Vor Beratungen zur Corona-Lage

Das Büro ist nicht das größte Problem

EIN KOMMENTAR Von Carsten Knop
18.01.2021
, 18:34
Vor der Einführung einer Homeoffice-Pflicht sei gewarnt. Denn ein Ort des „Superspreadings“ ist das Büro nicht. Vielmehr gilt es, auf die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer zu setzen.

Was die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder am Dienstag zur weiteren Bekämpfung der Corona-Pandemie beschließen werden, ist offen. FFP-2 Masken werden sich danach auch in Hessen gewiss steigender Nachfrage erfreuen. Aber eine Prognose rund um das Homeoffice fällt schwer. Sollte in Erwägung gezogen werden, dafür einen wie auch immer gearteten Zwang einzuführen, sei davor gewarnt. Dabei sind gar nicht so sehr arbeitsrechtliche Gründe gemeint. Denn das, worum es hier wirklich geht, ist in den meisten Fällen nicht etwa das, was juristisch tatsächlich ein voll eingerichtetes Homeoffice wäre. Gemeint ist die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten mit einem Laptop auf dem Küchentisch. Das aber ist in der aktuellen Situation eher eine Spitzfindigkeit.

Tatsächlich sollten die Beteiligten der Krisenrunde aus grundsätzlichen Überlegungen heraus Besonnenheit walten lassen. In einer amerikanischen Studie, die sich auf Zahlen aus dem Frühjahr bezieht, wurden in zehn Großstädten zu den Hauptübertragungsorten folgende Umgebungen als Ausgangspunkt für das sogenannte „Superspreading“ identifiziert: In der Reihenfolge waren es Restaurants mit normaler Bestuhlung und Service, Fitness-Center, Cafés und Snackbars, Hotels, kleinere Gaststätten, Kirchen, Arztpraxen, Kaufhäuser und Tankstellen. Büros sucht man in dieser Liste vergeblich. Unter den Neuinfektionen, bei denen dem Robert-Koch-Institut Informationen über das Infektionsumfeld vorliegen, haben in den Wochen vor Weihnachten nur fünf Prozent der Infektionen am Arbeitsplatz stattgefunden.

Eine erhebliche Selbstkontrolle

Das heißt, dass von den Betrieben, auch in der Rhein-Main-Region, schon seit Monaten darauf geachtet wird, dass sich die Mitarbeiter dort, wo sie überhaupt noch am Arbeitsplatz erscheinen, Bedingungen vorfinden, mit denen sie sich wohlfühlen. Auch findet in den einzelnen Teams eine erhebliche Selbstkontrolle statt: Auf in der Regel unbeabsichtigtes Fehlverhalten macht man sich freundlich aufmerksam. Chefs kommen mit einer Verweigerungshaltung schon lange nicht mehr durch. Auf diese funktionierende Selbstkontrolle sollte die Politik mit Blick auf das mobile Arbeiten weiterhin setzen.

Käme ein Zwang, stellten sich viele Fragen: Wer kontrolliert, wer entscheidet objektiv, wo es denn nun wirklich nicht anders möglich ist? Umgekehrt gilt allerdings auch: Die Straßen und manche Bahnen und Busse in Frankfurt, Darmstadt, Mainz und Wiesbaden sind mit Berufspendlern reichlich voll. Hier liegt das (Ansteckungs-)Problem. Jeder Angestellte sollte sich fragen: Muss ich wirklich ins Büro? Individuelle Freiheit zu bewahren gelingt nur demjenigen, der individuelle Verantwortung übernimmt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Knop, Carsten
Carsten Knop
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