Tierplastiker August Gaul

Aus Liebe zu Löwen und Bären

Von Luise Glaser-Lotz
07.06.2021
, 18:50
Vor der Reise: Die Löwin, die in der Ausstellung zum 150. Geburtstag Gauls zu sehen war, ist derzeit in Bern.
Vor hundert Jahren starb der Tierplastiker August Gaul. Nicht nur in seiner Heimatstadt wird seiner gedacht, auch in Bern gibt es eine große Ausstellung, an der sich das Museum Großauheim mit Leihgaben beteiligt.

Der Bildhauer August Gaul gilt als der bedeutendste Tierplastiker der Moderne. Ihrem berühmten Sohn widmet die Stadt eine Abteilung im Museum des Stadtteils Großauheim, in dem Gaul im Jahr 1869 geboren wurde. Das Museum, das neben Relikten der Industrie- und Agrargeschichte Hanaus auch auf einer Etage Werke von Gaul zeigt, ist ein wenig abgelegen und hat begrenzte Öffnungszeiten, obwohl dort wahre Schätze des Meisters zu sehen sind. Nun bekommen zumindest vier bedeutende Werke von Gaul vorübergehend eine große Bühne, denn die Städtischen Museen Hanau überlassen dem Kunstmuseum Bern die Bronzeplastiken „Große stehende Löwin“, „Zwei sitzende junge Bären“, „Trompetender Elefant“ sowie ein Gipsmodell der Plastik „Ausschlagender Esel“ als Leihgabe.

Alle vier wurden Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen und gehören zum Bestand des Großauheimer Museums. Nach Bern gehen zudem Grafiken und Skizzenbücher des Künstlers. Die Stadt sei damit wichtiger Leihgeber einer der größten international beachteten Ausstellungen nach der Pandemiepause in Europa, stellen die Städtischen Museen fest. Mit der Ausstellung „August Gaul. Moderne Tiere“ vom 4. Juni bis 24. Oktober wolle das Berner Kunstmuseum, das neben Hanau und Leipzig eine der größten und wichtigsten Sammlungen des Tierplastikers besitzt, das Werk Gauls in seinem hundertsten Todesjahr unter einer kulturhistorischen Perspektive beleuchten und zudem das Verhältnis zwischen Mensch und Tier thematisieren.

Hanau sei stolz auf die Anfrage aus Bern. Mit den Leihgaben werde die internationale Bedeutung der Hanauer Sammlung deutlich, so dass neue Besucher ihren Weg in den Geburtsort Gauls finden könnten, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD).

Ehrenplatz für die Bronzelöwin

Das größte Objekt, die lebensgroße Löwin aus Bronze, zählt nicht nur künstlerisch zu den eindrucksvollsten Arbeiten Gauls in Hanau, sie besitzt für viele Großauheimer auch eine emotionale Komponente. Für eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag Gauls in der Sparkasse wurde die Löwin von der damaligen Stadt Großauheim mit Unterstützung des Landes Hessen und einer viel beachteten Spendenaktion von Bürgern aus dem Besitz der Berliner Industriellenfamilie Arnhold erworben. Zunächst stand die Skulptur auf dem Rochusplatz in Großauheim und danach im Parkgelände des Alten Friedhofs in direkter Nachbarschaft zum Museum.

Junge Bären (1903/04), Skulptur von August Gaul
Junge Bären (1903/04), Skulptur von August Gaul Bild: Michael Kretzer

Seit dem großen Museumsumbau im Jahr 2010 besitzt sie einen Ehrenplatz in der Gaul-Abteilung. Mit der großen Löwin gelang Gaul dem Museum zufolge der künstlerische Durchbruch bei der dritten Ausstellung der Berliner Sezession im Jahr 1901, deren Mitbegründer Gaul war. Sie sei damals „eine unerhörte Variante auf das Motiv des machtsymbolisch-imperial aufgeladenen männlichen Löwen“ gewesen, so die Städtischen Museen. Mit der Skulptur habe Gaul überdies eines der bedeutendsten plastischen Werke zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen und wegweisend auf die Bildhauerei der Moderne eingewirkt. In der Folge erhielt Gaul den Auftrag für einen monumentalen Steinlöwen in doppelter Lebensgröße, den er für den Verleger Rudolf Mosse anfertigte. Die Städtischen Museen Hanau stellen dazu dem Kunstmuseum Bern eine wandfüllende Abbildung zur Verfügung.

Laufender Urang-Utan (um 1895) von August Gaul
Laufender Urang-Utan (um 1895) von August Gaul Bild: Cornelia Sick

Die Entstehung der beiden sitzenden jungen Bären fällt den Städtischen Museen zufolge in die Wilhelminische Kaiserzeit um das Jahr 1900, als es vor allem in Berlin eine große Nachfrage nach monumentalen Brunnenanlagen gab. Hergestellt wurden die beiden jungen Bären, zu denen ursprünglich eine große Bärin auf einer Kugel gehörte, in den Jahren 1903 und 1904 als Unikat für einen Grottenbrunnen im Arkadengang am Kaufhaus Wertheim in Berlin-Mitte. Die Tiergruppe überstand unversehrt einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg. Während die große Bärin bis heute in Berlin blieb, kamen die kleinen Bären mit Unterstützung der Familie Gauls nach Großauheim, so die Museen.

Den trompetenden Elefanten fertigte Gaul wenig später als Modell für die Mittelfigur eines Brunnens am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg an. Der Entwurf wurde aber nicht ausgeführt. Erst nach Gauls Tod wurde das Modell des Elefanten in kleiner Stückzahl in Bronze gegossen, eines davon gelangte in die Hanauer Sammlung.

Kriegsgegner als Tierfigur

Tilla Durieux, Schauspielerin und Gattin des Galeristen und Verlegers Paul Cassirer, ließ der Familie Gaul den Esel „Fritze“ zukommen, den der Künstler im Jahr 1911 als Modell im Rahmen einer Serie von sechs Haltungsstudien des Esels anfertigte. Das Gipsmodell des ausschlagenden Esels erwarb die Stadt für das Museum.

Zu den Leihgaben aus Hanau zählen außerdem unter anderem Lithographien und Zeichnungen, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges von Gaul für die von Cassirer gegründete Zeitschrift Kriegszeit und Der Bildermann angefertigt wurden. Dabei stellte Gaul nach den Erläuterungen der Städtischen Museen die Kriegsgegner als symbolisierende Tierfiguren dar.

Die Berner Ausstellung wählte das Gaul-Zitat „Ich mache Tiere, weil es mich freut“ als Motto der Ausstellung. Sie thematisiert in sieben Kapiteln Aspekte des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier um die Zeit der Jahrhundertwende. Die Themen reichen von der Gründung zoologischer Gärten und Naturkundemuseen über die Einführung des Tieres in bürgerlichen Haushalten bis hin zu Tierschutz- und Vegetarier-Bewegungen sowie der Verhaltensforschung und Biotechnik von heute (www.kunstmuseumbern.ch).

Auch die Jubiläumsausstellung zum hundertfünfzigsten Geburtstag Gauls, die im Herbst 2019 im Museum Großauheim eröffnet wurde, trägt das Gaul-Zitat als Titel. Außerdem wurde in Großauheim ein Denkmal zu Ehren des Künstlers nach Entwurf des Aachener Bildhauers Matthias Kohn auf dem neu gestalteten Rochusplatz errichtet. Bis zum Herbst dieses Jahres soll zum hundertsten Todestag ein August-Gaul-Pfad mit Cortenstahl-Motiven des Berliner Bildhauers Michael Otto verwirklicht werden. Wegen der Corona-Pandemie wird die Sonderausstellung „Weil es mich freut. Plastik und Grafik zum 150. Geburtstag“ im Museum Großauheim bis zum 30. Januar 2022 verlängert. (www.museen-hanau.de)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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