Strategien gegen Nachwuchsmangel

Eine gute Arbeitsatmosphäre gegen die Ärzteflucht

Von Brigitte Roth
30.03.2008
, 20:01
Ungezählte deutsche Mediziner hat es schon nach England oder Skandinavien gezogen
Ärztestellen in Kliniken sind zunehmend schwer zu besetzen. Bisweilen müssen Kliniken sogar Headhunter einsetzen. Angesichts dessen hat der beim Bistum Limburg angesiedelte Arbeitskreis „Ethik in der Medizin“ den Ärztemangel zu seinem Hauptthema gemacht.
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Ärztestellen in Krankenhäusern sind zunehmend schwer zu besetzen – und zwar in allen Fachgebieten. Teilweise müssten sogenannte Headhunter eingesetzt werden, um Assistenzärzte zu finden, beklagt die Präsidentin der Landesärztekammer Hessen, Ursula Stüwe. In ländlichen Regionen blieben Stellen sogar oft unbesetzt. Angesichts dessen hat der beim Bistum Limburg angesiedelte Arbeitskreis „Ethik in der Medizin“ im Rhein-Main-Gebiet den Ärztemangel in diesem Jahr zu seinem Hauptthema gemacht. Bis zur traditionellen Tagung im Dezember soll die Lage analysiert, vor allem aber die Frage beantwortet werden: „Wie können wir die Ärzte halten?“

Unzufriedenheit mit der Vergütung ist ein Grund, warum Ärzte zunehmend ins Ausland abwandern oder eine andere Anstellung vorziehen, zum Beispiel in der Pharmaindustrie oder bei einer Krankenkasse. Am 3. und 4. April will die Ärztegewerkschaft Marburger Bund deshalb abermals in Wiesbaden für rund zehn Prozent mehr Lohn an kommunalen Kliniken kämpfen. Demonstrationen oder Streiks seien dieses Mal aber nicht geplant, teilt der stellvertretende Geschäftsführer des Marburger Bunds Hessen, Andreas Wagner, mit. Eine Gehaltserhöhung wäre nach seiner Ansicht ein erster Schritt, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und der Ärzteflucht zu begegnen.

2500 Euro netto als Grundgehalt

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Eine Assistenzärztin eines Frankfurter Krankenhauses, die ihren Namen nicht nennen möchte, gibt zu: „Ich würde sofort nach England, in die Schweiz oder nach Skandinavien gehen, wenn meine Familie nicht hier leben würde.“ Außerdem habe sie persönlich Glück mit ihrem Arbeitsumfeld. Doch 2500 Euro netto als Grundgehalt für einen allein stehenden Assistenzarzt nennt sie „unschön“. Sie selbst habe als verheiratete Frau „etwas mehr“ – doch gemessen an der Qualifikation, der hohen Verantwortung und der großen Belastung sei dieser Verdienst zu gering. Dass die Fünfunddreißigjährige ihren Beruf dennoch liebt und immer wieder wählen würde, begründet sie so: „Es ist schön, Patienten hilfreich zur Seite stehen zu können.“ Doch leider müsse ein Arzt immer mehr am Schreibtisch sitzen. Habe etwa für einen Reha-Antrag früher eine Din-A-4-Seite genügt, seien heute vier Seiten auszufüllen. Hinzu komme eine zunehmende Arbeitsverdichtung, da die Zahl der Assistenzärzte binnen fünf Jahren fast halbiert worden sei.

Ärzte, die Deutschland schon verlassen haben, loben unter anderem die bessere Arbeitsatmosphäre im Ausland. Zwar findet auch hierzulande allmählich ein Umdenken statt, doch Sprüche wie „Assistenzärzte sind wie Knorpel. Sie brauchen Bewegung und Druck“ oder „Sie haben am OP-Tisch Haken und Schnauze zu halten“ kommen eben nicht von ungefähr.

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Der Arbeitskreis „Ethik in der Medizin“, vor 20 Jahren gegründet von Franz Kamphaus, konzentriert sich deshalb auf eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für den ärztlichen Nachwuchs, wie der stellvertretende Vorsitzende des Kreises, Ulrich Finke, sagt. Als Chefarzt der Chirurgie am Sankt Katharinenkrankenhaus in Frankfurt legt Finke nach eigenen Worten großen Wert auf einen freundlichen und respektvollen Umgang miteinander. Außerdem müsse sich ein Klinikchef um die Ausbildung der jungen Kollegen kümmern und ihnen beispielsweise bei der Suche nach einem Platz für die Weiterbildung helfen. So sei es durch eine zunehmende Spezialisierung der Kliniken für einen angehenden Chirurgen oft schwierig, das für die Ausbildung geforderte Operationsspektrum zu erfüllen. Weiterbildungsberechtigte und Klinikchefs sollten deshalb in einem engen Austausch stehen – „Brückenschlag nach Draußen“ nennt Finke das.

Forderung: Ärzte von Bürokratie entlasten

Er weiß auch, dass viele junge Chirurgen hierzulande unzufrieden sind, weil sie nicht genügend operieren dürfen. „Sie müssen aber frühzeitig operieren“, sagt Finke und plädiert dafür, den Nachwuchs stufenweise an die handwerkliche Seite dieses Berufes heranzuführen. Liege ein Blinddarm beispielsweise kompliziert, so müsse der Erfahrene ihn freilegen, der junge Kollege nehme den Blinddarm dann heraus. Sein Motto sei nicht: „Alles oder nichts“. Ärzte von Bürokratie zu entlasten und Papierkram auf nicht-ärztliche Berufe zu verlagern, hält Finke ebenfalls für wichtig, um eine Beschäftigung im Krankenhaus wieder attraktiver zu machen. Schließlich müsse den Medizinern eine langfristige Anstellung und damit mehr Zukunftssicherheit geboten werden. In diesem Punkt ist Finke sehr zuversichtlich. Denn die Krankenhausverwaltungen folgten schon jetzt zunehmend dem Rat eines Chefarztes, guten Mitarbeitern dauerhafte Verträge anzubieten.

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Die Überlegungen der Theologen und Ärzte des Arbeitskreises sind wohltuend, ist es doch wenig hilfreich, über das allseits bekannte Desaster in der Gesundheitspolitik zu lamentieren. Es gibt genügend Dinge, die sich verändern lassen.

Quelle: F.A.Z.
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