatsanwaltschaft Hanau den Fall wieder aufgerollt, nachdem neue Vorwürfe gegen die Sekte bekannt geworden waren. Im September 2017 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes. Das Landgericht Hanau folgte bei seiner Prüfung des Antrags der Einschätzung von Staatsanwalt Dominik Mies und ließ im Frühjahr die Anklage wegen Mordes zu, weil der hinreichende Verdacht dafür gegeben sei. Hätte das Gericht einen Totschlag erkannt, wäre die Tat verjährt gewesen und Sylvia D. wäre nicht belangt worden.

Am Dienstag beginnt nun um 9 Uhr im Hanauer Landgericht der Prozess, in dessen Verlauf das Geschehen am 17. August 1988 aufgerollt werden soll und vermutlich auch die ausbeuterischen Methoden der Sektenführerin und ihres verstorbenen Mannes, eines ehemaligen Pastors, beleuchtet werden.

In einen Leinensack eingeschnürt

Bei der Tötung des kleinen Jungen geht das Gericht von einer vorsätzlichen Tat aus. Zwölf Verhandlungstermine hat das Gericht bis zum 13. Januar angesetzt. Wie es in der Anklage heißt, wird der Frau vorgeworfen, in den Mittagsstunden des 17.August 1988 den Vierjährigen, der in ihrer Obhut stand, vollständig in einen Leinensack eingeschnürt und im Badezimmer abgelegt zu haben. Die Angeklagte soll das Kind als „vom Dunklen besessen“ angesehen haben und habe es deshalb töten wollen. Trotz einer Außentemperatur von 32 Grad soll sie gezielt die Luftzufuhr des Raumes verringert und den im Leinensack eingeschnürten, panisch und laut schreienden Jungen in dem Badezimmer seinem Schicksal überlassen haben. Kurze Zeit später, so der Vorwurf, sei der Vierjährige, wie von der Angeklagten „geplant und beabsichtigt“, nach einem erbitterten Todeskampf gestorben.

Für die Verhandlung ist mit erheblichem öffentlichem Interesse zu rechnen, weil der Fall in den vergangenen vier Jahren erhebliches Aufsehen erregte. So wurde die auf dem Kesselstädter Friedhof begrabene Leiche von Jan H. im Juli 2017 exhumiert. Von einer Untersuchung der wenigen sterblichen Überreste durch die Rechtsmedizin erhofften sich die Ermittler Hinweise auf die Todesursache des Kindes. Nach seinem Tod im Jahr 1988 hatte ein Notarzt festgestellt, der Knabe sei an seinem Erbrochenen erstickt. Eine Obduktion der Leiche wurde damals nicht veranlasst, die Rede war von einem Unfall. An dieser Version bestehen heute Zweifel. Ob etwas und was bei der Untersuchung herausgekommen ist, wird vermutlich im Lauf des Prozesses zu erfahren sein. Wie bisher unter anderem durch Aussagen von Zeugen und früheren Mitgliedern bekannt wurde, musste der Pastor wegen seiner radikalen Ansichten den Kirchendienst quittieren, worauf er die Sekte gegründet haben soll. Sie zählte wahrscheinlich um die 30 Mitglieder. Das Ehepaar begründete zudem ein Medienunternehmen in Hanau, in dem die Mitarbeiter ausgebeutet worden sein sollen.

Sekten-Aussteiger berichten

Die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft hatten im Jahr 2015 vor allem die öffentlich geäußerten Vorwürfe eines ehemaligen Mitarbeiters des Medienunternehmens geweckt. Der Mann berichtete von dem grausamen Tod des kleinen Jungen und von der schlimmen Behandlung von Kindern, die von dem Ehepaar zur Pflege angenommen worden waren. Auch andere Aussteiger aus der Sekte sprachen vor Fernsehkameras von den bedrückenden Zuständen.

Das noch existierende Medienunternehmen Aeon hat unterdessen in einer öffentlichen Stellungnahme Stellung zu den Vorwürfen rund um die Sekte genommen. Es spricht von einer mit falschen Behauptungen geführten Kampagne, die schwerwiegende Vorwürfe gegen die Frau des Gründers von Aeon aufwerfe. Laut Aeon ist die Angeklagte heute „nicht am aktiven Geschäft des Unternehmens“ beteiligt. Die zur Anklage stehenden Vorgänge aus dem Jahr 1988 würden „von einzelnen Medienvertretern“ immer wieder mit der Firma Aeon verwoben. Das heutige Unternehmen Aeon, dessen Rechtsvorgänger erst im Jahr 1989 gegründet worden sei, sei nicht beschuldigt und von dem Verfahren unberührt. Die Geschäftsführung verwahre sich gegen die Vorwürfe, ihre Mitarbeiter seien Mitglieder einer Sekte. Aeon sei ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, religiöse Aspekte seien Privatsache der Mitarbeiter.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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