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Schafe und Ziegen

Voller Magen für den Landschaftsschutz

Von Bernhard Biener
 - 16:07
Zeitintensives Hobby: Maximilian Blumenstein sieht mehrmals täglich nach seinen Heidschnucken.

Die Herde hat einen kollektiven Verdacht. Womöglich hat Maximilian Blumenstein Brötchen dabei. 41 schwarze Köpfe haben sich in Richtung des Zweibeiners gedreht und verharren in dieser Position. Zwei- bis dreimal am Tag löst der Besitzer der Schafe diese beeindruckende Choreographie aus, selbst wenn er einfach nur nach dem Rechten schaut und es nichts extra gibt. Wozu auch, denn außer frischem Gras hat die Streuobstwiese heruntergefallene Äpfel zu bieten. Nicht zu vergessen die Brombeerhecken, deren Blätter eine willkommene Abwechslung sind. Gerade deswegen haben die von Blumenstein gehaltenen Heidschnucken Freunde von Amts wegen.

Nicht überall, wo heute Bäume stehen, sind sie für die seit Jahrhunderten vom Menschen geprägte Landschaft typisch. Die Buschwiesen unweit des Gotischen Hauses im Nordwesten Bad Homburgs trügen diesen Namen nur noch zum Teil mit Recht, sagt Thomas Wenzler vom städtischen Fachbereich Umwelt und Landschaftsplanung. „Ein Drittel ist seit den fünfziger Jahren zu Wald geworden.“ Der als Grillplatz ausgewiesene Teil bleibe durch diese Nutzung frei. Ein weiteres Drittel aber habe der Betriebshof regelmäßig mähen müssen, weil es sonst ebenfalls mit Büschen und Bäumen zuwachse.

Früher haben Weidetiere dafür gesorgt, dass die Landschaft ihren offenen Charakter behält. Wo es aber kaum noch Viehhalter gibt, muss die Maschine ran. Das kostet nicht nur Geld. „Der Mulcher zermalmt allen pflanzlichen Bewuchs“, sagt Wenzler. Wenn große Flächen am Stück bearbeitet würden, fänden Insekten darauf keine Nahrung mehr. „Wir haben einen Tierhalter gesucht, der die Wiesen extensiv nutzt.“ Fündig geworden ist er bei dem Oberurseler Hobbyschäfer Blumenstein.

Die relativ kleine Herde aus 40 Muttertieren und einem Bock war 2018 im Frühjahr und Spätsommer auf den Buschwiesen sowie der Désorwiese bei Dornholzhausen im Einsatz. Dieses Jahr sind die Winkelwiesen bei Kirdorf hinzugekommen. Bis zum vergangenen Wochenende standen die Tiere auf einer kleinen Streuobstwiese direkt neben Reihen- und Einfamilienhäusern im Nesselbornfeld.

Wenn sie nicht aufgeschreckt werden oder Blumenstein tatsächlich einmal Brötchen dabei hat, ist normalerweise nicht mehr als das Rupfen am Gras zu hören. Auch zu riechen sind die Tiere kaum. „Es hat sich noch nie jemand beschwert“, sagt Blumenstein. Stattdessen erfreuten sich Spaziergänger an der unerwarteten ländlichen Idylle.

Mit nicht angeleinten Hunden gab es anfangs Schwierigkeiten. Mehrfach haben die Schafe den Elektrozaun in Panik niedergetrampelt, und Blumenstein musste sie einfangen. Im ersten Jahr wurden fünf Tiere totgebissen. Inzwischen sei es besser geworden, sagt Wenzler vom Fachbereich Stadtplanung. „Die Hundehalter wussten nicht, dass sie auf Schafe treffen.“ Künftig sollen Schilder darauf aufmerksam machen und zudem verhindern, dass die Wiesen durch Hinterlassenschaften verunreinigt werden.

Heidschnucken eignen sich als Landschaftspfleger

Weil die von Blumenstein als zeitintensives Hobby gehaltenen Heidschnucken sich nicht mit Gras begnügen, sondern auch vor Brennnesseln, Brombeeren und Gehölzen nicht haltmachen, sind sie besonders geeignete Landschaftspfleger. Auch wenn die Stämme der Apfelbäume deshalb geschützt werden müssen. Der Verzicht auf den Rückschnitt durch den Betriebshof, der sich dafür nicht immer den für Pflanzen und Tiere günstigsten Zeitpunkt aussuchen kann, kommt nach Worten Wenzlers der Vielfalt zugute.

Denn auch Insekten seien anspruchsvoll, sagt er und nennt als Beispiel den Dunklen Ameisenbläuling. Die Raupen des Schmetterlings brauchen die Blüten des Großen Wiesenknopfs, zugleich aber muss ein Ameisennest in der Nähe sein. Die Raupen werden von den Ameisen dorthin geschleppt, überwintern und fressen dann deren Brut. Werden Blüten oder Nest beim Mulchen zerstört, fehlt eine Komponente.

Die Bad Homburger Wiesen sind nicht die einzigen, die mit tierischer Unterstützung in ihrem typischen Zustand bewahrt werden. Thüringer Waldziegen des Talhofs in Usingen haben im Sommer sechs Wochen lang im Badbachtal im Königsteiner Stadtteil Mammolshain gegrast. Es ist in den vergangenen 30 Jahren ebenfalls mit Brombeeren und Büschen zugewuchert, in denen wiederum Wildschweine Deckung finden. Der Obst- und Gartenbauverein, die Arbeitsgemeinschaft Edelkastanie und der Ortsbeirat bemühen sich gemeinsam darum, die einst freie Talaue wiederherzustellen. Die Waldziegen haben sich in Königstein aber auch im Denkmalschutz bewährt. Schon zum zweiten Mal waren sie in diesem Jahr im Burghain im Einsatz.

Viele Spezies seien auf ökologisch wertvolle Offenlandzonen angewiesen, sagt Dieter Selzer, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde beim Hochtaunuskreis. Irgendwann habe es nicht mehr genügend Schafe gegeben, und die maschinelle Bearbeitung sei einfacher gewesen. „Dabei sind die Tiere eigentlich das Mittel der Wahl.“ Wie stark die Wiesen von den Schafen kurzgehalten würden, lasse sich gut steuern, etwa durch die Zahl der Tiere auf einer Fläche, und indem die Herden weiterzögen. „Die Bedeutung ist lange unterschätzt worden.“

Drei große Schafherden gibt es nach Worten Selzers im Hochtaunuskreis noch, ein vierter Schäfer aus Waldems ziehe regelmäßig mit mehreren hundert Tieren durchs Kirdorfer Feld bei Bad Homburg. An den Eschbacher Klippen bei Usingen und in Weilrod-Riedelbach gebe es Heideflächen, auf denen Schafe die menschlichen Helfer bei der Bewahrung unterstützten. „Der Bedarf an Pflege ist groß.“

So weit wie das zwischen Wetterau und Vogelsberg gelegene Hungen, das sich nach Worten Selzers einen eigenen Stadtschäfer leistet, ist Bad Homburg noch nicht. Aber vom Ergebnis der tierischen Grünpflege, die trotz einer Aufwandsentschädigung für Blumenstein günstiger ist als der Einsatz des Betriebshofs, ist Wenzler überzeugt. „Den Wiesen sieht man an, dass sie genutzt, aber nicht übernutzt werden.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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