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Familienmensch: Görken Kadir aus Offenbach sorgt sich nach dem Attentat weniger um seine eigene Sicherheit als um die seiner Angehörigen.
Familienmensch: Görken Kadir aus Offenbach sorgt sich nach dem Attentat weniger um seine eigene Sicherheit als um die seiner Angehörigen. Foto: Marcus Kaufhold

„Wir müssen darüber reden“

Familienmensch: Görken Kadir aus Offenbach sorgt sich nach dem Attentat weniger um seine eigene Sicherheit als um die seiner Angehörigen. Foto: Marcus Kaufhold

24.02.2020 · Nach der Bluttat in Hanau ist an eine Rückkehr in den Alltag nicht zu denken. Der Anschlag hat Spuren hinterlassen. Im Denken und Fühlen. Acht Menschen mit Migrationsgeschichte berichten.

Görken Kadir betreibt einen Frisör- und Barber-Shop an der Ludwigstraße im Offenbacher Nordend. Der Kurde ist vor sechs Jahren nach Offenbach gekommen und fühlt sich hier wohl, hat viele Freunde und Bekannte. Nach der Bluttat in der Nachbarstadt Hanau hat er keine Angst, wie er sagt. Dass auch er mit seinem Geschäft, in dem die meisten Kunden einen Migrationshintergrund haben, Ziel eines solchen Angriffs werden könnte, sei ihm schon klar. Zumal auf der anderen Straßenseite auch ein Kiosk und eine Bar sind, in denen sich Menschen aus dem Viertel mit hohem Ausländeranteil nach Feierabend treffen. Wenn jemand etwas vorhabe, könne man sowieso nicht viel tun, sagt Kadir eher gelassen. Die Angst um seine Familie treibt den jungen Familienvater trotzdem um. „Man macht sich schon Sorgen, wenn in diesen Tagen die Frau das Kind in den Kindergarten bringt.“ Deshalb würden die Kinder und Mütter zurzeit auch oft von mehreren Verwandten oder Freunden begleitet. jor.


„Man macht sich schon Sorgen, wenn in diesen Tagen die Frau das Kind in den Kindergarten bringt.“
GÖRKEN KADIR

Rassismuserfahrungen gehören für Nati Johannes zum Alltag. Und das, obwohl er schon seit 40 Jahren in Deutschland lebt. „Ich fühle mich mehr eritreisch als deutsch, obwohl ich hier lebe, seit ich sieben Jahre alt bin“, erzählt der Frankfurter. „Denn wenn ich sage, dass ich deutsch bin, dann schauen die Leute skeptisch aufgrund meiner Hautfarbe.“ Nur ein leichter Akzent verrät, das seine Muttersprache eine andere ist. Auf den Terroranschlag in Hanau reagiert er bestürzt und gleichzeitig gefasst. „Die Angst ist natürlich präsent in meinem Umfeld. Wir haben im Bekanntenkreis auch viel über das Thema und die Rassismus-Situation im Land diskutiert", sagt Johannes. Seiner Ansicht nach müssen Politiker verstärkt die positiven Aspekte der Migration hervorheben. Als Beispiel dafür nennt er die Aufrechterhaltung der deutschen Wirtschaft mit Migranten. Das Thema Einwanderung sei in Deutschland überwiegend negativ besetzt. Zu Unrecht, wie er meint. „Viele Menschen lassen sich beeinflussen von dem negativen Bild, das von Migranten häufig geschaffen wird. Trotzdem hätte ich nie erwartet, dass so etwas Schreckliches in Hanau passiert.“ lisi.


„Die Angst ist natürlich präsent in meinem Umfeld."
NATI JOHANNES

Offene Worte: Maneesorn Koldehofe, Leiterin einer Integrationseinrichtung
Offene Worte: Maneesorn Koldehofe, Leiterin einer Integrationseinrichtung Foto: Wolfgang Eilmes

Plötzlich ist da wieder dieses Gefühl. Das Infragestellen von dem, was so lange so klar erschien. „Gehörst du jetzt dazu oder gehörst du nicht dazu?“ Diese Gedanken gehen Maneesorn Koldehofe seit der Bluttat in Hanau nicht mehr aus dem Kopf. Koldehofe gehört zum Gründungsteam der Integrationseinrichtung „Milena“ in Frankfurt. Sie selbst wohnt in Hanau. „Was passiert ist, hinterlässt ein bedrückendes Gefühl. Vor allem, wenn du sichtbar Ausländer bist.“ Sie habe mit den Frauen und Mädchen, die in den Tagen nach der Tat die Integrationseinrichtung besuchten, bewusst über den Angriff in Hanau gesprochen. Es sei wichtig, die Ängste zu benennen, sagt die Siebenundvierzigjährige. Denn viel zu oft würden diese kleingeredet oder gar totgeschwiegen. Einige Schülerinnen hätten ihr berichtet, dass die Bluttat zu keinem Zeitpunkt im Schulunterricht Thema gewesen sei. Für Koldehofe ist das unverständlich. „Wir müssen darüber sprechen.“ Auch darüber, welche Gefühle eine solche Tat auslösen, welche Ängste, Sorgen und vielleicht auch Wut sie freisetzen kann. Koldehofe, die aus Laos stammt, weiß um die vielen Vorurteile, mit denen Menschen mit Migrationsgeschichte konfrontiert werden. „Damit haben wir täglich zu tun.“ Auf die unterschiedlichen Formen von Alltagsrassismus aufmerksam zu machen koste viel Kraft. Rassismus sei immer da, immer aktuell. Auch deshalb werde sie nie aufhören, darauf aufmerksam zu machen. Sie warnt: „Das Thema darf nicht in drei Monaten wieder vergessen sein.“ mali.


„Was passiert ist, hinterlässt ein bedrückendes Gefühl. Vor allem, wenn du sichtbar Ausländer bist.“
MANEESOM KOLDEHOFE

Die junge Muslima Meryem Balikci, die als Kassiererin in einem Offenbacher Supermarkt arbeitet, hat zwar nach den rassistischen Morden in der Nachbarstadt Hanau keine unmittelbare Angst, ist aber dennoch in Sorge. Die Frau, die perfekt deutsch spricht und gleichermaßen freundlich wie selbstbewusst wirkt, trägt ein Kopftuch. Sie ist also leicht als gläubige Muslima zu erkennen. Balikci sagt, sie sei selbst noch nicht unmittelbar rassistisch attackiert worden. Aber Berichte von Freunden und aus ihrem familiären Umfeld über immer offenere rechtsextreme und rassistische Beschimpfungen und Anwürfe hätten in letzter Zeit zugenommen. Man fühle sich in der jüngeren Vergangenheit insgesamt weniger sicher als früher – auch schon vor den dramatischen Ereignissen in der Nachbarstadt, resümiert sie. jor.


Olivia Sarma
Olivia Sarma Foto: Bildungsstätte Anne Frank

Olivia Sarma leitet die Beratungsstelle „Response“ in Frankfurt. Die Stelle, die der Bildungsstätte Anne Frank angeschlossen ist, bietet Opfern von rassistischer Gewalt schnell und unbürokratisch Hilfe an. Als sie am Donnerstag den Fernseher eingeschaltet und von der Bluttat erfahren habe, sei sie „entsetzt und fassungslos", gewesen. Richtig überrascht von dem Ausmaß rechtsextremistischer Gewalt in Hessen war sie nach eigenen Angaben allerdings nicht. „Ich frage mich nicht mehr, ob so etwas passieren kann, sondern nur noch, wann es passiert.“ Denn durch täglichen Beratungsgespräche mit Menschen, die wie sie einen Migrationshintergrund haben, weiß Sarma sehr genau, dass rassistische Zwischenfälle auch im Rhein-Main-Gebiet häufiger werden. „Ich sehe eine Verschiebung des öffentlichen Diskurses nach rechts“, sagt sie. Durch die AfD in den Parlamenten und Filterblasen in sozialen Netzwerken werden ihrer Meinung nach Täter zunehmend zu rassistischen Übergriffen ermutigt. Sie fordert deshalb ein stärkeres Problembewusstsein auf Seiten der Sicherheitsbehörden. Die Beratungsstelle werde in den nächsten Wochen vor allem für die Menschen in Hanau da sein, sollten sie nach dem Anschlag Hilfe benötigen, kündigt Sarma an. tiku.


„Ich frage mich nicht mehr, ob so etwas passieren kann, sondern nur noch, wann es passiert.“
OLIVIA SARMA

Arif Arslaner vom Verein für Kultur und Bildung
Arif Arslaner vom Verein für Kultur und Bildung Foto: Francois Klein

„Als Erstes war da ein großer Schock und Trauer“, berichtet Arif Arslaner, gebürtiger Türke und Geschäftsführer des Frankfurter Vereins für Kultur und Bildung. Er habe schon am Mittwochabend von dem Anschlag erfahren, habe die Nachrichten verfolgt, das Handy nicht aus den Augen gelassen. Viele seiner türkischen Freunde hätten ihm an diesem Abend geschrieben. Es habe ihn erschreckt, dass sich zunächst keiner seiner deutschen Bekannten zu der Tat geäußert habe. Erst später seien Reaktionen gekommen. Der Sechsundfünfzigjährige wünscht sich jetzt einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Nicht nur heute, sondern dauerhaft.“ Ein breites Bündnis für Migranten sei nötig, um deren Rechte zu verteidigen. Man müsse kein Muslim oder Jude sein, um die rechte Bedrohung zu verstehen, meint Arslaner. Zu häufig sei Rassismus von Polizei und anderen Stellen nicht ernst genug genommen worden. „Migranten sollen nicht das Gefühl haben, allein zu sein.“ Einen Wunsch hat er auch für die Berichterstattung über den Angriff: „Die, die da gestorben sind, waren Hanauer Kids, keine Migrantenkinder.“ tisc.


„Migranten sollen nicht das Gefühl haben, allein zu sein.“
ARIF ARSLANER

Nach Ansicht einer Frankfurter Ärztin mit ungarisch-rumänischen Wurzeln, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, handelte es sich bei dem Attentäter um einen psychisch Kranken mit rechtsextremem Hintergrund. Die Medizinerin glaubt nicht, dass die Schuld für die Tat ausschließlich in der politischen Haltung des Täters zu suchen ist. Rassismus habe viele Gesichter, sagt sie. Und manchmal erschrickt sie, weil sie darin ihr eigenes erkennt. Dann etwa, wenn das Personal, das eine Leihfirma zum Arbeiten ins Krankenhaus sende, kaum Deutsch spreche und sie durch die Kommunikationsschwierigkeiten Zeit verliere. An anderen Tagen fühle sie sich selbst als Opfer von Rassismus. So hätten sich beispielsweise ihre Vorgesetzten schon über ihren Akzent lustig gemacht. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationen sei eine Herausforderung, der man sich in Deutschland offensiver stellen müsse. Wie Integration gelingen solle, wenn die zahlreichen Analphabeten unter den Migranten kaum Sprachkurse wahrnehmen könnten, möchte sie von den Politikern wissen. Die Ärztin befürchtet, dass sich nach der Tat in Hanau viele Menschen mit Migrationshintergrund allein gelassen fühlen und künftig lieber unter sich bleiben statt sich zu integrieren. Das zu durchbrechen sei eine Herausforderung. Ihrer Meinung nach beginnt Rassismus im Kleinen, Alltäglichen. feak.


Antigone Akgün, Mitgründerin des Ayse X Staatstheaters
Antigone Akgün, Mitgründerin des Ayse X Staatstheaters Foto: Christian Schuller

Es sei wichtig, den Menschen zuzuhören, die von der Mehrheit unterdrückt würden, fordert die Studentin Antigone Akgün. Obwohl sie in Frankfurt aufgewachsen sei, werde sie immer wieder auf ihre guten Deutschkenntnisse angesprochen. Weil sie für manche Menschen eben nicht so aussehe, als beherrsche sie die Sprache. Dass sich rassistische Angriffe in der Vergangenheit gehäuft haben, ist ihrer Meinung nach eine Folge des strukturellen und alltäglichen Rassismus in der Gesellschaft. Dagegen müssten gemeinsam Strategien entwickelt werden, indem unter anderem über Verbrechen wie die NSU-Morde auch in Schulen aufgeklärt werde. Akgün hat sich auch schon vor der Tat in Hanau politisch engagiert. Sie hat besonders auf akademischer und kultureller Ebene gegen Rassismus und Diskriminierung gekämpft. Nach dem Anschlag in Hanau denkt sie nicht daran, leiser zu werden und ihr Engagement zurückzufahren. Im Gegenteil. feak.


Quelle: F.A.Z.

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