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Angriff auf Eritreer

Opfer wegen der Hautfarbe

Von Katharina Iskandar
 - 21:58
Markierungen am Tatort: Straße in einem Industrieviertel in Wächtersbach zur Bildergalerie

Der 26 Jahre alte Eritreer, der am Montagmittag in Wächtersbach auf offener Straße niedergeschossen worden ist, wurde Opfer einer rassistisch motivierten Tat. Somit handelt es sich nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke schon um die zweite Tat innerhalb weniger Wochen in Hessen mit rechtsgerichtetem Hintergrund. Die Generalstaatsanwaltschaft sprach am Dienstag von einem „ganz klar fremdenfeindlichen Motiv“. Dem Vernehmen nach soll darauf vor allem ein Abschiedsbrief hindeuten, den die Ermittler bei dem mutmaßlichen Täter fanden.

Wie aus Sicherheitskreisen zu hören war, beinhaltete der Brief jedoch noch ein weiteres Detail: Der Schütze, Roland K., hatte darin beschrieben, sich selbst töten zu wollen – mit dem Zusatz, einen Ausländer mit in den Tod zu ziehen. Er habe „mit seinem Leben schon abgeschlossen“, so ein Ermittler. Das habe er dann offenbar mit seinem Hass auf Flüchtlinge verbunden.

Die Generalstaatsanwaltschaft gab auch nähere Details zum Tatablauf bekannt. Wie Oberstaatsanwalt Alexander Badle ausführte, war Roland K. offenbar zunächst ohne konkretes Ziel in seinem Auto herumgefahren, bis er auf eine Person mit ausländischem Aussehen stieß und sich die Gelegenheit ergab, diese zu töten. „Das Opfer wurde zufällig, aber dann doch gezielt aufgrund seiner Hautfarbe ausgewählt“, sagte Badle.

Weitere Details über den Täter

Als Roland K. den Eritreer an der Industriestraße entdeckte, schoss er aus seinem Auto heraus drei Mal auf ihn. Nach ersten Erkenntnissen verwendete er dafür eine Pistole vom Kaliber 9 Millimeter. Eine Kugel traf das Opfer am Bauch. Wie berichtet, überlebte der Eritreer schwer verletzt. Zeugen kümmerten sich um den Mann und riefen die Polizei. Etwa drei Stunden später fanden die Beamten den Schützen Roland K. in seinem Auto in Biebergemünd und konnten den Mann wegen des Abschiedsbriefs als Täter identifizieren. Er hatte sich mit einer Langwaffe in den Kopf geschossen.

Inzwischen werden auch immer mehr Details über Roland K. selbst bekannt. Laut Badle ist derzeit nicht erkennbar, dass er einem rechtsextremistischen oder sogar terroristischen Netzwerk angehörte. Dennoch prüfe das hessische Landeskriminalamt derartige Verbindungen. Dazu gehöre auch die Frage, ob er sich in der Vergangenheit schon intensiver mit dem Töten von Ausländern auseinandergesetzt habe. Aufschluss darüber soll vor allem die Kommunikation von Roland K. geben.

Mitglied im Schützenverein, Affinität zu Waffen

Zahlreiche Datenträger wurden sichergestellt. Offenbar hegte der Lastwagenfahrer, der Metzger gelernt hatte, einen tiefen Hass auf Ausländer. K. war erst 2017 nach Biebergemünd gezogen und hatte dort allein in einem Einfamilienhaus gewohnt. Nach Angaben des Bürgermeisters, Manfred Weber, soll er nicht weiter auffällig gewesen sein. Nachbarn und auch Bekannte von Roland K. berichteten jedoch auch von einer gewalttätigen Seite des Mannes. Demnach soll K. in dem Ort angekündigt haben, er wolle sich umbringen, aber zuvor noch einen Ausländer töten.

Roland K. gehörte einem Schützenverein an und hatte darüber hinaus eine große Affinität zu Waffen. Allein in seinem Auto fanden die Ermittler eine Pistole, die die Tatwaffe war, und zwei Langwaffen. In seinem Haus stellten sie zwei weitere Waffen sicher, zudem rund tausend Schuss Munition. Die Waffen besaß Roland K. legal, sie waren beim Main-Kinzig-Kreis angemeldet, das bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft.

22. Juli als Symboltag?

Unklar ist derzeit noch, wie lange Roland K. die Tat schon geplant hatte – und ob das Datum, der 22. Juli, dabei eine Rolle spielt. An diesem Tag vor acht Jahren hatte der Rechtsextremist Anders Breivik in Oslo und auf der norwegischen Insel Utoya 77 Menschen getötet. Vor drei Jahren am 22. Juli schließlich erschoss der Schüler David Sonboly im Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen mit Migrationshintergrund. „Es darf nicht zugelassen werden, dass der 22. Juli zu einem Symboltag wird, an dem Rechtsterroristen Gewalttaten verüben“, sagte die Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag, Janine Wissler.

Die hessische Landesregierung zeigte sich am Dienstag betroffen angesichts des rassistisch motivierten Anschlags. Die Schüsse auf offener Straße erschreckten, sagte Regierungssprecher Michael Bußer. Die Sicherheitsbehörden würden „alles tun, um die Straftat und ihre Hintergründe restlos aufzuklären“. Der Vorsitzende des Landesausländerbeirates, Enis Gülegen, äußerte, „das friedliche Zusammenleben aller Menschen in Deutschland und in Hessen ist in Gefahr“.

Der von Rechtspopulisten in den vergangenen Jahren gegenüber Migranten betriebene Hass schlage nun „offenbar in Mordanschläge auf offener Straße um. Die Gewaltausbrüche sind eine Folge der rechtspopulistischen Hetze“. Es sei die Aufgabe der Polizei, des Verfassungsschutzes und aller staatlichen Organe, „arglose Menschen in allen Lebensbereichen vor rechtsextremistischen Anschlägen zu schützen“.

Mahnwache am Abend

Am Dienstagabend wird in Wächtersbach am Tatort im Industriegebiet ein Gedenken gegen Rassismus abgehalten. Etwa 400 Leute sind gekommen, nicht viele für die Gemeinde mit rund 12.000 Einwohnern. Viele Familien sind darunter, auch einige Flüchtlinge. Manche haben Plakate mitgebracht: „Offen für Vielfalt“, „Kein Platz für Rassismus“.

Es wird lange geschwiegen, dann spricht Bürgermeister Andreas Weiher. Ein „weiteres Mal“ sei nach dem Mord an Lübcke „aus Gedanken eine Tat“ geworden. In Wächtersbach, wo die Integration eigentlich so gut laufe, seien „Grenzen gefallen“. Das Gedenken nennt Weiher ein „Zeichen“. Er beschwört: Die Tat werde den Ort stärker machen. (jsta.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Iskandar, Katharina
Katharina Iskandar
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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