Staatssekretärin im Interview

„Offenbach hat klug reagiert“

Von Marie Lisa Kehler und Helmut Schwan
Aktualisiert am 15.08.2020
 - 11:00
Die Sozialpädagogin ist seit Anfang 2019 Staatssekretärin im hessischen Sozialministerium.
Die Staatssekretärin Anne Janz (Die Grünen) spricht im Interview über den Umgang Hessens mit einer zweiten Corona-Welle,Tests und der Maskenpflicht an Schulen.

Sind wir in Hessen schon in der befürchteten zweiten Infektionswelle?

Klar definierte Kriterien gibt es dafür natürlich nicht. Welle heißt aus meiner Sicht: Wir haben einen Anstieg von Fällen, der nicht nur punktuell, sondern gleichbleibend auf hohem Niveau ist, und zwar landes- oder sogar bundesweit. Das Stichwort zweite Welle kam ja vor allem aus Ländern wie Israel, Amerika oder jetzt Spanien, wo man dachte, man habe die Pandemie bewältigt. In Barcelona müssen nun sogar wieder Ausgangssperren verhängt werden. Das alles wollen wir in Hessen vermeiden. Deshalb beobachten wir die Entwicklung sehr intensiv, um schnell reagieren zu können. Wir wissen mittlerweile, wie gefährlich das Virus ist und wie es sich verbreitet. Dies zu betonen und die Verbreitung zu minimieren, das ist uns wichtigster Job.

Lässt sich sagen, dass ein großer Teil des Anstiegs durch Urlaubsrückkehrer verursacht wurde?

Das kann man derzeit gar nicht so genau eingrenzen. Zwar gibt es am Frankfurter Flughafen, der internationalen Grenze in Hessen, ein Testcenter. Nach den bisherigen Erkenntnissen sind es vor allem Einreisende aus der Türkei und dem Kosovo, bei denen Tests in relativ großer Zahl positiv ausfallen.

In welcher Dimension?

Zwischen ein und zwei Prozent.

Welche anderen großen Infektionsherde gibt es noch?

Jene, die schon immer als kritisch gesehen wurden: Hochzeiten, große Familienfeiern, Partys, Ansammlungen in Parks. Andererseits nimmt glücklicherweise die Zahl der Infektionen in Alten- und Pflegeheimen ab. Das haben wir gut in den Griff bekommen.

Worauf führen Sie das zurück?

Wo die Hygieneempfehlungen beachtet werden, funktionieren sie.

Gibt es Planungen in Hessen, die Sanktionen bei Verstößen gegen geltende Corona-Regeln zu verschärfen, um die abschreckende Wirkung zu verstärken?

Abschrecken wollen wir nicht, wir wollen die Bürger an die Sorgfaltspflicht in ihrem eigenen Interesse, im Interesse der Allgemeinheit und auf die Eigenverantwortung hinweisen. Deswegen hat das Corona-Kabinett beschlossen, gerade in Bussen und Bahnen mehr zu kontrollieren und die Bußgelder auch direkt zu verhängen. Als Signal gewissermaßen: Das Virus ist immer noch gefährlich.

Können Sie denn in Bussen und Bahnen überhaupt Infektionen nachverfolgen?

Nein, das ist im öffentlichen Personennahverkehr kaum möglich – es gibt keine personalisierten Tickets. Umso wichtiger, dass man sich und andere durch die Maske schützt, weil der Abstand oft nicht einzuhalten ist. Das ist für die meist kurzen Fahrten zumutbar.

Reicht das hessische Konzept mit der Fokussierung auf lokales Infektionsgeschehen aus?

In der vergangenen Woche hatten wir zwei Kreise in der Stufe weiß und gelb (ab 20 Infizierten je 100.000 Einwohner binnen einer Woche) und die Stadt Offenbach in der Warnstufe Orange (ab 35). Das rollte an, wir waren gewappnet. Die Stadt Offenbach hat selbst sehr klug reagiert und das sehr gut hinbekommen, insbesondere was die Nachverfolgung von Kontaktpersonen anbelangt. Es wurde kontrolliert, dass im öffentlichen Nahverkehr der Mund-Nase-Schutz getragen wird, gewisse öffentliche Einrichtungen wurden gesperrt, es wurde mit Plakaten informiert und, und, und. Die Verantwortlichen haben es damit geschafft, die Zahl der Neuinfektionen wieder in Dimensionen zu bringen, die beherrschbar sind. An diesem Beispiel gemessen, sage ich, das Konzept hat sich bewährt.

Wird die Zahl der Neuinfektionen in Hessen weiter steigen?

Offenbach war ein punktuelles Geschehen. Natürlich ist mit der Rückkehr aus dem Urlaub und der Zunahme von Feiern die Gefahr gestiegen, dass Infektionen weitergetragen werden. Derzeit aber haben wir die Infektionsketten im Griff. Wenn dieser Damm irgendwo bricht, dann könnte es zu einer zweiten Welle kommen. Die AHA-Regeln – Abstand wahren, Hygiene beachten, Alltagsmasken tragen – werden uns auch die nächsten Monate, wenn nicht gar Jahre begleiten, so bitter das ist.

Für wie sinnvoll halten Sie die einmalige Testung, die derzeit vor allem am Flughafen praktiziert wird? Sie würde ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, die gar nicht besteht, lautet die Kritik.

Ich wage nicht, dem Bundesgesundheitsminister zu widersprechen (lacht). Der Bund hat die Tests, die unabhängig von Symptomen für alle Rückkehrenden aus Risikogebieten durchgeführt werden, veranlasst, er bezahlt die Laborkosten ja auch. Der Test ist für Reisende aus Risikogebieten verpflichtend, und mit einem negativen Testergebnis kann die Zeit der Quarantäne verkürzt werden, die sonst 14 Tage dauert. Es stimmt, ein einmaliger Test gibt noch keine hundertprozentige Sicherheit, weil das Virus kurz nach einer Infektion aufgrund der Inkubationszeit noch nicht ganz zuverlässig nachzuweisen ist. Aber wenn solche weiteren Gefährdungen erkannt werden, ist es die Aufgabe der lokalen Gesundheitsämter zu testen und Infektionsherde zu lokalisieren.

Schüler sollen auf dem Weg ins Gebäude und in der Pause Maske tragen, im Unterricht nicht. Basiert das auf der Vermutung, dass die Infektionsgefahr bei Kindern und Jugendlichen nicht zu hoch sei?

Nein, darauf beruht es nicht. Dazu haben wir zwar Studien in Auftrag gegeben, aber noch keine gesicherten Erkenntnisse. Der Hintergrund ist vielmehr, dass inzwischen alle Schulen Hygienekonzepte haben. Sie sind aufgefordert, Kohorten, das meint möglichst geschlossene Gruppen für den Unterricht und für den Aufenthalt in den Pausen, zu bilden. Damit man im Falle einer Infektion möglichst gut die Kontakte eingrenzen kann. Im Regelbetrieb wird das nicht einfach, dessen sind wir uns bewusst.

Woran könnte das scheitern?

Ich war früher Schuldezernentin in Kassel, mir ist klar, dass längst nicht alle Gebäude dafür ausgerichtet sind, regelmäßig gut zu lüften. Auch deswegen haben wir eine Maskenpflicht auf dem Weg ins Gebäude, auf den Gängen bis zum Klassenraum und während der Pause angeordnet. Allerdings nicht in der Klasse, wo sie sich in überschaubaren Gruppen aufhalten. Es ist Kindern ab der Klasse 5 einfach nicht zuzumuten, von Anfang bis Ende des Schultags eine Maske zu tragen. Falls es zu Ausbrüchen der Infektionen oder sogar regelrechten Hotspots kommt, können die Schulen in einzelnen Klassen oder insgesamt für eine gewisse Zeit anordnen, Masken auch im Unterricht zu tragen. Aber das soll möglichst den Umständen angepasst sein.

Das heißt?

Zum Beispiel, wenn in einem Altenheim Infektionen gemeldet werden, muss nicht in den Schulen des Ortes eine umfassende Maskenpflicht verordnet werden.

Bis mindestens Ende Oktober werden in Fußballstadien voraussichtlich keine Fans, zumindest nicht in großer Zahl, dürfen. Gilt das auch für Hessen?

Das Votum der Gesundheitsminister war einstimmig, das heißt, auch Hessen trägt das mit. Möglicherweise ergeben sich, je nach Entwicklung, bis dahin noch Änderungen. Vor allem die Schwierigkeiten, Sicherheitsvorkehrungen trotz eines Alkoholverbots bei der An- und Abreise einzuhalten, bereiten weiter Kopfzerbrechen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kehler, Marie-Lisa
Marie Lisa Kehler
Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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Helmut Schwan
Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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