Der Wandertipp

Im römischen Grenzbereich

Von Thomas Klein, Pohl
09.07.2021
, 13:41
Neben der Saalburg gibt es ein zweites, vollständig rekonstruierte Kastell: Nahe der kleinen Gemeinde Pohl im nordwestlichen Hintertaunus.
Das Kastell Saalburg hat einen kleineren Bruder im Hintertaunus. Bei Pohl erwuchs eines der frühen Holz-Erde-Lager der Römer. Bestens ausgestattet wird es von weiteren Rekonstruktionen im Umland ergänzt.

Die Saalburg steht nicht mehr allein. Ihr mehr als hundertjähriges Merkmal des einzigen wiederaufgebauten Limeskastells gilt nicht länger, dürfte es auch noch kein Allgemeingut sein, wer da seit zehn Jahren am Nimbus kratzt. Man muss schon in den dünn besiedelten Hintertaunus schauen, um das zweite, vollständig rekonstruierte Militärlager nahe der kleinen Gemeinde Pohl zu entdecken.

Vielleicht war es der auf den römischen Pfahlgraben zurückgehende Ortsnamen, der einige Enthusiasten antrieb, im Rahmen der Anerkennung des Limes als Unesco-Welterbe 2005 für zusätzliche Anschauung zu sorgen. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, versteht sich, womit auch eine zeitliche Lücke geschlossen wird. Anders als die in Stein aufgeführte Saalburg der späteren Ausbaustufe ist es hier eines jener Holz-Erde-Lager, mit denen die zunächst durchs unwirtliche Germanenland geschlagenen Schneisen seit dem frühen zweiten Jahrhundert gesichert wurden.

Musste beim Nachbau auch Beton zum Einsatz kommen, scheute man nicht den Aufwand, die Gebäude samt zinnenbekränztem Außenring mit Brettern zu verkleiden. Sie sollten, weiß gehalten bei rotem Fugenstrich, massive Steinwände vortäuschen. Doch selbst so war das 1500 Quadratmeter große Rechteck dank steilwandiger Erdgräben kaum einzunehmen. Indessen von Blumen erobert, denkt der Besucher jetzt eher an einen floristischen Vorposten der Römer.

Schutzfunktion des Kastells

Erst kürzlich haben einige Helfer die Scheinmauerung aufgefrischt, wie überhaupt ohne ehrenamtlich geleistetes Engagement die Anlage nicht zu unterhalten wäre. Das besondere Augenmerk liegt in der aktiven Vermittlung durch Führungsdienste, Veranstaltungen und einem Programm für das Smartphone beim individuellen Rundgang. Das ist auch hilfreich mit Blick auf den zuweilen veränderten Ausstellungsbereich. Neu sind zahlreiche, effektvoll beleuchtete Kleinfunde, während sich unter dem freitragenden Dach der Basilika viel Platz für Grabstelen fand.

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Die dort virtuell gezeigten Karten verdeutlichen die Schutzfunktion des Kastells am Schnittpunkt der von Rhein und Lahn kommenden Fernwege, der wiederum den Wechsel des Grenzverlaufs aus nordwestlicher Richtung nach Südosten gen Hochtaunus markierte. Da galt es auch sonst Eindruck zu machen. Es fehlte nicht an einem bronzenen Tor, an Schiebefenstern und Klappläden, und den besteigbaren Wachturm krönt ein Pinienzapfen auf der Rauchlaterne zur Signalübertragung.

Nicht zuletzt im Umland ist die römische Welt wiedererstanden. Oberhalb von Pohl zeigen Palisaden den gut erhaltenen Limeswall an, bei Hunzel pflanzte man einen Lehrgarten für historische Obstsorten, in Marienfels erinnert ein torartiger Bogen an den Badbereich von Kastell und Vicus und vielerorts geben Erläuterungstafeln erschöpfend Auskunft über das römische Leben im Grenzbereich.

Wegbeschreibung

Obwohl an der Bäderstraße (B 260) gelegen, ist Pohl am Wochenende nur schwerlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Autofahrer können vor dem Kastell oder in der Kirchstraße parken. Die Stellfläche darf auch außerhalb der (eigenen) Besuchszeit genutzt werden.

Davor oder gegenüber der Kirche nimmt man die Markierung des Limeswanderweges auf. Das schwarze Wachtürmchen biegt gleich rechts in die Römerstraße und dann hinter dem letzten Haus rechts zum nahen Wald. Ein großes Schild „Limes“ vor der Palisade angespitzter Pfähle weist in den Begleitweg des noch erstaunlich gut vorhandenen Erdwalls ein.

Anders sieht es um die Gemeinden aus: Dort ist alles verschliffen, so auch bei Hunzel, das wir, nach 250 Metern am Baumrand, mit Rechts- und Linksabzweigen erreichen (noch vor den ersten Häusern rechts). Wie Pohl entstand der Ort über einem Kastell, woran an der „Limesherberge“ ein Ziehbrunnen und das große Wandgemälde gegenüber erinnern.

Das Zeichen führt gen Berg quer hindurch und weiter in Offenland, fast genau auf der einstigen Demarkationslinie verlaufend. Zur linksseitigen Umgehung eines Wäldchens verlassen wir sie, sichten sie aber wieder – visualisiert von Kastanien – oberhalb des Lehrgartens. Dieser erinnert mit historischen Apfel-, Kirsch- oder Pflaumensorten an ihre Kultivierung durch Römer und Germanen.

Über einen befestigten Feldweg steuert man auf das erhöht liegende Dörfchen Berg zu. Auch jetzt heißt es in direkter Linie hinein, um nach kurzer Felderpartie links vor den Wald und dann rechts unter die Bäume und damit steil abwärts über teils rutschige Pfade ins Mühlbachtal geleitet zu werden. Selbst solch unwegsames Terrain war den römischen Strategen kein Hindernis beim Limesbau, und die Senke dürfte versumpft gewesen sein.

Noch heute, wenn wir uns links – nun mit dem Zeichen blauer Strich – am Rande des Talgrunds eingeordnet haben, wirkt der Flusslauf weitgehend unberührt. Etwa 20 Minuten später, 700 Meter nach der großen Kläranlage, quert man rechts den Bach, und kommt zum überdachten Sauerbrunnen, dem ein römischer Halbbogen vorgesetzt ist. Er deutet die Lage des zu Kastell und Vicus gehörenden Bades an, Kernzelle der Gemeinde Marienfels.

Den Mühlbach kreuzen

Der Weg führt links der Bebauung zur barocken Pfarrkirche auf hohem Fels. Hier überschreitet man den Mühlbach und knickt gleich dahinter rechts – ohne Markierung – in den asphaltierten Wirtschaftsweg. Aus dem Untergrund wird bald Splitt und eben geht es zwischen Wiesen bis zur Straße vor Miehlen, in dem dank Nutzung als Bibliothek das Geburtshaus des legendären Räuberhauptmanns Schinderhannes erhalten blieb.

Möchte man diese Schleife aussparen, dann links, vorbei an dem Sportplatz, zur Zufahrt von Feriengebiet und Stausee jenseits der Landstraße. Ansonsten rechts, vom Mühlbach geleitet, in die Ortsmitte, wo man an der Friedenslinde hinüberwechselt und weiter zur nahen Fachwerkkate. Abgesehen vom Namen erinnert freilich nichts an den Sohn eines Schinders, also des Abdeckers von Tierkadavern, dem beim Mainzer Prozess 1803 über 200 Straftaten zur Last gelegt wurden.

Wir kreuzen abermals den Mühlbach, links und rechts in die Haargasse zu einem alten Bekannten, dem blauen Strich. Er begleitet dann links durch die Schulstraße hinaus, vorbei an einem Jüdischen Friedhof und noch 750 Meter zu besagter Einfahrt in das Feriengebiet. Ohne den Strich heißt es mit dem Sträßchen zu einem kleinen Stausee, an dem wegen biotopartiger Vegetation keine Freizeitaktivitäten erlaubt sind. Umso stimmungsvoller ist der Uferpfad. Beim Gang an der dicht bewachsenen linken Seite wird man ausgangs rechts wieder zu dem Fahrweg gewiesen; hier links zur Gaststätte Hauserbach und zwei Kilometer bei leichtem Hinan durch Felder und Weiden geradeaus Pohl entgegen.

Sehenswert

Kleinkastell Pohl: Vollständiger, bis 2011 errichtete Nachbau eines frühen, in Holz und Erde aufgeführten Limes-Militärlagers um 100 nach Christus. Die Räume wurden authentisch ausgestattet, dazu Kleinfunde, Grabstelen und Militaria. Anfassen und Ausprobieren erlaubt.

Weiter sind in dem einstigen Limesraum verschiedene Rekonstruktion zu sehen: Palisade, historischer Obstgarten oder der Thermenstandort in Marienfels. Auch diese Gemeinde entstand über einem Kastell.

In Miehlen blieb die Geburtsstätte des Räuberhauptmanns Schinderhannes erhalten, ein einfaches Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert.

Anfahrt

Mit der B 260 ab Wiesbaden oder A3 bis Idstein und über Taunusstein und Bad Schwalbach zur B 260. Am Wochenende fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel.

Quelle: F.A.Z.
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