Obertshausen

Pazifisten mit Sturmgewehren

Von Philip Eppelsheim und Roman Weigand
12.02.2006
, 19:43
Die Waffe gezückt und Schuß
Mit dem Gewehr im Anschlag wartet er auf sein Ziel. Dann drückt er ab, die Salve erwischt den Gegner: tot. Als Soldaten verkleidet, spielen die Mitglieder des Soft-Air-Clubs Frankfurt im Wald Krieg.

Er wartet, hat das Gewehr im Anschlag, läßt sie näher kommen, zielt. Dann drückt er ab, die Salve erwischt die Gegner unvorbereitet, einer wird an der Brust getroffen: tot. Die anderen schaffen es, hinter die Bäume zu springen. Der gehetzte Atem, die hastigen Schritte - Geräusche, die untergehen im Hagel der Einschläge, im steten Mündungsfeuer, im Geratter der Vollautomatik. Nachladen, jede Sekunde zuviel kann das Ende bedeuten, überall Feinde, hinter jedem Gebüsch können sie lauern, bereit, den Abzug zu betätigen.

Er ist 17 Jahre alt, Gymnasiast, der Sohn eines Arztes und einer Soziologin. Einmal in der Woche macht er Aikido, eine Selbstverteidigungssportart. Er hört gerne die „Ärzte“ und „Placebo“ und hat ein „Faible für Geschichte“. Wie viele Jungen in seinem Alter ist er fasziniert von Computern. Erste Websites hat er schon gebaut, und Internetspiele haben es ihm auch angetan. „Strategie“, wie er meint. Zudem ist er politisch engagiert. Seine Partei ist die FDP.

Frei verkäufliches Spielzeug

„Ich bin Pazifist“, sagt er, doch nun ist er Soldat: Sein Name ist Magadan, wie die Stadt in Sibirien, das ehemalige Zwangsarbeiterlager in der Stalin-Zeit, wie der Militärhafen, der seit dem Ende des Kalten Kriegs allmählich an Bedeutung verliert. Doch das weiß er nicht, er findet einfach den Namen schön, hat ihn mal im Fernsehen gehört, und deshalb heißt Johannes nun Magadan. Seine Waffe ist ein Sturmgewehr M4, jedenfalls sieht es so aus. Selbst ein Experte könnte aus zwei Metern Entfernung kaum sagen, ob er es hier mit einem echten Gewehr zu tun hat, Beamte im Einsatz schon gar nicht. Das ist die Gefahr bei Soft-Air-Waffen wie bei der von Magadan.

Auf dem Weg zum Kriegsspiel
Auf dem Weg zum Kriegsspiel Bild: Falk Orth

Sie ähneln ihren Vorbildern bis ins Detail. Kleine Plastikkugeln werden mittels einer Feder verschossen. Seit der Neufassung des deutschen Waffengesetzes im April 2003, die einen sogenannten kleinen Waffenschein für Schreckschuß- und Gasdruckpistolen vorsieht, erfreuen sich die „Spielgeräte“ zunehmender Beliebtheit. Haben die Nachbildungen eine Schußenergie von weniger als 0,08 Joule, sind sie frei verkäufliches Spielzeug. Selbst kleine Kinder dürfen sie mit sich herumtragen, wohin sie wollen. Käufer von Modellen mit bis zu 0,5 Joule müssen 14 Jahre sein.

Magadan hat vor anderthalb Jahren den Soft-Air-Club Frankfurt gegründet. Seitdem haben sich immer mehr Gleichgesinnte über das Internet gefunden, um in der Ruhe des Waldes und abseits der Wege ihre Kriegsspiele zu veranstalten. Dann sind sie nicht mehr die braven Schüler, sondern Nightslayer, Antrax Beta, Wollcke und Wudimann. Nicht zu vergessen das kleinste Mitglied im Club. Die anderen nennen ihn den „laufenden Meter“.

„Capture the flag“

16 Jahre alt will er sein. Sonst dürfte er auch nicht mitspielen. Denn dieses Alter ist Bedingung im Club. An diesem Samstag muß er sich zum ersten Mal bewähren, hier zwischen Birken, Kiefern, Gestrüpp und ausgehobenen Schützengräben, irgendwo in der Nähe der S-Bahn-Station Waldhof, in einem Niemandsland, in das sich höchstens der eine oder andere Spaziergänger verirrt, um auf den Wegen die Natur zu genießen. Die Jungs hingegen brechen ins Dickicht, immer tiefer in den Wald. Sie haben ihre Rucksäcke geschultert, auf einem steht „Gegen Nazis“. Längliche Gegenstände ragen aus den Taschen. Es sind die mit Plastiktüten umwickelten Gewehrläufe.

Auch Tarnkleidung und Munition haben sie eingepackt. Plastikkugeln liegen verstreut auf dem Boden, immer mehr, je näher die Truppe ihrem Basislager am Rand einer kleinen Lichtung kommt. Hier verwandeln sie sich. Magadan legt „Schweizer Tarn“ an. Mit den roten und weißen Flecken auf Jacke und Hose hebt er sich deutlich von den anderen ab. Der hagere Schüler mit dem ein paar Nummern zu großen Militär-Outfit ist hier der Wortführer. Sein blondes, schulterlanges Haar verschwindet unter der Sturmhaube. Wudimann bindet sich ein Pistolenhalfter ums Bein, die „Back-up-Waffe“, falls das Gewehr ihn im Stich lassen sollte.

Nightslayer schraubt ein Zielfernrohr auf seine Maschinenpistole, im Original eine MP5, wie sie die Männer des Spezialeinsatzkommandos benutzen. 200 Euro hat er dafür ausgegeben. Noch das Schulterstück montieren, die Magazine laden und einige Probeschüsse abfeuern. „Save the president“ und „Capture the flag“ heißen die Spiele. Der Verlauf ist immer gleich - Waffe gezückt und Schuß.

Tödliches Mißverständnis

So sieht es jedenfalls auf den ersten Blick aus. Die Jungs sagen, es komme auf Taktik und Strategie an. Nicht das Schießen auf Menschen steht für sie im Vordergrund, sondern der Sport in freier Natur. „Wenn wir nur schießen wollten, könnten wir auch Ego-Shooter am Computer spielen.“ Ihre Waffen betrachten sie als reine Sportgeräte. Sie benutzen solche mit einer Schußleistung unter 0,5 Joule. Mit Skibrillen schützen sie ihre Augen. Denn dort könnten sie durch die Kugeln erheblich verletzt werden. Nur für Sportzwecke auf dafür vorgesehenen Arealen wollen sie die Gewehre einsetzen.

Die Polizei möchte sich auf solche Beteuerungen nicht verlassen. Sie befürchtet, daß derartige Waffen auch auf Beamte gerichtet werden. „In so einer Lage kann niemand beurteilen, ob es sich um eine Soft-Air-Pistole oder eine echte handelt“, sagt Manfred Feist, Pressesprecher der Frankfurter Polizei. Jederzeit könnte es zu einem tödlichen Mißverständnis kommen, zumal sich immer mehr Soft-Airs in deutschen Kinderzimmern finden.

Im vergangenen Jahr haben zwei Frankfurter Jugendliche aus einem Fenster heraus auf einen Bauarbeiter geschossen. Passanten hielten die Waffe für ein Sturmgewehr und riefen die Polizei. Nur deren Einsicht war es zu verdanken, daß die Jungen nicht angeschossen wurden. Die Gefahr der Verwechslung mit tragischen Folgen sei stets gegeben, so Feist. Daher müsse wenigstens das Aussehen dieser Waffen so verändert werden, daß sie als Spielzeug zu erkennen seien.

„Wir sind keine Paramilitärs“

„Ich würde nie mit einer der Waffen in die Schule gehen oder durch die Stadt“, sagt auch Magadan. Er sucht die Tiefe des Waldes, um niemanden zu erschrecken und sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Früher haben sie auch im Stadtwald gespielt, doch dort „war einfach zuviel los“. Genehmigt ist ihr Treiben nicht. Die städtischen Behörden wissen nichts von den Kriegsspielen, und das ist für Magadan und seine Mitstreiter auch gut so. Peter Voss vom Frankfurter Ordnungsamt ist zuständig für Waffenangelegenheiten. Er sagt, daß bei Bekanntwerden eines solchen Spieles sofort das Amt oder die Polizei einschreite. Das Kriegsspielen sei das Nachahmen eines Tötungsakts. Allerdings: „Von solchen militärisch angehauchten Tätigkeiten erfahren wir meist erst hinterher.“

Militärisch angehaucht? Das sehen die jugendlichen Kämpfer anders. „Wir sind keine Paramilitärs“, sagen sie einstimmig. Mit Waffenfanatikern hätten sie nichts zu tun, und solche Leute würden sie auch nicht in ihren Club aufnehmen. Schützenvereine seien doch viel suspekter als sie selbst, dort seien die bedenklichen Gestalten, dort übe man mit scharfen Waffen.

Dann schultern sie ihre Sturmgewehre und füllen die Magazine ihrer Pistolen nach. Die fünf getarnten Gestalten verschwinden hinter den Bäumen, kurz darauf ertönt wieder das Stakkato der automatischen Waffen. „Magadan ist raus“, ruft der Schütze. Wollcke fügt lachend hinzu: „Wäre das eine Echte gewesen, dann wärst du jetzt tot.“ Doch es ist ja eine Soft-Air, und die Jungs sind Pazifisten mit Sturmgewehren.

Quelle: F.A.Z., 13.02.2006
Autorenporträt / Eppelsheim, Philip
Philip Eppelsheim
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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